Herr Baur, was bedeutet eigentlich Inklusion an Schulen?

Der kleinwüchsige Kugelstoßer Niko Kappel, der bei den Paralympics in Rio Gold holte, hat neulich auf Facebook gepostet: „Inklusion ist, sich respektvoll auf Augenhöhe zu begegnen.“ Ich finde, das trifft es sehr gut. Wir sorgen in den Inklusionsklassen dafür, dass ein respektvoller Umgang herrscht und dass das Bewusstsein für die Stärken und Schwächen jedes Einzelnen ganz normal wird. Wenn man bei uns zum Beispiel in die Klasse kommt, erkennt man nicht, welche Kinder einen Anspruch auf sonderpädagogische Förderung haben. Das ist für mich Inklusion, zu sagen: „Wenn man nichts sieht, sieht man am meisten.“ Es ist Normalität, dass alle Kinder unterschiedlich arbeiten.

Viele Menschen haben Vorbehalte gegenüber den Veränderungen durch die Inklusion, weil sie ein anderes System erlebt haben. Geht das auch den Lehrern so?

Vereinzelt fällt es auch den Regellehrkräften schwer. Hier sind wir Sonderpädagogen gefragt, wenn es darum geht zu erklären, warum es ganz normal ist, dass ein Inklusionsschüler eine andere Leistung erbringt, beispielsweise sein Lerntagebuch in einer anderen Form ausfüllt. Jedes Kind arbeitet im Rahmen seiner Möglichkeiten. Das ist ja der Gedanke von zieldifferentem Lernen.

Eignet sich die Gemeinschaftsschule wie die Schreienesch-Schule für die Inklusion besser als das „klassische Modell“?

Ein großer Vorteil der Gemeinschaftsschule ist definitiv, dass es ganz normal ist, dass jedes Kind an seinem eigenen Unterrichtsmaterial arbeitet. So kann ich als Sonderpädagoge jedem Kind etwas anderes anbieten, ohne dass es dadurch zu Ausgrenzung kommt. Diese Individualität ist so weitreichend im alten System nicht vorhanden. Man merkt es im Vergleich zu klassischen Regelschulen, dass da Kinder möglicherweise darunter leiden und auch das Material nicht annehmen, weil sie sagen: „Ich will das gleiche wie der da nebendran.“ Das habe ich hier in der Gemeinschaftsschule in dieser Form noch nicht erlebt.

Sind alle Klassen an der Schreienesch-Schule Inklusionsklassen?

Nein, es gibt einzelne Inklusionsklassen. Die sechste Klasse zum Beispiel hat drei Züge, davon ist eine Klasse eine Inklusionsklasse. An unserer Schule gibt es Kinder mit den Förderschwerpunkten „Emotionale und soziale Entwicklung“, „geistige Entwicklung“, „Lernen“, „körperliche und motorische Entwicklung“ und „Sprache“. Schüler mit den Förderschwerpunkten „Hören“ und „Sehen“ haben wir derzeit nicht.

Wie muss man sich den individuellen Unterricht vorstellen?

Die Kinder arbeiten auf unterschiedlichen Niveaus, jedes Kind hat einen eigenen Lernplan. Von Anfang an wird das Augenmerk darauf gelegt, dass es Stärken und Schwächen von jedem Schüler gibt, und wir erklären die Individualität auch damit. Wir sagen den Kindern also nicht: Das sind die Inklusionsschüler oder anders herum. Wenn wir einen Lernnachweis schreiben, bekommen Inklusionskinder inhaltlich entsprechend andere Aufgaben, jedoch ist das Layout für alle Lernnachweise, egal auf welcher Niveaustufe, gleich. Wenn die Kinder nachfragen, erklären wir, dass eben ein unterschiedliches Lernziel besteht. Das ist wichtig: Wir wollen niemandem etwas vorlügen, sondern wir machen es zum Thema. Für das Selbstbild heben wir Lehrkräfte die Stärken der Schüler bewusst hervor, die Mitschüler machen dies untereinander bereits unbewusst.

Was genau machen Sie dann in der Inklusionsklasse?

In der Inklusionsklasse der Sechstklässler bin ich circa fünfzig Prozent meines Deputates. In den anderen Inklusionsklassen wesentlich weniger. Die Schüler differenzieren nicht zwischen dem Klassenlehrer bzw. Fachlehrer und dem Sonderpädagogen. Die Regelschüler kommen genauso bei Fragen zu mir und Kinder mit Förderbedarf gehen auch zum Klassenlehrer. Das ist hier auch das Prinzip an der GMS, da will man nicht differenzieren. In den Input-Phasen erkläre ich zusammen mit den Klassenlehrern den Unterrichtsinhalt, in den Stillarbeitsphasen werden Fragen beantwortet und individuelle Hilfestellungen gegeben. Ein großer Teil der Arbeit findet aber auch außerhalb des Klassenzimmers statt: Ich muss individuelles Lernmaterial für die Inklusionsschüler erstellen und zusammenstellen und Beratungsarbeit leisten.

Sie meinen Beratungsarbeit bei den Eltern?

Ja überwiegend, aber nicht nur. Auch meine Regelschullehrerkollegen sprechen mich oft an und bitten um Rat. Für die Kollegen ist sicherlich eine Anlaufstelle vor Ort hilfreich und wird gerne in Anspruch genommen.

