7 Uhr morgens. In einem Lieferwagen fahren acht Erntehelfer vom Spargelhof Geiger zum Einsatz auf den Acker in Holzhäusern bei Tettnang. Kraftvoll schwingt Herbert Szolomajer die weiße Schutzfolie vom feldlangen Erdhügel, dem Spargeldamm, legt einen der blütenweißen Spargeltriebe, die keck ihren Kopf aus der Erde strecken, frei und sticht ihn im Boden mit seinem Spargelstecher ab. Herbert Szolomajer arbeitet schnell und routiniert. Seit sechs Jahren kommt er auf den Spargelhof von Thomas Geiger. Zuhause in Rumänien arbeite er als Chauffeur, erzählt der junge Mann in rudimentärem Deutsch. auf dem Feld verdiene er etwa das Doppelte.

Ältere bleiben immer öfter weg

Die wertvolle Sprosse hat die korrekte Länge und passt exakt in die Abmessung des Metallkorbs. "Nicht jeder hat die entsprechenden motorischen Fähigkeiten", sagt Thomas Geiger. Er schätzt deshalb Erntehelfer, die immer wieder kommen und die er nicht mehr anlernen muss. Doch die Älteren blieben immer öfter weg und für junge Leute sei der Job nicht mehr attraktiv. "Dieses Jahr hatte ich noch kein Problem, aber wie es nächstes Jahr aussieht, weiß ich nicht." Eine Sorge, die er mit Hubert Knoblauch teilt. Auch er findet immer weniger qualifizierte Helfer mit Deutschkenntnissen für die Erdbeerernte. Früher, so berichtet der Betreiber eines Obst- und Geflügelhofs in Friedrichshafen-Berg, habe er viele Erntehelfer aus Polen beschäftigt. Damals hätten sie für diese Tätigkeit in Deutschland ungefähr das Sechsfache des polnischen Lohns verdient.

Die Breite des Korbs bestimmt die Länge des Spargels.
Die Breite des Korbs bestimmt die Länge des Spargels. | Bild: Anette Bengelsdorf

"Unser Einzugsgebiet verlagert sich in andere Länder", sagt Wilfried Möking, Landwirt in Uhldingen-Seefelden. Doch auch in Rumänien steigen die Löhne und viele Menschen verbringen ihren Urlaub inzwischen lieber mit ihrer Familie als bei einem Zehnstundentag in gebückter Haltung auf dem Spargel- oder Erdbeerfeld, einem Knochenjob ohne Prestigefaktor zum Mindestlohn.

Jobs auf dem Bau sind gefragter

Auch veränderte Ausbildungsmöglichkeiten schaffen den Menschen zunehmend eine Perspektive im eigenen Land. "Wer trotzdem ins Ausland geht, sucht sich lieber einen gut bezahlten Job auf dem Bau oder bei einem Paketzusteller", weiß Vorstandssprecher Simon Schumacher vom Verband Süddeutscher Erdbeer- und Spargelanbauer (VSSE). Sein Verband beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit dem Problem gestiegener Spargelanbauflächen bei sinkendem Saisonarbeiterangebot. Denn so wie bei Thomas Geiger, der vor 30 Jahren mit ein bis zwei Helfern begann und heute etwa 20 Saisonarbeiter beschäftigt, sind die Anbauflächen im gesamten Bodenseekreis und damit der Personalbedarf gestiegen.

Die Spargelsprosse wird vorsichtig freigelegt, dann mit dem Spargelstecher im Boden abgeschnitten.
Die Spargelsprosse wird vorsichtig freigelegt, dann mit dem Spargelstecher im Boden abgeschnitten. | Bild: Anette Bengelsdorf

1660 Erdbeerpflücker im Bodenseekreis benötigt

Betrugen diese im Jahr 2004, gemäß Statistischem Landesamt, noch 28 Hektar, so wurde 2016 bereits auf 61 Hektar das Edelgemüse angebaut. Daraus ergebe sich, so Schumacher, ein Erntehelferbedarf zwischen 122 und 183 Personen. Zeitgleich würden im Bodenseekreis etwa 1660 Erdbeerpflücker benötigt, die die verderbliche Ware vom Feld in die Körbe befördern.

Deutsche Erntehelfer sind aufgrund der Vollbeschäftigung kaum zu bekommen. Der Versuch, Arbeitskräfte aus Serbien und Bosnien zu rekrutieren, scheitert an den Formalitäten. Zwölf Monate nimmt derzeit die Visa-Bearbeitung bei den Botschaften in Anspruch. "Im Sommer wurde mir angeboten, Studenten aus der Ukraine zu beschäftigen", sagt Knoblauch. Doch die dürfen mit Visum nur in den Semesterferien kommen. Das passe aber nicht zur Erntezeit.

In gebückter Haltung sticht Herbert Szolomajer aus Rumänien täglich Spargel in Tettnang. Zuhause in Rumänien arbeitet er als Chauffeur. Bilder: Anette Bengelsdorf
In gebückter Haltung sticht Herbert Szolomajer aus Rumänien täglich Spargel in Tettnang. Zuhause in Rumänien arbeitet er als Chauffeur. Bilder: Anette Bengelsdorf | Bild: Anette Bengelsdorf

Politik könnte Problem verschärfen

Verschärfen könnte sich das Problem zusätzlich durch die Politik. Beträgt der Zeitraum für sozialversicherungsfreie Beschäftigung in der Landwirtschaft derzeit drei Monate oder 70 Arbeitstage, was zur Spargelerntezeit von Mitte März bis Mitte Juni passt, soll diese ab 2019 wieder auf zwei Monate sinken. "Somit bräuchte man doppelt so viele Leute bei doppeltem Verwaltungsaufwand", befürchtet Simon Schumacher.

Landwirte denken über weniger Anbauflächen nach

Eine laufende Umfrage des VSSE unter süddeutschen Erdbeer- und Spargelanbauern mit bislang 224 Teilnehmern fördert daher Beunruhigendes zutage. Auf die Frage: "Welche Maßnahmen ergreifen Sie, um auf eine mögliche zunehmende Verknappung von Saisonarbeitskräften zu reagieren?", antworteten 44 Prozent mit Reduktion der Anbaufläche. 27 Prozent erwägen, die Erdbeer- und Spargelproduktion vorzeitig aufzugeben. 20 Prozent denken über eine Mechanisierung der Ernte nach. Prototypen von vollautomatischen Spargelstechern sind dafür bereits im Testeinsatz. Dass jedoch ein Erdbeerroboter jemals das nötige Feingefühl für die druckempfindlichen Früchte aufbringen wird, daran glaubt auch Thomas Geiger nicht.