Demografischer Wandel trifft Personalmangel, Behinderung stößt auf Ausbildungsengpässe, Überforderung begegnet Bürokratie. Wer Herausforderungen sucht, findet sie in der Pflege. Schon jetzt reichen die stationären Plätze im Bodenseekreis nicht aus und die Nachfrage steigt. 2017 waren 22 Prozent der Einwohner des Bodenseekreises 65 Jahre alt oder älter, 2,7 Prozent waren älter als 85 Jahre. 2030 werden wahrscheinlich 26 Prozent über 65 Jahre und 4,1 über 85 Jahre alt sein. Dazu kommt die höhere Lebenserwartung. Je älter Menschen werden, desto wahrscheinlicher brauchen sie Pflege.

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Die Veränderungen sind bereits in den Einrichtungen zu spüren, etwa an der Zunahme von Menschen mit Behinderungen und Demenz. „Vor zehn Jahren waren von den Bewohnern der Pflegeheime 60 bis 70 Prozent dement, heute sind es 70 bis 80 Prozent“, sagt Jochen Tenter, Chefarzt der Alterspsychiatrie Zfp Ravensburg. Das Statistische Landesamt rechnet mit einer Zunahme pflegebedürftiger Menschen bis 2030 um 35 Prozent, bis 2050 möglicherweise um 95 Prozent. „Wir haben es mit einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe zu tun, die ein Akteur alleine und auch eine politische Ebene alleine nicht ansatzweise bewältigen kann. Daher verfolgt der Landkreis den Ansatz, die soziale Infrastruktur durch systematische Netzwerkarbeit zu gestalten“, sagt Robert Schwarz, Pressesprecher des Landratsamts.

Träger, Fachkräfte und Ehrenamtliche engagieren sich in Netzwerk

Rund 300 in der Altenhilfe engagierte Träger, Fachkräfte und Ehrenamtliche bilden das Netzwerk „Älter werden im Bodenseekreis“. „Die Zusammenarbeit der verschiedenen Träger und die Kooperation und Unterstützung des Landratsamts funktionieren sehr gut im Bodenseekreis“, sagt Tobias Günther, Fachbereichsleiter Altenhilfe bei der Bruderhausdiakonie. Das Netzwerk bearbeitet in Projektgruppen aktuelle Themen. Es hat Vorschläge für einen besseren Übergang vom Krankenhaus in stationäre oder ambulante Pflege erarbeitet, bietet Verwöhntage für pflegende Angehörige und organisiert eine Inforeihe mit Vorträgen über Demenz, Vorsorge, Hilfen im Alter oder sicheres E-Bike-Fahren. Mit dem Landratsamt hat es die Kreispflegeplanung erstellt.

Kurzzeitpflege: Von 70 benötigten Plätzen stehen 18 zur Verfügung

Die zeigt schon bis 2020 Lücken: 2040 Plätze werden in der stationären Pflege gebraucht, bisher gibt es 1717. Vor allem in der Kurzzeitpflege fehlen Angebote. Von 70 benötigten Plätzen stehen 18 zur Verfügung. Zwar bieten alle Heime Kurzzeitpflege an – vorausgesetzt, die Plätze werden nicht für die Dauerpflege gebraucht. Das ist selten der Fall. „Eine Idee wäre ein kommunales Förderkonzept für die Einrichtung eigener Kurzzeitpflegeplätze über einen bestimmten Zeitrahmen“, sagt Christian Muth, Hausdirektor im Königin Paulinenstift in Friedrichshafen.

Arbeitsgruppe im Bodenseekreis setzt auf Ausbildung

Vieles scheitert am Fachkräftemangel. „Im vergangenen Jahr haben mehrere Einrichtungen, eröffnet, die nicht voll besetzt sind, weil es an Personal fehlt“, sagt Roland Hund, Leiter des Hauses St. Konrad der Stiftung Liebenau. Die Arbeitsgruppe „Fachkräfte“ setzt auf Ausbildung, um dem abzuhelfen. Im Mai veranstaltete das Netzwerk den Tag der Pflege an der Bodenseeschule, im Oktober plant es eine Pflegemesse in Markdorf. Um eigene Kräfte zu halten, bemühen sich die Heime um verlässliche Dienstpläne, ausreichend Hilfsmittel und Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Staatssekretär Andreas Westerfellhaus und Bundestagsabgeordneter Lothar Riebsamen tauschen sich über die Zukunft der Pflege aus.
Staatssekretär Andreas Westerfellhaus und Bundestagsabgeordneter Lothar Riebsamen tauschen sich über die Zukunft der Pflege aus. | Bild: Corinna Raupach

Der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung Andreas Westerfellhaus stellt bei einem Gespräch im Landratsamt seine Konzepte vor: „Vor allem müssen wir die Mitarbeiter durch bessere Arbeitsbedingungen im Beruf halten“, sagt er. Wenn Belastung, Bezahlung und Arbeitszeiten stimmten, seien Berufsaussteiger oder Teilzeitkräfte zurückzugewinnen. Das will er mit Prämien unterstützen. Pflegende Angehörige bräuchten Präventions- und Rehabilitationsprogramme. Zudem plädiert er für mehr Ausbildungs- und Studienplätze, Bleiberecht für Pflegekräfte aus dem Ausland und Unterstützung bei Fort- und Weiterbildung. Konzepte aus dem Ausland seien zu prüfen: In Schweden etwa beinhaltet die Arbeitszeit von Pflegern 20 Prozent Regeneration. In Dänemark beraten Pflegepiloten Betroffene und Angehörige.

Offene Stellen im Pflegebereich

Die Zeit drängt: Derzeit sind bei der Agentur für Arbeit Konstanz-Ravensburg derzeit 15 offene Stellen im Pflegebereich für den Bodenseekreis gemeldet, weitere 95 Stellen bieten Personaldienstleister an.

Pflegebedarf wird weiter steigen

  1. Pflegebedürftige in Deutschland: Nach Angaben des Statistischen Bundesamts lebten zum 31. Dezember 2017 rund 17,7 Millionen Menschen in Deutschand, die 65 Jahren oder älter sind. Das entspricht einem Anteil von 21,4 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Damit erhöhte sich die Zahl älterer Menschen um 36 Prozent innerhalb der vergangenen 20 Jahre.
  2. Für Baden-Württemberg gibt das Statistische Landesamt den Anteil über 64-Jähriger mit 20 Prozent an. Dazu kommt die längere Lebenserwartung, bei in Baden-Württemberg neugeborenen Jungen auf 79,4, bei Mädchen auf 83,9 Jahre. Mit steigendem Alter nimmt die Wahrscheinlichkeit für Pflegebedürftigkeit zu. In Baden-Württemberg wird mit einem Anstieg um 35 Prozent bis 2030 gerechnet.
  3. Im Bodenseekreis lebten zum Stichtag 214 655 Menschen. 48 127 waren 65 Jahre alt oder älter, mit 22,4 Prozent liegt ihr Anteil über dem Landes- und Bundesdurchschnitt. Der Anteil der Hochaltrigen über 85 Jahren liegt bei 2,7 Prozent. Für das Jahr 2030 rechnen Prognosen mit einem Anteil von 26 Prozent der über 65-Jährigen und von einem Anteil von 4,1 der über 85-Jährigen. Laut Pflegestatistik leben im Bodenseekreis 5652 Pflegebedürftige. 73 Prozent von ihnen werden zu Hause gepflegt, rund 3000 von Angehörigen. Es gibt im Kreis 1717 stationäre Pflegeplätze, Kurzzeitpflegeplätze inbegriffen.