Sie erzählen oft spannende Geschichten vom Alltag und spiegeln das Leben der Vorfahren wider: Mit der Erfassung von Kleindenkmalen in der Region, einem landesweiten Projekt, startet nun der Bodenseekreis. Gesucht werden ehrenamtliche Mitarbeiter, denen es Spaß macht, die von Menschenhand geschaffenen Zeugen der Vergangenheit zu dokumentieren.

Diethard Nowak seit 16 Jahren aktiv

Einer von ihnen ist der von Meersburgs Bürgermeister Robert Scherer vorgestellte Diethard Nowak aus Meersburg. Der heute 82-Jährige sei quasi ein Vorreiter in dieser Sache; er hat bereits vor 16 Jahren ehrenamtlich damit begonnen, die Kleinodien in Meersburg, Daisendorf, Stetten und Uhldingen-Mühlhofen aufzuspüren und in Schrift und Bild, auch digital, festzuhalten. 18 Publikationen sind entstanden. „Ich hatte eine Heimat verloren – und eine neue gesucht“, erläuterte Nowak seine Motivation, Geschichte und Geschichtchen aufzustöbern.

Auch das ist ein Kleindenkmal: Das Gedenkkreuz im Bonndorfer Wald, das an einen von der Besatzungsmacht am 3. Mai 1945 erschossenen Soldaten erinnert, der mit vier Kameraden nur noch das Kriegsende herbeigesehnt und sich in einer Hütte versteckt hatte.
Auch das ist ein Kleindenkmal: Das Gedenkkreuz im Bonndorfer Wald, das an einen von der Besatzungsmacht am 3. Mai 1945 erschossenen Soldaten erinnert, der mit vier Kameraden nur noch das Kriegsende herbeigesehnt und sich in einer Hütte versteckt hatte. | Bild: Christiane Keutner

Bürger sind die eigentlichen Experten

Nowaks Aussage unterstreicht, worauf andere ebenfalls verwiesen: Kleindenkmäler sind Zeichen der Identität und Verbundenheit mit der Heimat. „Es gibt sehr viele Kleindenkmale in unserer Landschaft“, sagte Landrat Lothar Wölfle bei der Vorstellung des Projekts am großen Kleinod Wetterkreuz hoch über Meersburg und freute sich über die Auseinandersetzung der „öffentlichen Hand“ mit dem Thema. Doch dazu bedarf es vieler Hände.

„Wir sind auf die Hilfe der Bevölkerung angewiesen. Die Bürger wissen, wo sich ein Wegkreuz oder eine Inschrift befindet“, nannte Wölfle Beispiele. Der Landrat hofft darauf, viele ehrenamtliche Mitmacher zu gewinnen, die Hinweise auf Geschaffenes geben, das auch neueren Datums sein kann. Wölfle: „Es muss nicht alles 500 Jahre alt sein.“ Erfahrungsgemäß ist er sich jedoch mit den anderen Verantwortlichen sicher: Das Projekt begeistert Menschen. Es weckt Emotionen und rührt an Heimatliebe.

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Landesweit schon 70.000 Objekte

„Kleine können durchaus gegen Große gewinnen und sich gegen Denkmäler wie ein Schloss behaupten und manche kleine Geschichte ist spannender als die große“, meinte Martin Hahn vom Landesamt für Denkmalpflege in Stuttgart. In 21 Landkreisen wurden seit 2001 bereits 70.000 Objekte gefunden. Und: Das Projekt sei bundesweit einmalig, sagte er mit Stolz. Er freue er sich über das Zusammenspiel von engagierten Bürgern, die oft detektivisch arbeiten und manchmal mühselig durchs Unterholz kriechen, um einen Schatz zu finden, und den professionellen Mitarbeitern, die sich gemeinsam des Kulturerbes annehmen.

Kleinod und Kleindenkmal an der Brücke in Deisendorf: die Figur des heiligen Nepomuk.
Kleinod und Kleindenkmal an der Brücke in Deisendorf: die Figur des heiligen Nepomuk. | Bild: Christiane Keutner

Kleinode an Hauswand oder auf einem Hof

Als Mittelsmann fungiert Reinhard Wolf, Vertreter der beteiligen Wander- und Heimat-Vereine. Er betonte die Bedeutung der Identität stiftenden und in Baden-Württemberg zuhauf vorkommenden Kleindenkmäler – ein Alleinstellungsmerkmal der Landschaft -, die sich auch im Kopf der Feriengäste einprägten. Er ist sich sicher: „Es werden sich Helfer beteiligen, die mit Feuereifer und leuchtenden Augen dabei sind.“ Es reiche auch ein Notizzettel, damit andere nachforschten. Ein Kleindenkmal müsse nicht zwingend öffentlich zugänglich sein. Es kann sich, wie eine Inschrift, auf einem Hof oder an einem Haus befinden.

Jeder kann ein Erfasser werden

Kleindenkmale aufzuspüren mache Spaß, findet Martina Blaschka vom Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg. Erfasser könne jeder werden, ein pensionierter Lehrer, ein Vermesser genauso wie Jugendliche, die daraus ein Projekt machen wollen. Eine systematische und flächendeckende Vorgehensweise koodiniert das Kreisarchiv. Alle Dokumentationen gingen nach der Bearbeitung zurück an den Kreis, der im Bedarfsfall darauf zurückgreifen könne. Mit rund 4000 Kleindenkmälern rechnet sie mindestens im Bodenseekreis. Zwei Jahre ist Zeit zum Suchen, für die Koordination und Zusammenstellung. Danach sollen die Ergebnisse in ein Buch einfließen.

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Objekte aus Stein, Metall oder Holz

Ein Kleindenkmal muss nicht klein sein, um als solches bezeichnet zu werden. Eveline Dargel von der Schaltstelle Kreisarchiv verwies auf das über fünf Meter hohe Wetterkreuz, das schon vor dem Dreißigjährigen Krieg dort in anderer Form stand. „Es ist kein feststehender Begriff. Manche rechnen auch einen Hochbehälter dazu. Die Kleindenkmale sind aus Stein, Metall oder Holz, tragen vielleicht Inschriften und haben alle ihre Geschichte.“ Landrat Lothar Wölfle ist sich sicher: „Wenn man die Geschichte kennt, weiß man sehr viel über die Menschen und ihre Charaktere.“ Und Martina Blaschka fügt hinzu: „Große Weltgeschichte spiegelt sich auch in Kleindenkmalen.“