Rosa Wolf tapst herum und nimmt sich ein Puzzlespiel aus dem Regal. Mit ihren 14 Monaten war sie ein Hauptgrund für die Eröffnung des Kinder-Secondhandladens „rosarot“ von Heike Wolf im Mai in Friedrichshafen. „Die Idee hatte ich schon länger und dann, in der Elternzeit von Rosa, hat einfach alles gepasst. Der Laden hier wurde frei und ich habe es gewagt“, erklärt die dreifache Mutter. Im Keller lagerten viele gut erhaltene Kleidungsstücke der Kinder – viel zu schade zum Wegwerfen oder Rumstehen. „Kinder passen nur so kurz in die Kleider“, weiß Heike Wolf aus Erfahrung. So findet sich in ihrem Laden in der Hochstraße Kinderkleidung von Größe 40 bis 158, Schuhe bis Größe 35, Umstandskleidung, Spielzeug, Bücher und mehr.

Kundin Anne Weizenegger freut sich über die gefundenen Bücher für die Tochter ihrer Freundin.
Kundin Anne Weizenegger freut sich über die gefundenen Bücher für die Tochter ihrer Freundin. | Bild: Nicole Burkhart

Auch Patricia Bischof verwirklichte sich 2013 ihren Traum vom eigenen Geschäft mit dem „Kunterbunt“ in Stetten. „Und es macht immer noch so viel Spaß, das ist mein Reich hier“, lacht sie. In beiden Geschäften kann Kleidung auf Kommission abgegeben werden, den Verkaufspreis bestimmen dabei die erfahrenen Ladenbesitzerinnen. Nach drei Monaten wird abgerechnet, nicht verkaufte Kleidungsstücke gehen dann an den Besitzer zurück oder werden gespendet. „So bleibt immer Bewegung im Laden“, weiß Patricia Bischof. Beide freuen sich, dass ihr Konzept gut angenommen wird. Dabei sind die Kunden ganz unterschiedlich. Neben Stammkunden gibt es Leute, die eher zufällig vorbeikommen oder einfach mal neugierig sind.

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Auch Touristen wie die Familie Schäfer aus Mannheim zählen dazu. „Wir finden es toll, wenn so kleine Läden weiter bestehen und gebrauchte Sachen weiter genutzt werden“, erklärt Mutter Janika Schäfer. Auch ihren Mann Jan Schäfer erschrecken die Preise oft, die man für neue Kinderkleidung oder Schuhe zahlen muss. Und so stöbern die beiden lieber im „Kunterbunt“ von Patricia Bischof für ihre zweijährige Tochter Enni. Auch für Anja Schilling, Mutter von vier Kindern aus Friedrichshafen, zählt der finanzielle Aspekt. „Auf Grund der niedrigen Preise bekommt man deutlich mehr fürs Budget. Die Kinder dürfen sich auch mal was aussuchen und mitnehmen, wovon ich als Mutter eigentlich nicht so ganz überzeugt bin“, verrät die 38-Jährige. Zudem ist ihr beim Kauf von Kinderkleidung wichtig, dass diese sinnvoll, funktional, langlebig und hautfreundlich ist, die Drucke oder Verzierungen dauerhaft und spieltauglich sind.

Von Kleidung über Spielzeug bis Kinderwagen oder Handtuch – im Secondhandladen wird jeder fündig.
Von Kleidung über Spielzeug bis Kinderwagen oder Handtuch – im Secondhandladen wird jeder fündig. | Bild: Nicole Burkhart

Was andere vielleicht abschreckt, nämlich, dass diese Kleidungsstücke schon getragen wurden, sieht Anja Schilling als Vorteil: „Die Kleidung wurde getragen, gewaschen, bespielt. Durch das häufigere Waschen werden natürlich auch alle möglichen Schadstoffe aus der Kleidung herausgewaschen, die unsere Kinder nicht mehr belasten können. Viele sind ja in dem Irrglauben, dass das einmalige Waschen nach der Neuanschaffung ausreicht, um alle möglichen Schadstoffe, die durch Färbstoffe, Bleichmittel oder auch Pflanzenschutzmittel aus einem Kleidungsstück herauszuwaschen.“

„Wir verkaufen gerne unsere Kinderkleidung und Zubehör secondhand. Wir haben keinen Gefallen oder Nutzen mehr an dem Gegenstand, aber vielleicht der Nächste. Secondhand kommt unverpackt. Es musste weder eine neue Verpackung produziert werden noch produziert man selbst weiteren Müll.“Julia Rimmele, Kluftern
„Wir verkaufen gerne unsere Kinderkleidung und Zubehör secondhand. Wir haben keinen Gefallen oder Nutzen mehr an dem Gegenstand, aber vielleicht der Nächste. Secondhand kommt unverpackt. Es musste weder eine neue Verpackung produziert werden noch produziert man selbst weiteren Müll.“Julia Rimmele, Kluftern | Bild: Julia Rimmele

