Frau Beurer, was ist der Gedanke hinter der Inklusionsreform?

Zentrale Begriffe des neuen Schulgesetzes sind Aktivität und Teilhabe. Mein „wie ich bin“ darf keine Einschränkung mehr sein bezüglich meiner Möglichkeiten, am Schullalltag teilzunehmen. Ziel ist eine möglichst große Teilhabe an der Normalität.

Sie sind Rektorin der Janusz-Korczak-Schule, einem sogenannten SBBZ. Um was handelt es sich hierbei?

SBBZ steht für „Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum“. Dies sind die ehemaligen Sonderschulen, die im Zuge der Einführung des neuen Schulgesetzes und der damit verbundenen Umsetzung des Inklusionsanspruchs letztes Jahr umbenannt wurden. Es gibt sieben verschiedene SBBZ-Typen, aufgeschlüsselt nach dem jeweiligen Förderschwerpunkt. Die Janusz-Korczak-Schule hat den Förderschwerpunkt „Emotionale und Soziale Entwicklung“ und hat die Aufgabe Schülerinnen und Schüler mit soziale-emotionalen Bildungsbedarf so individuell zu fördern, dass diese wieder ins Regelschulssystem zurückkehren oder auch dort verbleiben können. Unser schulisches Konzept ist ausgerichtet auf Schülerinnen und Schüler, die bedingt durch psychosoziale, soziokulturelle uns sozio-ökonomische Faktoren in ihrem Lern- und Entwicklungsprozess so beeinträchtigt sind, dass eine erfolgreiche Förderung an der allgemeinen Schule zeitweise oder dauerhaft nicht bzw. noch nicht möglich ist. Andere Schwerpunkte sind zum Beispiel „Lernen“, „Sprache“, „Hören“ oder auch „körperliche und motorische Entwicklung“.

Wie ist Ihre Schule aufgebaut?

Wir haben eine Stammschule mit 80 Schülern in verschiedenen Bildungsgängen, das heißt die Schüler kommen jeden Tag zu uns ins Haus. Unser Träger ist das Linzgau Jugendheim, wir sind also eine Schule am Heim. Ein Teil unserer Kinder ist im Linzgau-Kinder- und Jugendheim stationär über die Jugendhilfe vor Ort untergebracht. Alle unsere Schülerinnen und Schüler werden von der Jugendhilfe betreut. Außerdem betreuen unsere Lehrer weitere 58 Schülerinnen und Schüler, die im Rahmen kooperativer Formen an Regelschulen inklusiv unterrichtet werden. Die sonderpädagogische Beratung an Regelschulen durch uns reicht von Sipplingen bis Bodneg.

Ist die Umbenennung der Sonderschulen in SBBZ sinnvoll?

Es wurden ja nicht nur die Sonderschulen umbenannt, sondern auch die Förderschwerpunkte. Früher studierte man beispielsweise das Fach „Verhaltensgestörten-Pädagogik “. Das war stigmatisierend. Das gilt auch für den Sonder- und Förderschulbegriff, der negativ belegt ist. An unserer Beratungsarbeit an Regelschulen hat sich durch die Umbenennung aber wenig geändert. Diese gab es ja früher schon. Aber der SBBZ-Begriff ist toll, weil er erstmals alle unsere Tätigkeiten benennt. Wir machen eigene Bildungsarbeit an unserer Stammschule aber auch Beratungsarbeit an anderen Schulen. Das fasst die Aufgaben der Sonderpädagogik nochmal ganz anders. Wir sind keine Resteschule, sondern gleichberechtigt im Schulangebot.

Genügt die Umbenennung in „SBBZ“ um den Inklusionsgedanken umzusetzen?

Nein. Das wird noch lange dauern, bis die Menschen den Inklusionsgedanken annehmen. Das gilt übrigens auch für den Begriff des SBBZ. In puncto Inklusion ist immer noch das Denken der Eltern da: Mein Kind ist nicht normal. Bei Inklusion geht es um Vielfalt, nicht um Normalisierung oder Gleichmachung. Bis so etwas im gesellschaftlichen Denken ankommt, braucht es Zeit.

Hat sich, abgesehen vom neuen Typenschild „SBBZ“, etwas geändert an ihrer Arbeit?

Beurer: Eigentlich sind wir nicht groß tangiert durch die Veränderungen des Schulgesetzes. Allerdings hat sich unsere Klientel verändert. Die „klassischen“ Schüler mit Förderungsbedarf in emotionaler und sozialer Entwicklung bleiben jetzt an den Regelschulen. Das sind die, die man früher als „delinquent“, „verwahrlost“ oder „aufmüpfig“ bezeichnet hätte, das war früher auch unsere Gruppe. Wenn jetzt ein Schüler zu uns kommt, dann hat der einen langen Weg hinter sich und in der Regel auch eine Leidensgeschichte.

