Ein paar Hundert Euro sparen, indem man einige Tage vor Ferienbeginn in den Urlaubsflieger steigt? Oder schon vor dem Ansturm der Massen über eine freie Autobahn ohne Stau entspannt am Urlaubsort ankommen? Immer wieder starten Eltern schulpflichtiger Kinder vor dem offiziellen Beginn der Ferien in den Urlaub oder verlängern die Oster-, Pfingst- oder Fasnachtsferien um ein paar Tage. Auch der Sommerferienbeginn an einem Montag werde das Verhalten einzelner Eltern in diesem Jahr nicht ändern, meint Pressesprecher Stefan Meißner vom Regierungspräsidium Tübingen.

Karin Broszat, Leiterin der Realschule Überlingen: "Wir lassen uns inzwischen Nachweise für die Beurlaubungsgründe geben."
Karin Broszat, Leiterin der Realschule Überlingen: "Wir lassen uns inzwischen Nachweise für die Beurlaubungsgründe geben." | Bild: Lorna Komm

Was landläufig als Kavaliersdelikt angesehen werden könnte, ist allerdings ein Verstoß gegen die Schulpflicht – und damit eine Ordnungswidrigkeit. Das Schulschwänzen kann mit einer Geldbuße geahndet werden, welche in Einzelfällen bis zu 1000 Euro betragen kann. Schlagzeilen machten dabei im vergangenen Jahr die bayerischen Flughäfen Memmingen und München, an denen es vor Ferienbeginn Polizeikontrollen gab. Und in Baden-Württemberg? "Das Polizeipräsidium Konstanz hat aktuell keine gezielten Kontrollmaßnahmen in diesem Jahr geplant", antwortet Pressesprecherin Karina Urbat vom Polizeipräsidium Konstanz auf die Frage, ob Kontrollen am Flughafen Friedrichshafen oder an der Grenze zur Schweiz geplant sind.

Oliver Leber, Vater von drei erwachsenen Kindern: "Je nach Berufssituation ist es teilweise gar nicht so einfach, sich stark an die Schulferien anzupassen."
Oliver Leber, Vater von drei erwachsenen Kindern: "Je nach Berufssituation ist es teilweise gar nicht so einfach, sich stark an die Schulferien anzupassen." | Bild: Lorna Komm

"Zunächst ist das Verhältnis von Schule und Eltern ein Vertrauensverhältnis", sagt Pressesprecher Stefan Meißner vom Regierungspräsidium Tübingen über das Aufkommen von Schulschwänzern. "Ohne besonderen Anlass geht niemand beim Fehlen von Schülern in der Woche vor den Ferien von Schulschwänzern aus." Das Fehlen werde dann einfach im Klassenbuch vermerkt.

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"Sollte ein besonderer Anlass bestehen, zum Beispiel, wenn ein Schüler vor einer Urlaubsreise zur Schulzeit lautstark sein unentschuldigtes Abreisen angekündigt hat, hat die Schule das Recht, dagegen tätig zu werden", führt Meißner weiter aus. Das komme aber so gut wie nicht vor, deswegen seien da auch keine besonderen Kontrollen geplant, erläutert der Pressesprecher des Regierungspräsidiums.

Alle Klassenarbeiten sind geschrieben

Nun könnten Eltern argumentieren, dass gerade in den letzten Tagen vor den großen Ferien in der Schule sowieso nichts Wichtiges passiert. Die Klassenarbeiten sind geschrieben und die Zeugnisnoten stehen fest. "Auch wenn alle Klassenarbeiten geschrieben und die Noten festgelegt sind, bedeutet das nicht, dass die schulische Zeit bis zu den Ferien nicht noch sinnvoll und wertvoll ist", setzt Nadine Gaupp von der Pressestelle des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg entgegen. "Auch vermitteln Eltern ihren Kindern dadurch den Eindruck, dass Schule nicht so wichtig wäre. Es ist aber ganz entscheidend, dass Eltern ihren Kindern Respekt und Wertschätzung gegenüber der Institution Schule vorleben", heißt von der Pressestelle des Kultusministeriums.

Roxana Pop, Mutter von zwei Kindern: "Wenn jemand mal im Laufe der gesamten Schulkarriere die Ferien verlängert, finde ich das nicht bedenklich."
Roxana Pop, Mutter von zwei Kindern: "Wenn jemand mal im Laufe der gesamten Schulkarriere die Ferien verlängert, finde ich das nicht bedenklich." | Bild: Lorna Komm

"Wichtig für das soziale Miteinander", findet auch Roxana Pop aus Meersburg diese gemeinsame Zeit der Schüler ohne den Druck des Lernens. Die Mutter zweier Kinder meint, dass gemeinsame Ausflüge oder andere Aktionen mit den Lehren positiv für die sozialen Kontakte seien. "Grundsätzlich" ist sie der Meinung, dass es eine Regelung der Ferienzeiten brauche. "Wenn jemand Mal im Laufe der gesamten Schulkarriere die Ferien verlängert, finde ich das nicht bedenklich", sagt die Inhaberin eines Cafés, die selbst kein Problem mit der Ferienregelung hat. Sie habe ihren Sohn erst einmal für zwei Tage aus familiären Gründen beurlauben müssen. "Eine Beurlaubung vom Besuch der Schule ist lediglich in besonders begründeten Ausnahmefällen möglich", erklärt die Pressestelle des Kultusministeriums.

