Es ist der 22. Mai 1965, als der Bahnhof in Salem-Stefansfeld noch einmal große Aufmerksamkeit erfährt. Punkt 10 Uhr fährt der Sonderzug der englischen Königin in den kleinen Bahnhof ein. Elisabeth II. ist auf großem Staatsbesuch in Deutschland und nutzt diesen auch für einen privaten Abstecher auf Schloss Salem. Mehr als 10.000 Menschen säumen die Straße in Stefansfeld, als die Queen den kurzen Weg von den Gleisen zum Schloss zurücklegt.

Es ist ein letztes großes Hurra für den Stefansfelder Bahnhof: Für den Besuch der englischen Königin war das Gebäude noch einmal aufwendig herausgeputzt worden. Personenzüge verkehren da schon lange nicht mehr. Dabei hatte der Bahnhof einst eine wichtige Bedeutung für die Entwicklung der Region. Am 30. November 1905 wie die anderen Stationen an der Strecke von Mimmenhausen-Neufrach nach Salem (Stefansfeld), Weildorf, Leustetten und Frickingen in Betrieb genommen, diente er, um Güter zu verladen. Zudem nutzten Bürger aus dem Salemertal die Bahn, um neue Arbeitsplätze in Friedrichshafen und Überlingen anzutreten.

Doch diese Entwicklung endet abrupt mit dem zunehmenden Autoverkehr in den 1950er-Jahren. Am 4. Oktober 1953 wird der Personenverkehr auf Bahnstrecke der Badischen Staatsbahn eingestellt, der regelmäßige Güterverkehr endet 1971. Bis 1990 fährt noch ab und zu eine Lok über die Gleise, dann ist es ruhig am Bahnhof Salem.

Es ist eben diese Ruhe, die Cordula und Gotthardin Thylmann so schätzen. „Es ist der ideale Rückzugsort“, sagen sie heute. Vor 30 Jahren hat das freischaffende Künstlerehepaar das alte Bahnhofsgebäude von einem Instrumentenbauer übernommen. Über eine Zeitungsannonce unter dem Titel „Bahnhof im Jugendstil zu verkaufen“ sind sie auf das Haus aufmerksam geworden. „Als wir ihn gesehen haben, war sofort klar: das wird’s“, sagt Cordula Thylmann. Mit viel Liebe haben sie den Bahnhof im Lauf der Jahre umgebaut – stets darauf bedacht, den Charme des Gebäudes zu erhalten. „Wir wollen die Authentizität des Bahnhofs erhalten.“ Dass sie sich dabei auch an Vorgaben des Denkmalschutzes halten mussten, habe sie nie gestört. „Das ist auch in unserem Interesse“, sagt Gotthardin Thylmann, der aber auch zugeben muss, dass das nicht immer günstig war. So hat die Familie etwa extra neue Fenstersimse von einem örtlichen Steinmetz anfertigen lassen, die den Originalen entsprechen. Auch im Gebäudeinneren herrscht der Schick der 1920er/30er- Jahre – meist kombiniert mit modernen Elementen.

Von außen ist die Vergangenheit des Gebäudes nicht zu übersehen. Die ehemaligen Gleise verlaufen noch durch den Garten, gesäumt von Bäumen und den originalen Weichensignalen. Der Bahnsteig dient der Familie heute als Terrasse. Den ehemaligen Wartesaal, einst in einen Raum für die Bevölkerung und einen für den Markgrafen unterteilt, nutzt Gotthardin Thylmann als Atelier. Den ehemaligen Schuppen für Expressgut nutzt seine Frau als Tanzraum. „Es ist schön, wenn ein Haus Geschichte hat“, sagt sie.

Ein paar Kilometer weiter setzt Fritz Willibald auf ein ganz anderes Konzept. Seit 1987 betreibt er in Frickingen Deutschlands ersten Ferienbahnhof. Seitdem hat er hier tausende Gäste bewirtet, „darunter sind viele Eisenbahnfans“. Diese wohnen nicht im alten Bahnhof, sondern in einem von zwölf Eisenbahnwaggons aus den 1920er-Jahren, die zu originellen Wohnungen umgebaut wurden. Mit fünf Wagen hat Willibald 1987 sein außergewöhnliches Hotel eröffnet, am 30. November 2005, auf den Tag genau 100 Jahre nach der Einweihung des Bahnhofs, kam der letzte dazu. Auch das Bahnhofsgebäude selbst wird genutzt: Der einstige Wartesaal dient heute als Büro und Aufenthaltsort für die Gäste. Für sich selbst hat Fritz Willibald die Wohnung des Bahnhofsvorstehers ausgebaut. „Es hat schon eine gewisse Qualität. Das hat aber auch mit der Liebhaberei zu tun“, sagt er. Mit viel Hingabe hat er über die Jahre viele Gegenstände mit Geschichte gesammelt: Signale, eine Schranke und ein Andreaskreuz. „Ich bin ein Antiquitätenliebhaber“, sagt der 73-Jährige. Das sei auch der Grund gewesen, weshalb er den ehemaligen Bahnhof 1976 von der Gemeinde gekauft hat.