Ist denn die Nachfrage nach Plätzen an Ihrer Schule zurückgegangen? Immerhin können die Eltern ihr Kind jetzt durch das Wahlrecht auch an eine Regelschule bringen.

Ein Prozent der Schüler fallen durch ihr Verhalten auf, daran ändert auch ein Gesetz nichts. Die Nachfrage nach Schulplätzen ist gleichbleibend hoch, ich muss zum Teil Schüler ablehnen. Das hat nichts mit dem Schulgesetz zu tun, sondern mit den Lebensverhältnissen: Armut und bildungsferne Eltern, die übrigens durch die Krippenbewegung nicht erreicht werden. Ich erlebe eine veränderte Kindheit bei meinen Schülern. Da hat sich in den letzten Jahren vieles verändert.

Was halten Sie eigentlich vom Wahlrecht der Eltern in Bezug auf die Frage, ob ihr Kind an einer Regelschule oder einem SBBZ unterrichtet wird?

Durch das Wahlrecht entfällt die Pflicht zum Besuch einer Sonderschule. Es ist gut, dass diese wegfällt. Dadurch müssen Beratungsgespräche nun anders geführt werden, denn ohne die Eltern geht gar nichts. Dadurch, dass die Eltern zu Entscheidern gemacht werden, muss man sie überzeugen. Es wird nichts mehr aufgepfropft. Die Gespräche müssen in Richtung „Ihr Kind hat einen Anspruch auf sonderpädagogische Bildung – und das ist eine Chance!“ geführt werden. Dadurch verändert sich Zusammenarbeit mit den Eltern. Ich muss mit den Eltern darum ringen: „Ihr Kind hat ein Anrecht auf individuelle Förderung! Es geht um die möglichst große Teilhabe Ihres Kindes!“

Wenn ein Kind mit sonderpädagogischem Bildungsanspruch in eine Regelschule kommt, soll es dort zieldifferent, also mit individuellen Lernzielen, unterrichtet werden. Ist das eigentlich etwas Neues?

Die Regelschulen mit denen wir zusammenarbeiten, unter anderem die Schreienesch-Schule in Friedrichshafen, sind großartig. Die haben sich immer schon um zieldifferentes Lernen und Lehren bemüht. Ich weiß nicht, ob es dazu ein Schulgesetz gebraucht hätte. Was früher sowieso gemacht wurde, wird jetzt eben beim Namen genannt. Allerdings findet nun Abschulung immer weniger statt, stattdessen steht der Förderungsgedanke im Vordergrund.

Es wird oft befürchtet, dass ein zu großes Leistungsgefälle innerhalb der Klasse die leistungsstarken Schüler ausbremsen könnte. Besteht diese Gefahr?

Für ein gutes Gleichgewicht braucht es die ganze Bandbreite. Zieldifferenter Unterricht meint individuelle Förderung, das gilt ja auch für die Lernstarken. Eine Nivellierung sehe ich nicht.

Läuft denn bisher alles rund bei der Umsetzung der Inklusionsreform?

Die rot-grüne Landesregierung hat das Gesetz noch durchgepeitscht. Mit den Ausführungsbestimmungen kommt man nicht hinterher. Wir am SBBZ müssen das nicht ausbaden, aber die Lehrer an den Grund- und Werkrealschulen. Bei den Regelschulen gibt es durch die vielen Reformen einen großen Veränderungsdruck. Dazu bedarf es natürlich zusätzlicher Ressourcen und auch Zeit, die den allgemeinen Schulen zur Verfügung gestellt werden müssen.

Was muss geschehen, um die Inklusionsreform zu einem Erfolg zu machen?

Es braucht Zeit und Geduld. Das ist direkt an die Politik gerichtet: Es kann nicht angehen, dass jede Regierung eine neue Reform macht. Jetzt ist soviel angestoßen, jetzt braucht es Zeit zur Umsetzung!

 

Zur Person: Nach einem Studium der Geschichte, Anglistik und Politik auf Lehramt in Freiburg widmete sich Brigitte Beurer der Erziehung ihrer drei Kinder. Währenddessen bildete sie sich zu Theaterpädagogin fort. Nach einem Aufbaustudium Sonderpädagogik und dem Referendariat begann sie 1997 als Klassenlehrerin an der Janusz-Korczak-Schule zu unterrichten, die sie seit 2013 leitet.