Sylvia Hiß-Petrowitz, 54-jährige Orts- und Kreisvorsitzende ihrer Partei, tritt bereits zum dritten Mal bei Bundes- und Landtagswahlen an. Seit 2004 hat sie ein Mandat – als streitbare Gemeinderätin in Friedrichshafen. „Es ist schon wichtig für mich, dass ÖDP vorn dran steht. Aber ich möchte zwei Jahre vor der nächsten Kommunalwahl vor allem Präsenz zeigen“, erklärt die freiberufliche Krankenschwester ihre Kandidatur für den Bundestag. Sie wirbt mit 150 Plakaten mit ihrem Konterfei im Kreisgebiet um Stimmen. Einige davon hängen quer. Anders passt der Fehldruck nicht korrekt in zwei Kästchen hinein, die Sylvia Hiß-Petrowitz auf den Stellwänden gemietet hat. Statt eines kräftigen Slogans verweist Sylvia Hiß-Petrowitz lieber auf den Wahlomat. „Ich kann mit einem Plakat ja nicht alle Themen aufgreifen, die mir wichtig sind. Aber ich bin überzeugt, dass viele eine Übereinstimmung mit ihren eigenen Ansichten feststellen würden, wenn sie sich die Aussagen der ÖDP im Wahlomat anschauen“, sagt sie. Das reicht vom Grundeinkommen bis zum Tierschutz. Trotzdem findet sie die aktuelle Bundestags-Kampagne ihrer Partei „nicht so ganz gelungen“. Aber hinter dem zentralen Wahlkampfspruch „Mensch vor Profit“ stehe sie voll und ganz. „Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier“, zitiert sie Mahatma Gandhi.


Martin Rosenacker kandidiert für die Bundestagswahl 2017.
Martin Rosenacker kandidiert für die Bundestagswahl 2017. | Bild: STEFAN Weiss "Zeiblick"

Für Plakate hat Martin Rosenacker nicht das Geld. Trotzdem ist sein Konterfei auf manchen Plakatwänden zu sehen – gesprüht, nicht geklebt. Das Etikett "unkonventionell" passt auch auf ihn. Er ist ein Kandidat „garantiert ohne Gruppenzwang“ – so hat er es auch auf dem Stimmzettel eintragen lassen. Und genau diese Haltung ist sein Programm. Sich einer Liste oder gar Partei anzuschließen, kommt für den 27-Jährigen aus Friedrichshafen nicht in Frage. „Wenn man die Meinung einer Partei vertreten muss, geht die eigene unter. Wir haben keine unabhängigen Parlamentarier mehr“, sagt der junge Mann, der sich eine „demokratische Renaissance“ wünscht. Das jetzige Parteiensystem ist für ihn nicht demokratieförderlich, der opportunistische Politikstil nicht in der Lage, Probleme tatsächlich zu lösen. „Die Parteien arbeiten doch gegeneinander anstatt sich zu verständigen“, beklagt Martin Rosenacker. Eine Konsequenz daraus liegt für ihn auf der Hand: der große Anteil der Nichtwähler. Konsequenterweise dürften die gewählten Parteien dann auch nicht alle Sitze im Bundesparlament unter sich aufteilen. Der Anteil der Nichtwähler sollte mit Bürgern nach dem Zufallsprinzip besetzt werden, plädiert er.

Und was würde er als Parlamentarier verändern? „Zuerst die Absenkung der Abgeordneten-Diäten auf das Durchschnitts-Nettoeinkommen im Land“, sagt der 27-Jährige, der gelernter Bauisolierer ist, derzeit unfreiwillig arbeitslos, und sich als Bildender Künstler zu verwirklichen sucht. Nötig wäre zudem die Trennung von Staat und Wirtschaft. Denn die Gesellschaft passe sich nicht mehr den Bedürfnissen der Individuen an, sondern jeder Einzelne müsse sich an die Gesellschaft anpassen. „Und wenn nicht, dann bestraft der Staat mit Repressionen jeglicher Art“, sagt Martin Rosenacker.

Elfriede Schuler, Direktkandidatin im Wahlkreis Bodensee für die Internationalsistische Liste.
Elfriede Schuler, Direktkandidatin im Wahlkreis Bodensee für die Internationalsistische Liste. | Bild: (privat)

Nicht nur Systemkritik, sondern der Protest gegen Unrecht ist die Antriebsfeder für Elfriede (Eva) Schuler, die für die „Internationalistische Liste“ kandidiert. Dahinter stehen ihr zufolge 15 000 Einzelpersonen aus 16 linken Organisationen, die zusammen „gegen den Rechtsruck der Regierung und die AfD“ kämpfen. Für Jene, die aus diesem Bündnis für den Bundestag kandidieren wollten, hat die MLPD ihre Wahlliste geöffnet, denn nur Parteien dürfen Listen aufstellen. So wirbt die 51-jährige Krankenschwester aus Friedrichshafen als Direktkandidatin um Stimmen und sieht sich dabei vor allem als Vertreterin der weltweiten Arbeiter- und Frauenbewegung. „Die Arbeiter sind eine unheimlich starke Kraft. Genau da stehe ich, an der Seite meiner Kollegen, nicht stellvertretend für eine Partei“, erklärt sie ihre Motivation. Politisch engagiert ist sie schon lange, bei Verdi und der Umweltgewerkschaft oder dem Frauenverband Courage ("Mut"). Vor zwei Jahren half die Krankenschwester beim Aufbau eines Gesundheitszentrums im syrischen Kobane.

Auch Eva Schuler sieht das Parteiensystem, vor allem aber den Kapitalismus kritisch. „Die alten Menschheitsprobleme werden auch in diesem System nicht gelöst“, sagt sie. Man führt Kriege um Märkte, Rohstoffe und Einfluss, man beute Mensch und Natur aus, zerstöre so nach und nach auch die Umwelt und den Planeten. Ohne Revolution, meint sie, ändere sich wohl nichts.

Einzelbewerber

Um bei Bundestagswahlen als Einzelbewerber antreten zu können, braucht es 200 Unterschriften von Unterstützern, die im Wahlkreis des Kandidaten wahlberechtigt sind. Die höchste Zahl mit 261 Einzelbewerbern gab es bisher bei der Bundestagswahl 1987, allein 245 kandidierten damals für die "Friedensliste". Mit ihrer Kandidatur erfolgreich waren bis dato nur drei: Eduard Edert, Franz Ott und 1953 Richard Freudenberg, der später die Freien Wähler in Baden-Württemberg mit begründete. (kck)