Wo hat die Inklusion an Regelschulen ihre Grenzen?

Dort, wo das Kind mit den fixen Rahmenbedingungen einer Schule, den äußeren Strukturen, die auch eine Schulleitung oder das Schulamt nicht beeinflussen können, nicht zurechtkommt. Ein Beispiel sind die klar definierten Unterrichtszeiten und die vorgegebene Stundenanzahl in der Woche, oder dass es an der Regelschule viele Kinder, verschiedene Gebäude, unterschiedliche Fachräume und größere Klassen gibt. Wenn Kinder mit diesen Vorgaben nicht klarkommen, weil sie beispielsweise stark autistisch sind, dann stößt die Inklusion an Grenzen. Dann sind sie am Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ, ehemals Sonderschulen) besser aufgehoben, dann ist dort der beste Förderort, da man dort individueller auf sie eingehen kann.

Gibt es auch Grenzen vonseiten der Lehrer?

Ja. Mir ist der Fall eines schwerst mehrfachbehinderten Kindes bekannt, das unter anderem auch bettlägerig ist. Die Eltern wollen unbedingt, dass es auf der Regelgrundschule eingeschult wird. Da stellt sich für die Schule die Frage: Können wir dem Kind gerecht werden? Das Kind muss mehrfach am Tag pflegerisch versorgt werden, ggf. müssen bauliche Maßnahmen ergriffen werden. Das ist ein enormer Aufwand, der den Unterricht sehr stören kann. Selbst wenn man dies organisiert bekommt, bleibt die Frage, was ist dann, wenn der Sonderpädagoge nicht da ist. Man muss es klar sagen: Die Regellehrkräfte verbringen deutlich mehr Zeit als wir Sonderpädagogen mit den Kindern. Und auch die Lehrer stoßen dann irgendwann an Grenzen. Wenn Kinder eine sehr intensive Begleitung bzw. Betreuung benötigen, dann ist das mit mindestens zwanzig weiteren Kindern in einer Klasse durch die Regellehrkraft allein nicht zu leisten. Erstens weiß sie nicht, wie mit einem schwerst mehrfachbehinderten Kind umzugehen ist und zweitens gibt es noch den Rest der Klasse. An eine individuelle Förderung, am besten eins zu eins Betreuung, kann in solchen Fällen nicht gedacht werden. Hier kann das Schulamt allerdings einen Riegel vorschieben und den Schulbesuch an der Regelschule aus Gründen der Machbarkeit ablehnen.

Wann ist für die sogenannten „Regelschüler“ die Grenze der Inklusion erreicht?

Wenn ein Kind da ist, das den kompletten Unterrichtsablauf kontinuierlich über eine längere Zeit stört, dann muss man die anderen Kinder, natürlich auch die anderen Inklusionskinder, davor in Schutz nehmen. Die Sonderpädagogen müssen diese seltenen Einzelfälle genau prüfen und entsprechend alle Beteiligten beraten.

Ein häufiges Argument ist, dass die Inklusionsschüler das Leistungsniveau herabziehen und so die Regelschüler benachteiligen würden.

Aus meiner Erfahrung, und ich war in unterschiedlichen Schulen und Schulbezirken, kann ich sagen, dass das Niveau dieser Klassen nicht nach unten gezogen wird. Ganz im Gegenteil: Die Schüler profitieren von diesem Tandem-System, wir Sonderpädagogen kümmern uns ja auch um die Regelschüler und sind Ansprechpartner für alle Kinder. Ich würde eher sagen, dass das Bildungsniveau und die Schlüsselqualifikationen durch eine Inklusionsklasse steigen. Mittlerweile gibt es sogar Eltern von Regelkindern, die versuchen, gezielt auf die Einschulung in eine Inklusionsklasse hinzuwirken.

Reicht die Inklusion eigentlich auch über die Schule hinaus?

Das hängt vom Einzelfall ab. Es ist unsere Aufgabe als Sonderpädagogen, im Einzelfall auch die soziale Begleitung zu machen. In der sechsten Klasse beispielsweise kennen sich die Kinder aus der Nachbarschaft, da sie aus dem gleichen Einzugsgebiet kommen. Da klappt das sehr gut. Das ist auch ein weiteres Ziel der Inklusion: Dass die Kinder nah am Wohnort beschult werden und so soziale Kontakte in der Nachbarschaft pflegen können. Man muss aber auch dazusagen, dass gerade die Inklusionsklasse eine sehr, sehr soziale Klasse ist. Vielleicht liegt es ja auch am inklusiven Programm, wer weiß.

Zur Person: Nach dem Erwerb des Ersten Staatsexamens für das Lehramt an Grund-, Haupt- und Werkrealschulen absolvierte Florian Baur einen Erweiterungsstudiengang „Gesundheitsförderung“ und legte zudem die Staatsexamina für das Lehramt an Sonderschulen ab. Er arbeitete bei der Eingliederungshilfe in einer Kindertagesstätte in Sindelfingen, bevor er als fest angestellter Sonderpädagoge zur Schreienesch-Gemeinschaftsschule in Friedrichshafen wechselte. Dort ist er für die Betreuung der Inklusionsklassen zuständig.