Wenn Kinder psychisch krank werden, brauchen sie eine besondere Fürsorge und Therapie. Dies gilt umso mehr für Kinder mit einer geistigen Behinderung oder anderen kognitiven Einschränkungen. Die St.-Lukas-Klinik der Stiftung Liebenau hat ihr Angebot in Meckenbeuren-Liebenau erweitert und Mitte September eine Psychiatrische Tagesklinik für bis zu acht Kinder und Jugendliche mit Mehrfachbehinderung eröffnet.

Sabrina Müller, Mutter: "Man fühlt sich aufgehoben"

„Man kommt rein, alles ist offen und man fühlt sich gleichzeitig aufgehoben.“ So fasst Sabrina Müller aus Horgenzell, Mutter eines kleinen Patienten, ihren ersten Eindruck von der neuen Tagesklinik zusammen. Die Stiftung Liebenau hat den dritten Stock des Klinikgebäudes ausgebaut. Entstanden sind ein großer, heller Aufenthaltsraum mit gemütlichen Sofas und integrierter Kletterwand sowie mehrere Räume für therapeutische Angebote, zum Ausruhen und für den Rückzug, zum gemeinsamen Essen und für Besprechungen.

Patienten sind zwischen 5 und 15 Jahren alt

Der Blick geht hinaus ins Grüne: Zum Mittagessen sind die jungen Patienten in der Tagesklinik. Frühstück und Abendessen gibt es zu Hause.
Der Blick geht hinaus ins Grüne: Zum Mittagessen sind die jungen Patienten in der Tagesklinik. Frühstück und Abendessen gibt es zu Hause. | Bild: Claudia Wörner

Eltern wie Kinder hätten in der Regel eine große Scheu, Hilfe in einer psychiatrischen Einrichtung zu suchen, weiß Katharina Kraft, Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der St.-Lukas-Klinik. „Hier haben wir keine Klinikatmosphäre und das nimmt viel von der Angst.“ Die Patienten zwischen fünf und 15 Jahren kommen morgens in die Klinik und kehren am Nachmittag nach Hause zurück. Daheim sind sie auch am Wochenende. „Konzipiert ist die Tagesklinik für Patienten, bei denen ein vollstationärer Aufenthalt nicht erforderlich ist oder vermieden werden soll“, erklärt Kraft. Ziel sei, den Kontakt zum Elternhaus und zum sozialen Umfeld zu erhalten. Außerdem gebe die Tagesklinik die Möglichkeit, die Eltern besser in die Therapie einzubinden.

Eltern treffen sich in Elternschule und Elterncafé

Für Sabrina Müller ist dieser Punkt besonders wichtig, neben der Tatsache, dass sich ihr Sohn in der Tagesklinik wohlfühlt. „Wir lernen viel in der Elternschule und im Elterncafé, zum Beispiel, wie wir mit kritischen Situationen umgehen können.“ Hilfreich sei zudem der Austausch mit anderen Eltern. Sowohl die Ärzte und Therapeuten als auch die Eltern haben dabei das Leben nach dem im Schnitt sechs- bis achtwöchigen Aufenthalt im Blick. „Dann sollen die Kinder und Jugendlichen in ihrem gewohnten Umfeld wieder Fuß fassen können“, sagt die Chefärztin.

Kinder mit Mehrfachbehinderung drei bis vier Mal häufiger psychisch krank

Das Risiko, psychisch zu erkranken, sei bei Kindern mit Mehrfachbehinderungen drei bis vier Mal höher als bei anderen Kindern. Als Beispiele nennt Katharina Kraft Angststörungen, gravierende Störungen des Sozialverhaltens und Depressionen. Jedoch gebe es psychiatrische Behandlungsangebote gerade für Kinder mit Mehrfachbehinderungen nicht flächendeckend. „In der Region ist unsere Psychiatrische Tagesklinik einzigartig. Die nächste befindet sich in Stuttgart.“ Insgesamt sei das Angebot deutschlandweit viel zu gering. Eine Tagesklinik als offene Station zu gestalten, sei eine große Herausforderung, nennt sie einen möglichen Grund.

Zehn Mitarbeiter in der Tagesklinik

Gemütliche Nischen geben die Möglichkeit zum Rückzug, wenn die jungen Patienten lieber für sich sein wollen oder Ruhe brauchen.
Gemütliche Nischen geben die Möglichkeit zum Rückzug, wenn die jungen Patienten lieber für sich sein wollen oder Ruhe brauchen. | Bild: Claudia Wörner

Zum Team der Tagesklinik gehören zehn Mitarbeiter, darunter Ärzte, Psychologen, Heilpädagogen und Therapeuten, die Musik- oder Kunsttherapie anbieten. In die Tagesklinik kommen die jungen Patienten über den Kinder- beziehungsweise Hausarzt. "Bei uns schauen dann die Fachärzte, wie der Bedarf ist, und die Eltern werden beraten", sagt Kraft.

Sabrina Müller aus Horgenzell ist begeistert von der neuen Tagesklinik. „Mein Sohn freut sich am Wochenende schon auf Montag, wenn er wieder nach Liebenau darf“, berichtet sie. Ideal sei, dass der Elfjährige dort auch zur Schule gehe. Vor der Eröffnung der Tagesklinik war der Junge bereits zu einem stationären Aufenthalt in der St.-Lukas-Klinik. „Wir besuchten unseren Sohn zwar zwei Mal pro Woche, aber es war trotzdem ein Bruch“, so die Erfahrung der Mutter. „Das ist jetzt zum Glück ganz anders.“