Fritz Willibald betreibt seit 1987 den Ferienbahnhof in Frickingen.
Fritz Willibald betreibt seit 1987 den Ferienbahnhof in Frickingen. | Bild: Martin Deck

Auch der Bahnhof in Meßkirch war über viele Jahre verwahrlost. „Als wir 1970 nach Meßkirch kamen, stand er schon ewig leer“, erinnert sich Harry Knoll. Seit 2000 betreibt er seine Metzgerei im Bahnhof. „Ein Prozess, der lange angedauert hat“, wie er sagt. Schon länger habe er mit dem Gedanken gespielt, den alten Bahnhof als Verkaufsraum zu nutzen. Als 1998 der befreundete Geschäftsmann Peter Schneider das Gebäude von der Bahn kaufte, war für Harry Knoll und seinen Bruder Max klar, dass sie diese Chance nutzen möchten. Zwar gab es unter den Händlerkollegen auch Kritik, da mit der Metzgerei ein wichtiger Frequenzbringer die Innenstadt verließ. Aus der Bevölkerung gab es hingegen viel positive Rückmeldung, dass wieder Leben in den alten Bahnhof kommt, sagt Harry Knoll. Die Sorgen, ob die Kunden den neuen Standort annehmen werden, erwiesen sich schnell als unbegründet. „Wenn wir das damals nicht gemacht hätten, gäbe es uns heute nicht mehr“, sagt Harry Knoll, der den Erfolg auch auf den Charme des Bahnhofgebäudes zurückführt: „Es ist ein Gebäude, das etwas hermacht.“ Neben der Metzgerei ist auch noch eine Bäckerei im Gebäude untergebracht. Seit neuestem gibt es einmal im Monat eine After-Work-Party mit DJ, wie Knoll stolz erzählt: „Der Bahnhof ist heute wieder ein Treffpunkt.“

 

Drei aktuelle Projekte

  • Bahnhof Therme Überlingen: Vier Jahre, nachdem der Überlinger Investor Michael Stehle den denkmalgeschützten Bahnhof Therme gekauft hat, zeichnen sich konkrete Pläne ab. Stadt und Stehle einigten sich darauf, dass das unter Denkmalschutz stehende Gebäude von der LGS GmbH während der Landesgartenschau 2020 genutzt werden darf. „Wir denken im Wesentlichen an einen Verkaufsschalter für Tagestickets“, sagt LGS-Sprecherin Petra Pintscher. Zudem ist ein Gastronomiebetrieb im Erdgeschoss geplant, wie Stehle sagt. Östlich des Bahnhofs soll ein neues Bürogebäude entstehen, das Stehle mit seiner Firma nutzen möchte. Die Arbeiten haben bereits begonnen und sollen 2019 abgeschlossen sein. (mde)
  • Bahnhof Markdorf: Seit Jahren steht der Markdorfer Bahnhof leer, nachdem die Deutsche Bahn den Serviceschalter dicht gemacht hat. Fahrkarten gibt es nur noch am Automaten, das Gebäude selbst ist verschlossen. Die Stadt hat den Bahnhof mittlerweile erworben. Die Bahn soll noch in diesem Jahr ihre Nutzungen im Erdgeschoss bündeln, so dass die Stadt den größten Teil der Räume für ihre Zwecke nutzen kann. Für den Umbau und die Sanierung benötigt die Stadt allerdings einen Investor. Konkrete Vorstellungen gibt es aber bereits: Die Stadt möchte wieder einen Fahrkartenschalter, eventuell angebunden an ein Reisebüro, sowie ein Bistro. „Ich wäre glücklich, wenn wir im Jahr 2018 einen ordentlichen Schritt vorankämen“, sagt Bürgermeister Georg Riedmann. (gup)
  • Bahnhof Fischbach: Für kurze Zeit war der Bahnhof Fischbach Ende Mai 2014 wieder lediglich ein Gebäude an einem Haltepunkt. Wegen Insolvenz mussten Kulturbetrieb und Gastronomie geschlossen werden. Kleinkunst und Kultur kehrten bereits wenige Monate darauf wieder in die alte Lokhalle ein. Der frühere Besitzer Peter Berchtold führt das Programm fort – nun im Auftrag der Stadt, die seit 2014 wieder Besitzerin des Gebäudes ist. Künftig wird die Lokhalle außerdem vom Kulturbüro der Stadt bespielt. Und auch im angrenzenden Restaurant soll nach der Renovierung voraussichtlich Mitte April wieder Leben einkehren. Anfang des Jahres stellte die Stadt den von vielen Friedrichshafenern lang ersehnten neuen Pächter vor. (böm)