Sophie Gandor, Schülerin: "Unfair, wenn einige Mitschüler schon tagelang vorher in den Urlaub fahren, während wir anderen unserer Schulpflicht nachkommen."
Sophie Gandor, Schülerin: "Unfair, wenn einige Mitschüler schon tagelang vorher in den Urlaub fahren, während wir anderen unserer Schulpflicht nachkommen." | Bild: Lorna Komm

"Beurlaubungsgründe sind beispielsweise Kuren und Gesundheitsaufenthalte, eine Teilnahme am internationalen Schüleraustausch oder an wissenschaftlichen oder künstlerischen Wettbewerben sowie persönliche Gründe, wie etwa Eheschließung der Geschwister, Todesfall in der Familie oder ein Wohnungswechsel", schreibt das Ministerium. Der Wunsch, eine Urlaubsreise früher anzutreten, sei dabei kein begründeter Ausnahmefall. "Wir lassen uns inzwischen Nachweise für die Beurlaubungsgründe geben", erklärt Karin Broszat, Leiterin der Realschule Überlingen.

Viele Fehltage in Vergangenheit

Vor einiger Zeit sei es mit den Fehltagen vor Ferienbeginn extrem gewesen, sagt die Schulleiterin und fügt hinzu: "Deswegen sind wir sehr streng geworden." Seitdem die Eltern wüssten, dass es Kontrollen der Polizei vor Ferienbeginn gibt, habe es sich mit dem Schwänzen aber wieder gebessert. "Die Eltern sind ehrlicher geworden, sie tragen ihre Beweggründe vor", erzählt Broszat, die noch nie Strafen wegen Schulschwänzens erteilen musste. Grundsätzlich sieht sie das Verhalten, früher abzureisen, als "ungerecht an, denn die Schulpflicht besteht für alle gleich. Sonst könnte jeder die Gelegenheit ausnutzen."

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Gleichzeitig sieht die Rektorin es auch als Herausforderung, die bedeutungsvolle Zeit des Schuljahresausklangs mit Abschiedsfeiern und Zeugnisausgabe ansprechend zu gestalten. Auch die Schülerin Sophie Gandor aus Konstanz findet es "unfair, wenn einige Mitschüler immer schon tagelang vorher in den Urlaub fahren, während wir anderen unserer Schulpflicht nachkommen". Der Meersburger Oliver Leber hat teilweise Verständnis für das "flexible Agieren mancher Eltern". Der Vater von drei inzwischen erwachsenen Kindern meint: "Je nach Berufssituation ist es teilweise gar nicht so einfach, sich stark an die Schulferien anzupassen."

Grundlagen für Ferienregelung

Warum beginnen die Sommerferien in Baden-Württemberg an einem Montag und warum startet die Schule erst an einem Mittwoch wieder? In den vergangenen Jahren begannen die großen Ferien an einem Donnerstag und Schulstart war an einem Montag. "In diesem Jahr hätte sich der Gesamtferienzeitraum, also der Zeitraum, der durch die Sommerferien in den Bundesländern insgesamt abgedeckt wird, sonst nur auf 75 Tage erstreckt", antwortete das Kultusministerium auf eine Anfrage der FDP-Landtagsabgeordneten Timm Kern und Klaus Hoher. Der Beginn der Sommerferien richtet sich nach den kirchlichen Feiertagen, wie Ostern und Pfingsten. Da diese in diesem Jahr recht spät sind, verschiebt sich der Lern- und Prüfungszeitraum für das gesamte Bundesgebiet. "Neun Bundesländer wollen nahezu zeitgleich mit den Sommerferien beginnen, was unter dem Gesichtspunkt der Terminierung der erforderlichen Anreise in die Tourismusgebiete als problematisch eingeschätzt wurde. Vor diesem Hintergrund hat sich Baden-Württemberg bereit erklärt, statt am Donnerstag, 25. Juli, erst am Montag, 29. Juli, mit den Sommerferien zu beginnen. In den darauffolgenden Schuljahren werden die Sommerferien wieder an einem Donnerstag beginnen", heißt es weiter.

Warum wechseln sich Baden-Württemberg und Bayern nicht wie andere Bundesländer mit dem Ferienbeginn ab? Die beiden Bundesländer sind die einzigen, die traditionell Pfingstferien haben. Um einen ausreichenden Lern- und Prüfungszeitraum zwischen Pfingst- und Sommerferien zu haben, liegen die Ferien dieser beiden Bundesländer auf dem letzten möglichen Termin, informiert die Kultusministerkonferenz (KMK) auf ihrer Website. Für die anderen Bundesländer wurde ein rollierendes System zur Festlegung der Sommerferientermine vereinbart. Dieses System wurde im Hinblick auf eine gleichmäßige Verteilung der Bevölkerung auf den Gesamtferienzeitraum gebildet. So soll vermieden werden, dass die Urlauber zur gleichen Zeit in die Ferien starten. Entsprechend nachteilige Folgen für Unterkünfte in den Feriengebieten und für das Verkehrsaufkommen sollen verhindert werden.

Was sind die Kriterien für die Sommerferienregelung? Grundlage für die Ferienregelung ist das von der KMK erarbeitete "Hamburger Abkommen", welches auch die Schulpflicht oder die Dauer der Ferien regelt. Grundlage für die Ferienregelungen sind unter anderem ein angemessener Rhythmus von Lernzeiträumen und Entspannungsphasen. Dazu gehört auch eine vergleichbare Länge der beiden Schulhalbjahre.