Die Zahlen sprechen Bände: 30 Pflegeheime gibt es im Bodenseekreis mit 1717 Plätzen (Stand April 2018). 476 Senioren, also mehr als ein Viertel aller Heimbewohner, müssen ihr Zimmer in 21 Heimen im Kreis immer noch mit einem zumeist fremden Menschen teilen. So geht es aus einem Papier hervor, das dem Sozialausschuss des Kreistags zur Kenntnis gegeben wird. Dabei gilt seit September 2009 eine neue Landesheimbauverordnung, die definiert, dass Senioren Anspruch auf ein Einzelzimmer haben. Allerdings hat der Gesetzgeber eine zehnjährige Übergangsfrist festgesetzt. Das heißt, bis zum 31. August 2019 bleibt Zeit, Doppelzimmer in Heimen abzubauen. Doch die drängt nun.

Mindestens 14 Quadratmeter

Dass es nach wie vor 238 Doppelzimmer im Bodenseekreis gibt, hat mehrere Gründe. Würden alle aufgelöst, fielen ebenso viele Heimplätze für Senioren weg, die stark nachgefragt werden. Mancherorts kann aktuell und bis zum Jahr 2025 nicht mal der Bedarf inklusive Doppelzimmern gedeckt werden. Nicht zuletzt schreibt die neue Landesheimbauverordnung auch vor, dass Einzelzimmer mindestens 14 Quadratmeter Wohnfläche haben müssen oder in bestehenden Heimen maximal zwei Bewohner ein Bad gemeinsam nutzen sollen. Das bedeutet in einigen Heimen: Ohne Umbau wird man den höheren Anforderungen kaum gerecht, was ebenfalls Geld kostet. Apropos Geld: Nach Einschätzung der Kreisverwaltung wird der Platzabbau in Doppelzimmern „indirekt zu steigenden Pflegevergütungen“ führen.

Im Fall des Karl-Olga-Hauses in Friedrichshafen wird die schwierige Sachlage besonders deutlich.
Im Fall des Karl-Olga-Hauses in Friedrichshafen wird die schwierige Sachlage besonders deutlich. | Bild: Andreas Ambrosius

Im Fall des Karl-Olga-Hauses (KOH) in Friedrichshafen wird die schwierige Sachlage besonders deutlich. Das städtische Pflegeheim hat 110 Plätze, davon 30 in Doppelzimmern – so viel wie kein anderes Heim im Kreisgebiet. Allerdings sind nach Auskunft der Stadtverwaltung von den 30 nur zwölf Doppelzimmer auch doppelt belegt und sechs einzeln vermietet. „Die anderen zwölf Doppelzimmer sind derzeit aufgrund der Personalkapazitäten einzeln belegt, könnten aber doppelt belegt werden“, erklärt Stadtsprecherin Monika Blank auf Nachfrage. Diese Möglichkeit fällt in 15 Monaten allerdings weg – und damit etwa ein Viertel der Platzkapazität im KOH. Zwar plant die Stadt Friedrichshafen seit Jahren einen Neubau, der 2019 in Betrieb gehen sollte. Doch noch immer gibt es keine baurechtliche Grundlage für den bereits beschlossenen Gestaltungsentwurf. Der Baubeginn ist nun für 2019, Fertigstellung 2021 geplant. Bis dahin bleibt das Heim in einem über 100 Jahre alten ehemaligen Krankenhausgebäude, das jährlich zwischen einer halben und einer Million Euro Defizit schreibt, weiter in Betrieb. Was ab August 2019 mit den Doppelzimmern geschieht, ist noch unklar. „Wir sind derzeit mit der Heimaufsicht im Gespräch, um eine Regelung für die Übergangszeit bis zur Eröffnung des Neubaus zu finden“, nimmt die Stadtverwaltung Stellung.

Zwar lässt der Gesetzgeber die Möglichkeit, Heimbetreiber von den Vorschriften der neuen Verordnung zu befreien, wenn sie mit den Interessen und Bedürfnissen der Bewohner vereinbar ist. Die Doppelzimmer-Belegung dürfte da – außer bei Ehepaaren vielleicht – auf keine Gegenliebe mehr stoßen. Und doch schlägt die Kreisverwaltung vor, etwa 40 Doppelzimmer in voraussichtlich 20 Pflegeheimen des Bodenseekreises zu belassen, also zwei Doppelzimmer pro Einrichtung.

