Das Glas Apfelschorle steht unberührt auf dem Tisch, Marga Weißenberger scheint es gar nicht zu sehen. Ihr Mann streicht ihr die Haare aus dem Gesicht: "Du musst noch etwas trinken, guck hier. Ich habe dir Zeitungen gebracht." Die Bilder schaut sie manchmal an, manchmal zerreißt sie die Zeitung. Jetzt lächelt sie: "Ja, das ist natürlich, aber vielleicht auch wird man sehen, die fünfte." Marga Weißenberger ist seit zehn Jahren dement, ihr Mann Herwig pflegt sie zu Hause. "Ich kann sie nicht allein lassen, ich muss immer nach ihr sehen", sagt er. Sie erkennt weder ihn noch die erwachsenen Kinder. Morgens und abends bekommt sie Morphium, weil sie nach einer nicht erkannten Gürtelrose unter Gesichtsschmerzen leidet. "Das schlimmste ist, zusehen zu müssen, wie sie sich verabschiedet", sagt ihr Mann.

Er hält es nur aus, weil er sich Auszeiten nimmt: zweimal in der Woche setzt sich der 15-jährige Enkel zur Oma, Dienstagabend kommt die Nachbarschaftshilfe, einen Nachmittag verbringt sie in einer Demenzgruppe und einen Tag in der Ganztagespflege. "Dann mache ich hier Haushalt und Garten und kümmere mich um den Schriftverkehr. Manchmal fahre ich auch Rad oder gehe an den See." Vor zwei Jahren hatte er einen Herzinfarkt. Vier Tage konnte sein Sohn einspringen, dann entließ er sich aus dem Krankenhaus. "Das geht nicht, dass ich krank werde, was soll dann aus ihr werden? Dafür gibt es zu wenig Kurzpflegeplätze." Zweimal im Jahr nimmt er Urlaub: Seine Frau kommt für eine Woche in die Kurzzeitpflege. "Das ist Erholung, weil der Druck weg ist. Dieses Jahr will ich zum ersten Mal wegfahren, wohin, weiß ich noch nicht." Den Platz im Pflegeheim Vinzenz Pallotti hat er im Mai angemeldet, bis Ende September muss er noch warten.

"Wenn Pflegende in den Urlaub fahren, gehen sie erfahrungsgemäß eher allein", sagt Andrea Sinclair vom Roten Kreuz, Kreisverband Bodenseekreis. Das DRK bietet auch Reisen an, bei denen sich geschulte Mitarbeiter um Teilnehmer mit Demenz kümmern, sodass die Pflegenden entspannen können. "Aus der Beratung erleben wir, dass ein Pflegender für sich keine Ruhe finden würde, wenn er Urlaub ohne den Partner machen würde, auch wenn die Person objektiv gut versorgt ist", sagt Anja Hornbacher von der Caritas-Beratungsstelle "Zuhause leben". Für diese Fälle gibt es "Pflegehotels", die bei der Pflege unterstützen. Allerdings hängt gemeinsamer Urlaub davon ab, ob der Pflegebedürftige überhaupt reisefähig ist.

Das Familienferiendorf Langenargen bietet zweimal im Jahr Freizeiten für Demenzkranke und pflegende Angehörigen: jedes Paar bezieht eins der barrierefreien Ferienhäuser, in denen auch noch eine Pflegekraft übernachten kann. Eine umfangreiche Betreuung entlastet die Angehörigen. "Ansonsten sind das für uns Gäste wie alle anderen", sagt Geschäftsführer Heinrich Kapp. In den ersten beiden Tagen sind die Paare zurückhaltend: die Pflegenden scheuen das Loslassen, die Zu-Pflegenden verunsichert die neue Umgebung. Ulrika Schuler stellt das Rahmenprogramm zusammen, für die anstehende Freizeit hat es das Thema: "Goldene Herbsttage miteinander am See erleben". Spaziergänge, Filmvorführungen, Liederabend und Erinnerungen an die goldenen 50er stehen an, ein Gang durch den Kräutergarten und eine Parfümwerkstatt. "Bei Freizeiten mit Demenzkranken achten wir darauf, dass alle Sinne angesprochen werden", sagt Ulrike Schuler, die das Programm entwickelt hat. "Bei den alten Liedern kennen die oft noch alle Strophen auswendig", sagt Kapp. Den Angehörigen tut nicht nur die Ruhe gut, sondern auch der Austausch untereinander.

Ulrike Schuler und Heinrich Kapp gestalten die Freizeit "Urlaub für dich und für mich" für Demenzkranke und ihre Angehörigen im Familienferiendorf Langenargen.
Ulrike Schuler und Heinrich Kapp gestalten die Freizeit "Urlaub für dich und für mich" für Demenzkranke und ihre Angehörigen im Familienferiendorf Langenargen. | Bild: Corinna Raupach

Herwig Weißenberger ist sich nicht sicher, ob er gemeinsam Urlaub machen könnte. "Wenn sie da ist, würde ich mich verantwortlich fühlen." Seine Frau wird unruhig und steht vom Sofa auf. Er legt ihr den Arm um die Schulter und steuert sie zum Fenster: "Willst du wissen, wo der Kater hingelaufen ist? Der ist bestimmt am Seeufer." "Bin ich schon geht so", antwortet seine Frau. "Du bist eine Liebe", sagt er. Das Wetter ist besser geworden, gleich wird er mit ihr eine Stunde spazieren gehen.

Angebote

Die Pflegeversicherung unterstüzt Angehörige bei der Erholung von der Pflege auf verschiedene Weisen. Verhinderungspflege: Die Kasse übernimmt die Kosten für eine private oder fachlich ausgebildete Ersatzpflegeperson bis zu 1612 Euro im Jahr. Tagespflege: Der pflegebedürftige Angehörige wird tagsüber in einer Einrichtung betreut, um den Pflegenden regelmäßig zu entlasten. Kurzzeitpflege: Pflege und Betreuung erfolgen bis zu acht Wochen in einem Pflegeheim, die Kasse beteiligt sich an den Kosten bis zu 1612 Euro im Jahr. Informationen gibt es beim Pflegestützpunkt im Landratsamt.