Früher hingen die Thermometer noch an der Außenwand eines Hauses. Man musste zumindest den Kopf aus dem Fenster strecken und fühlte, ob es kalt oder warm ist. Der Bezug zum Wetter nimmt allerdings immer mehr ab, weil wir schon beim Aufwachen im warmen Bett mit Blick aufs Smartphone erfahren, ob wir uns heute dick oder dünn anziehen müssen, ob es sonnig oder regnerisch wird.

Da braut sich 'was zusammen: Ein Lohnunternehmer holt im Auftrag der Reutemühle, die unterhalb von Überlingen-Andelshofen eine Wiese bewirtschaftet, das Heu ein. Die Zeit drängt, denn es droht ein Gewitter loszubruchen.
Da braut sich 'was zusammen: Ein Lohnunternehmer holt im Auftrag der Reutemühle, die unterhalb von Überlingen-Andelshofen eine Wiese bewirtschaftet, das Heu ein. Die Zeit drängt, denn es droht ein Gewitter loszubruchen. | Bild: Hilser, Stefan

Der Wetterbericht ist heute auf jeden von uns zugeschnitten, die Vorhersagen lassen sich quasi auf den Quadratkilometer genau begrenzen. Bei der Vielzahl an Wetterberichten sucht man sich idealerweise den aus, der einem das passende Wetter voraussagt – und plant danach seinen beruflichen Alltag, seine Freizeit und seinen Urlaub. Oftmals losgelöst vom realen Wetter.

Sven Plöger vor dem Wetterstudio. In Studio 11, Gebäude 3 heißt es jeden Abend dann: "Guten Abend zum Wetter im Ersten!".
Sven Plöger vor dem Wetterstudio. In Studio 11, Gebäude 3 heißt es jeden Abend dann: "Guten Abend zum Wetter im Ersten!". | Bild: Jürgen Gundelsweiler

Haben wir also verlernt, den Blick an den Himmel richtig zu deuten? Wir unterhielten uns mit Sven Plöger, einer der bekanntesten Meteorologen Deutschlands. Seine Antwort: „Ja, das glaube ich. Durch unsere heutige Lebensweise, die immer technischer bestimmt ist, sind wir immer distanzierter zur Umwelt. Die Beobachtungsgabe hat nachgelassen und manchmal auch das Gespür für die Gefahren des Wetters.“

Lieblingsnörgelthema: Das Wetter

An uns Deutschen schätzt Sven Plöger, dass wir zugleich sehr interessiert am Wetter sind – also am Wetterbericht. Wir wollen danach unsere Freizeit gestalten, den Acker pflügen oder die Ernte einholen, berechnen die erwartbare Sonnen- oder Windenergie – „und wir haben mit dem Wetter unser Lieblingsnörgelthema“, wie Plöger sagt. „Das Wetter kann sich ja nicht wehren.“

Hier am Bodensee gibt es viele Lebensbereiche, die vom Wetter abhängig sind: Einmal die Landwirtschaft, dann der Segelsport auf dem See oder der Skisport in den nahen Bergen. Mit Blick auf die Landkarte der Bundesrepublik, für wie spannend hält Plöger die Region? „Für sehr spannend. Der Bodensee ist, meteorologisch betrachtet, höchst spannend. Im Winter der Nebel und die Frage, wann löst er sich auf, diese Subsidenzinversion, und dann die plötzlich aufkommenden Winde!“

Sven Plöger rät: Verschiedene Wetterberichte nutzen

Der Deutsche Wetterdienst liefert die Daten, die darüber entscheiden, ob die Sturmwarnlampen am See angeschaltet werden oder nicht. Welche Quellen sollten Bauern nutzen, die wie kaum eine Berufsgruppe vom Wetter abhängig ist. "Mehrere", sagt Sven Plöger. „Unsere Fernsehwetterbericht, auch unseren regionalen. Mit ihnen bekomme am Vorabend eine notwendige und vernünftige Einordnung der Wetterlage – ob mit Gewitter oder Hagel zu rechnen ist.“ Wo genau das Unwetter tobt, könne am Vorabend niemand sagen, das könne auch in 50 bis 60 Jahren noch niemand voraussagen, so Plöger. Für kurzfristige Informationen seien regionale Wetterapps interessant, beispielsweise mit einem Regenradar, der die nächsten zwei Stunden vorausberechnet. Drittens könnten Landwirte begleitende Quellen nutzen, wie sie der Deutsche Wetterdienst anbietet, mit Informationen zur aktuellen Bodenfeuchtigkeit oder der Bodentemperatur.

Bericht schuld an mancher Misere

Johannes Klotz betreibt in Überlingen einen Obsthof. „Ob wir düngen oder ernten – das Wetter muss stimmen.“ Besser: Die Wetterprognose muss stimmen. Doch ist das mit den Prognosen so eine Sache. „Mit dem SÜDKURIER-Wetter können wir nicht so viel anfangen“, sagt er frei heraus, und begründet, dass sein Hof im Windschatten größerer Wetterlagen liege. „Der Schiener Berg trennt das Wetter. Ein Teil geht über die Konstanzer Bucht Richtung Meersburg, der andere Teil über Steißlingen hoch nach Messkirch – wir liegen genau dazwischen.“ Und wem traut er da? „Dem Schweizer! Der sagt das Wetter meistens ein bisschen besser voraus.“ Aber auch „der Österreicher“ liegt für Klotz öfter richtig. Im Herbst, wenn es andernorts schon regnet, bläst übers Rheintal ein Föhn – und den sagen seiner Beobachtung nach die österreichischen Meteorologen am besten voraus. Auch bei langfristigen Prognosen, die für die Planung von Maschinen und Erntehelfern wichtig sind, vertraut Klotz auf die Wetterfrösche aus dem nahen Ausland.