Diese Regelung hängt mit dem zweiten große Problem in der Seniorenbetreuung zusammen: Es gibt kaum Kurzzeitpflegeplätze im Kreis. „Ganzjährig planbare Kurzzeitpflegeplätze sind nahezu ständig ausgebucht“, steht in einer zweiten Vorlage, die der Sozialausschuss des Kreises ebenfalls auf den Tisch bekommt. Kein Wunder: Es gibt im gesamten Kreisgebiet nur 18 Kurzzeitpflegeplätze in neun Heimen, davon allein zwölf in Friedrichshafen. Zwar gibt es weitere 92 Plätze, die in den Heimen „eingestreut“ sind. Doch auch die stünden faktisch nicht zur Verfügung, da sie von den Heimträgern wegen der hohen Nachfrage lieber an Dauergäste vergeben würden. Noch dazu, weil der mit der Kurzzeitpflege verbundene hohe Aufwand über den Pflegesatz nicht ausgeglichen wird. Das heißt unterm Strich: Bis zum Jahr 2020 bräuchte man 70 Kurzzeitpflegeplätze im Kreis, bis 2025 sogar 130. „Dieser Anstieg verschärft die bisher bereits angespannte Situation nochmals“, steht in dem Bericht der Kreisverwaltung.

So soll Problem entschärft werden

Um das Problem zu entschärfen, soll im Kreisgebiet also jedes Heim zwei Doppelzimmer behalten dürfen, um hier ausschließlich Kurzzeit-Gäste zu versorgen. Rechtlich möglich soll das mit einer Änderung der Landesheimbauverordnung werden, die die Kurzzeitpflege dann auch in Mehrbettzimmern erlaubt. Trotzdem fehlen auch dann 112 zusätzliche Plätze. Diesen Bedarf soll künftig eine Einrichtung abdecken, die ausschließlich Kurzzeitpflege betreibt. Das empfiehlt zumindest eine Expertengruppe des Netzwerks „Älter werden im Bodenseekreis“. Solche Einrichtungen gebe es schon, beispielsweise in Verbindung mit Krankenhäusern, Reha-Zentren oder Pflegehotels. Ob sich ein Heimträger im Kreisgebiet findet, ein solches Konzept vorzuschlagen, muss sich zeigen.

Doppelzimmer oder Einzelzimmer, Kurzzeit- oder Dauerpflege – ein Problem schwebt über allem: der Fachkräftemangel. „So können einzelne Plätze in Pflegeheimen nicht belegt werden oder ambulante Pflegedienste nehmen keine Neukunden an, weil das Personal fehlt“, steht in dem Papier der Kreisverwaltung. Ob hier eine Kampagne auf Kreisebene hilft, die das Netzwerk starten will, um für Berufe in der Pflege zu werben, bleibt abzuwarten.

 

Vorschlag aus Lindau

Die Expertengruppe des Netzwerks „Älter werden im Bodenseekreis“ hat einen ganz konkreten Vorschlag parat, wie sich mit finanziellen Anreizen der Mangel an Kurzzeitpflegeplätzen beheben ließe. Sie empfiehlt ein kommunales Förderprogramm, wie es der Nachbarlandkreis Lindau aus der Taufe gehoben hat. Dort erhalten Pflegeheimanbieter eine Jahrespauschale pro reserviertem Kurzzeitpflegeplatz von 3500 Euro und eine Tagespauschale von 18 Euro pro belegtem Platz. Mit dieser Unterstützung könnten Träger Kurzzeitpflege wirtschaftlich anbieten. Die Förderung sollte zunächst auf zwei Jahre begrenzt werden, so der Vorschlag der Expertengruppe. Noch nicht geklärt sei allerdings, ob öffentliche Zuschüsse von der Pflegevergütung abzuziehen sind. Auf Landesebene wird übrigens gerade über neue Pflegesätze für die Kurzzeitpflege verhandelt. Der Vertrag soll Mitte 2018 vorliegen.