Julia Rimmele ist eine der Anbieterinnen. „Je länger ein Gegenstand in Gebrauch ist desto besser“, meint sie. Daher bringt sie Kinderkleidung und Zubehör gerne zu Patricia Bischof. „Wir stoßen oft auch selbst auf neue Sachen, die wir so neu nicht gekauft hätten. Meist sind es Einzelstücke mit toller Qualität“, freut sich die Mutter aus Kluftern. Kundin Anne Weizenegger hat selbst noch keine Kinder, entdeckt für die Tochter ihrer Freundin aber zwei schöne Bücher im „rosarot“ bei Heike Wolf. „Ich finde es einfach toll, dass somit eine Art Recycling der Sachen stattfindet“, sagt sie. Auch Großeltern, Puppenbesitzerinnen oder Schwangere besuchen die Secondhandläden. Die freuen sich, wenn sie neben Kleidern noch Beratung von erfahrenen Müttern bekommen. „Oft kommen auch Mädels aus der Schule in der Nähe und machen dann im separaten Raum der Größen 134 bis 158 ihre eigenen kleine Modenshow“, freut sich Heike Wolf. Überhaupt geht es hier alles andere als steif zu. Es wird sich geduzt, das Spielzeug darf ausprobiert werden. „Ich habe auch schon mal ein Buch vorgelesen, damit die Mamas sich in Ruhe umschauen konnten“, lacht die dreifache Mutter.

„Mich spricht die bunt gemischte Auswahl aus verschiedenen Marken und Stilrichtungen an. In einem Second-Hand-Laden ist ein so schönes, wild durchgemischtes Angebot, man muss sich nicht zu einem Label oder einer Kette bekennen sondern bekommt viel auf einmal.“Anja Schilling, Friedrichshafen
„Mich spricht die bunt gemischte Auswahl aus verschiedenen Marken und Stilrichtungen an. In einem Second-Hand-Laden ist ein so schönes, wild durchgemischtes Angebot, man muss sich nicht zu einem Label oder einer Kette bekennen sondern bekommt viel auf einmal.“Anja Schilling, Friedrichshafen | Bild: Anja Schilling

Sowohl Heike Wolf als auch Patricia Müller sehen Secondhand nicht als neuen Trend aufkommen. Verändert hat sich dennoch etwas. „Nachhaltigkeit ist grundsätzlich schon mehr Thema als vor einigen Jahren“, bemerkt Heike Wolf. Patricia Bischof fällt dies besonders bei der Nachfrage nach Tüten stark auf. Inzwischen kommen die Käuferinnen mit eigener Tasche oder nehmen die Dinge einfach so mit. „Es wird bewusster eingekauft“, meint Patricia Bischof. Heike Wolf ist es auch wichtig, dass Kaufen von Secondhand-Kleidung nichts mit „kein Geld haben“ zu tun hat. Sie legt Wert auf Aufklärungsarbeit: Warum etwas Neues kaufen, wenn schon so viele Kleidungsstücke produziert und auf dem Markt sind? Warum Kinderarbeit in fernen Ländern unterstützen? Warum Kleidung voller Chemikalien tragen, wenn gebrauchte und gewaschene Kleidung viel besser verträglich ist?

Heike Wolf mit Tochter Rosa und Sohn Julian vor ihrem Kinder-Secondhandladen „rosarot“ in Friedrichshafen.
Heike Wolf mit Tochter Rosa und Sohn Julian vor ihrem Kinder-Secondhandladen „rosarot“ in Friedrichshafen. | Bild: Nicole Burkhart

Diesen Fragen ging auch Marie-Luise Burkhart in ihrer Abschlussarbeit des Lehramtsstudiums an der Pädagogischen Hochschule Weingarten nach. „Secondhand-Kleidung schont die Umwelt und vermeidet Müll“, ist ihre klare Aussage. „Kleine Kinder legen keinen Wert auf coole Markenklamotten. Wenn nachhaltiger Konsum zur Mode wird, kann dauerhaft etwas verändert werden“, meint Burkhart, die für ihre Arbeit sogar einen Preis erhielt. Ob nun neuer oder alter Trend, für Patricia Bischof und Heike Wolf ist Secondhand eine ganz persönliche Lebenseinstellung.