Johannes Klotz betreibt in Überlingen Bambergen einen Obsthof mit Direktvermarktung. Im Hintergrund ein Bild seiner Tochter Ines Klotz, frühere Apfelprinzessin.
Johannes Klotz betreibt in Überlingen Bambergen einen Obsthof mit Direktvermarktung. Im Hintergrund ein Bild seiner Tochter Ines Klotz, frühere Apfelprinzessin. | Bild: Holger Kleinstück

Von der richtigen Prognose hängt für die Landwirte der wirtschaftliche Erfolg ab. „Wenn ich weiß, dass es in zwei Tagen stark regnet, fahre ich heute nicht mehr die Bewässerung hoch.“ Bei den Zwetschgen beispielsweise pflückt er lieber einen Tick zu früher als im Regen. „Eine Nassernte geht gar nicht, da faulen die Zwetschgen in der Kiste‘“, sagt Klotz.

„Der Landwirt hat nichts zu verschenken“, spricht Klotz für die ganze Branche. Wenn ein Landwirt Gülle ausbringt, dann mache er das nicht, weil er den Stall leeren will, sondern weil die Gülle seinen Acker mit Stickstoff düngt. Am besten funktioniert das bei Regen. „Wenn der Wetterbericht aber falsch war und es regnet länger nicht, dann verdampft der Stickstoff nur und der Landwirt wird an den Pranger gestellt, weil es stinkt.“

Im schnellen Einsatz für den Landwirt: Hier ein Bild auf einem Acker unterhalb von Überlingen-Andelshofen.
Im schnellen Einsatz für den Landwirt: Hier ein Bild auf einem Acker unterhalb von Überlingen-Andelshofen. | Bild: Hilser, Stefan

Der Wetterbericht ist schuld an mancher Misere. Wenn die Genossenschaft empfiehlt, zu einem gewissen Zeitpunkt die Apfelblüte zu spritzen, kurz vor einem erwarteten Regen, und 800 bis 1000 Obstbauern in der ganzen Bodenseeregion dem Aufruf folgen, dann ergeben sich Summen von mehreren 100 000 Euro, so Klotz, die bei falscher Prognose „in den Sand gesetzt werden“. Klotz: „Für einen Landwirt steht mit dem Wetter viel auf dem Spiel. Früher hat man sich auf die Lostage verlassen oder auf Bauernregeln, man hat sich beim Wanderschäfer erkundigt, und da haben sich die Leute selbst noch intensiver mit dem Wetter beschäftigt und die Wolken gedeutet. Das kann sich heute aber niemand leisten. Das Futter muss rein, sonst habe ich im Winter nichts für die Tiere.“

Das Lohnunternehmen Roth in Urzenreute

Mirjam Roth und Markus Roth betreiben in Urzenreute bei Owingen ein Lohnunternehmen, das mit schwerem Ackergerät auf Bestellung pflügt, sät, mäht oder erntet. Ihre Kunden kommen aus einem Umkreis von 30 Kilometern, zwischen Meßkirch, Stockach und Ahausen. Das heißt, kleinräumige Wetterberichte sind bei der Planung des Maschineneinsatzes unersetzlich. Wenn es in Pfullendorf regnet, kann in Überlingen ein Mähdrescher eingesetzt werden oder umgekehrt. So wechsel- und launenhaft wie das Wetter, so flexibel, sagt Mirjam Roth, müssen auch ihre Maschinen eingesetzt werden. Die hohe Quote an Aushilfen in ihrem Betrieb ist ein Zeichen dafür, wie wetterabhängig dieses Geschäft ist.

Plöger betrachtet die Mitte

Die Abläufe im Betrieb plant Mirjam Roth nach Anforderung aus der Landwirtschaft. „Wir kommen gesprungen, wenn das Wetter entsprechend ist und die Landwirte uns anrufen.“ Getreideproben werden überprüft, ob sie auch Reif sind. Unreife Körner dürfen nass werden, trockenes Getreide fault schnell, braucht auf dem Halm zwei Tage, bis es wieder trocknet. Eine für den Erzeuger aufregende Zeit, von der der wirtschaftliche Erfolg abhängt. Dabei kommt es regelmäßig vor, dass sich die Wettervorhersagen widersprechen. „Wir gehen nach der Vorhersage vom Maschinenring, von Meteomedia und von Wetter.com, oder ganz kurzfristig nach dem Regenradar.“ Die Landwirte wiederum vertrauen unter Umständen anderen Quellen, etwa den von Bayer, der gleich noch den richtigen Zeitpunkt für den Spritzmitteleinsatz durchgibt. Und viele gehen nach dem Schweizer, so Roth.

Was ist dran an Aussagen, dass der Schweizer besser sei? Sven Plöger kennt solche Aussagen. „Dieses Phänomen gibt es in allen Ländern. Die Leute, die in Grenznähe wohnen, sagen grundsätzlich, der Wetterbericht des anderen Landes sei besser – und umgekehrt.“ Der Grund sei einfach. Wenn er, Plöger, über das Wetter in Deutschland spricht, müsse er über das ganze Land reden, und schon aus ökonomischen Gründen, weil in zwei Minuten alles gesagt sein soll, den Fokus auf die geographische Mitte legen.“ Da sei es doch logisch, dass die Unterschiede zu den Rändern immer größer würden und der Mensch menschlich reagiert – er kommt zu dem Schluss, dass das andere Wetter besser sein muss, wenn das eigene im einen oder anderen Fall nicht zugetroffen hat.