"Von seelischer Behinderung bedroht": Das heißt nicht unbedingt psychotische oder Persönlichkeitsstörung. Das kann auch Schulverweigerung, Essstörung, Verwahrlosung oder Probleme in sozialen Beziehungen heißen. Oder "sonstige Verhaltensoriginalitäten" von aggressiv bis kriminell, wie es im Jumega-Konzept heißt. Das steht für "Junge Menschen in Gastfamilien" und widmet sich den "Sorgenkindern der Jugendhilfe". So nennt Barbara Roth die in der Regel Zwölf- bis 18-Jährigen mit verbogenen, krummen Biografien, die zumeist alles andere als eine behütete Kindheit und Jugend hatten. Pflegefamilien, Heim, manchmal Knast... "Für nicht wenige von ihnen ist es die letzte Chance, nach der vierten Einrichtung nicht in der fünften zu landen, wo es nicht klappt", sagt sie.

Roth entwickelte vor nunmehr 20 Jahren das Konzept für "Jumega", sie hat es aufgebaut und bis 2014 für den Ravensburger Verein Arkade geleitet. "Wir haben damit eine Lücke geschlossen", sagt sie. Die Idee, junge Menschen aus gescheiterten Familienbeziehungen ausgerechnet in fremden Familien "in die Spur" zu bekommen, galt damals fast irrwitzig. Heute ist das Konzept nicht nur in allen zwölf oberschwäbischen Landkreisen, sondern bundesweit etabliert. 15 weitere Träger gehören zum Anbieterverbund. Die Arkade arbeitet mit 48 Jugendämtern zusammen, die das Angebot als eigenständige Hilfeform über die Jugendhilfe finanzieren.

934 Jugendliche hat der Verein in diesen 20 Jahren bisher in Gastfamilien vermittelt und so im besten Fall die Erfahrung eines normalen Alltagslebens. "Wir suchen für unsere Jugendlichen einen Ort, an dem es ihnen gut geht. Die Entwicklung findet dann nach und nach statt", erklärt Werner Nuber, der "Jumega" heute bei der Arkade leitet. Wer es ein halbes Jahr bei der Gastfamilie "aushalte", bleibe im Schnitt 2,9 Jahre. In dieser Zeit sollen sie die Normalität nicht nur erfahren, sondern die Motivation entwickeln, dauerhaft so leben zu wollen. "Sie sollen eine Idee davon bekommen, wie Leben gelingen kann", sagt Werner Nuber. Bei vielen sei am Anfang nicht klar, ob sie das schaffen. Er verschweigt auch nicht, dass es nicht immer gut geht, manche Jugendliche Begrenzung von außen einfach nicht aushalten.

Und doch trägt das Konzept: In Ravensburg gibt es aktuell 44 Gastfamilien, im Bodenseekreis 27, wobei die Arkade immer auf der Suche nach weiteren ist. Sie werden vom "Jumega"-Fachdienst des Vereins intensiv betreut und begleitet, genau wie die Jugendlichen selbst. Und sie halten den Kontakt zu den Herkunftsfamilien. "Es ist manchmal sehr schwer für Eltern zu akzeptieren, dass sich ihr Kind bei anderen wohlfühlt. Es ist oft Schwerstarbeit für uns, sie für diesen Weg zu gewinnen", so Nuber. Die große Zahl an Rückführungen belege aber, dass es sich lohne.

Bei den Gastfamilien selbst wird keine professionelle Vorbildung vorausgesetzt; oft seien es sogar wertvolle Familien aus dem "Milieu", erklärt Barbara Roth. "Familien mit eigenen Grenzerfahrungen können häufig besonders verhaltensoriginelle junge Menschen erstaunlich gut integrieren." Abgesehen davon: Wer nachts auf der Straße gelebt hat, kommt nicht so einfach damit klar, um 19 Uhr zu Hause in seinem Bett zu liegen. Die Gasteltern sollen keine Ersatz-, sondern Ergänzungsfamilie sein. Und doch bieten diese Familien so viel mehr, als die meisten Jugendlichen bis dahin kennengelernt haben. 119 junge Menschen aus dem Landkreis Ravensburg und Bodenseekreis sind derzeit in Gastfamilien.

"Jumega" plus

Die Arkade hat sich über das "Jumega"-Konzept seit 20 Jahren als Träger der Jugendhilfe etabliert. Die Vermittlung psychisch vorbelasteter Jugendlichen ist aber längst nicht mehr das einzige Tätigkeitsfeld. Seit 2015 werden im Rahmen des Gastfamilienangebots auch unbegleitete minderjährige Ausländer vermittelt. Auch junge Mütter mit Kind gehören zum Klientel, die vermittelt und fachlich begleitet werden. Seit einigen Jahren ist die Arkade auch im präventiven Bereich der Jugendhilfe tätig, engagiert sich in der aufsuchenden Sozialarbeit, beim Streetwork und in der Wohnungslosenhilfe. (kck)

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