Etwa 10 000 Jahre alt sind frühere Jagdplätze der Steinzeit, die im März vergangenen Jahres nur dank aufmerksamer Privatsammler auf der neuen Trasse für die B 31 in Fischbach gefunden wurden. Ein bislang unentdecktes Stück Kulturgeschichte, wie es sie im Bodenseekreis noch zuhauf gibt. So wissen die Forscher, dass Menschen lange vor den Pfahlbauten vom Degersee bis zum Sipplinger Berg, vom Höchsten bis nach Hohenbodman siedelten.

Siedlungen der Vorzeit weitgehend unerforscht

Aber deren Dörfer sind noch weitgehend unerforscht. Oder die keltischen Grabhügel bei Friedrichshafen-Ailingen oder in Markdorf-Möggenweiler, die unentdeckt im Wald liegen. Während im Kreis Konstanz der Bestand systematisch gescannt und kartiert wurde, wobei mehr als 54 neue Grabhügel auftauchten, hat auf der anderen Seeseite noch niemand nach den Siedlungen der Kelten gesucht.

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Eigentlich ist es Aufgabe des Landesdenkmalamts, auch historische Zeugnisse im Boden zu sichern. Doch die zuständigen Behörden sind weitab des Bodensees. „Die Referenten brauchen zwischen zwei und drei Stunden, bis sie vor Ort sein können, und sie sind in der Regel viel beschäftigt“, erklärt Gunter Schöbel.

Viele Funde gehen verloren

Der Archäologieprofessor an der Uni in Tübingen und Leiter des Pfahlbaumuseums weiß, was das in der Regel bedeutet. „Archäologische Funde werden bei uns nur kurz oder gar nicht betrachtet.“ Ohne das Engagement von Privatsammlern, ehrenamtlichen Bürgerforschern oder eben seines Museums in Unteruhldingen ginge noch mehr verloren.

In der Zahnstraße in Überlingen wurden Skelette freigelegt, die bei Baggerarbeiten zufällig gefunden wurden. Ein Fund, der dank aufmerksamer Bürger im letzten Moment nicht der Baggerschaufel zum Opfer fiel.
In der Zahnstraße in Überlingen wurden Skelette freigelegt, die bei Baggerarbeiten zufällig gefunden wurden. Ein Fund, der dank aufmerksamer Bürger im letzten Moment nicht der Baggerschaufel zum Opfer fiel. | Bild: Pfahlbaumuseum

Das Erbe der Vergangenheit sichern

Bereits 2017 gab es einen Antrag im Kreistag, die Mittel für die Stelle eines Kreisarchäologen in den Haushaltsplan aufzunehmen. Der wurde abgelehnt. Ende 2018 starteten die Sozialdemokraten einen zweiten Anlauf: 50 000 Euro sollte der Kreis jährlich einplanen, um mit der Kreisarchäologie „das Erbe der Vergangenheit zu sichern“.

Künftige Baugebiete vorausschauend untersuchen

Im Dezember erläuterte Gunter Schöbel nicht-öffentlich im Ausschuss für Verwaltung und Kultur, warum diese Aufgabe nicht nur kulturell wichtig ist, sondern auch wirtschaftlich von Bedeutung. Könnten künftige Baugebiete vorausschauend untersucht werden, könnten noch vor Baubeginn Fundstücke gesichert werden. Zeitliche Verzögerungen im Bauablauf etwa ließen sich so verhindern.

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Doch der Appell des Archäologieprofessors verhallte. „Leider wurde unser Antrag von allen anderen Fraktionen abgelehnt“, schreibt SPD-Fraktionschef Norbert Zeller auf Anfrage. Kreissprecher Robert Schwarz teilte mit, dass sich Ausschuss und Verwaltung darauf verständigt hätten zu sondieren, „ob die Institution eines Kreisarchäologen gemeinsam mit Nachbarlandkreisen sinnvoll und machbar sein könnte“.

„Nicht bereit, Landesaufgabe zu übernehmen“

Daraus hätten sich aber keine neuen Ansatzpunkte ergeben, sodass die ablehnende Haltung des Kreistags Bestand habe. „Der Kreistag war nicht bereit, diese Landesaufgabe zu übernehmen“, so Schwarz.

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Dabei hatte die Landesdenkmalpflege bereits 2017 dem Landkreis angeboten, die Stelle eines Kreisarchäologen zur Hälfte zu finanzieren, bestätigt das Regierungspräsidium (RP) Stuttgart auf Anfrage. Dieser Wissenschaftler sollte dann parallel als Manager für das Weltkulturerbe Pfahlbauten tätig sein.

Bestimmte Aufgaben bleiben bei Landesbehörde

Am Museum in Unteruhldingen ist Gunter Schöbel als ehrenamtlicher Denkmalpfleger zwar vor Ort, kann nach eigener Aussage aber nur „Feuerwehrfunktion bei Notfällen“ abdecken. Abgesehen davon schließe auch ein Kreisarchäologe vor Ort nicht aus, dass bestimmte Aufgaben bei der Landesbehörde bleiben. So werden Grabungen der Mittelalterarchäologie im Kreis Konstanz, der seit fünf Jahrzehnten einen Kreisarchäologen hat, weiterhin vom Landesamt betreut, so das RP in Stuttgart.

Ein Teil der Funde, die bei der Erkundung des Geländes in Fischbach sichergestellt wurden.
Ein Teil der Funde, die bei der Erkundung des Geländes in Fischbach sichergestellt wurden. | Bild: Annette Bengelsdorf

Gunter Schöbel findet es mehr als schade, das Denkmalpfleger wohl immer noch als Verhinderer wahrgenommen werden, die wirtschaftlichen Interessen schaden. „Die Archäologie hat schier unerschöpfliche Quellen für die die Umwelt- und Alltagsgeschichte, die einfach zu schade sind für den Bagger“, wirbt er für ein anderes Verständnis. Die Kreisverwaltung bestätigt, dass heute die lokalen Baubehörden die Landesdenkmalpflege einschalten, wenn es archäologische Funde gibt.

Gunter Schöbel: „Es gäbe viel zu tun“

Nur ist das Personal archäologisch nicht geschult, kann Funde gar nicht als solche erkennen. „Die frühen Römer, die Christianisierung, die klösterlichen Landschaften, die Geschichte der Stadtgründungen, die unsere Gegend prägten, sind weitgehend unerforscht“, sagt Gunter Schöbel. Und: „Es gäbe viel zu tun, wenn man es anpacken wollte.“