Der Kleiderschrank quillt über, in den Regalen verstauben Bücher und Souvenirs zahlreicher Reisen und der Stapel mit Papierkram auf dem Schreibtisch wird immer höher. Viel mehr als nur Abhilfe kann Minimalismus als bewusst gewählter einfacher Lebensstil schaffen. Minimalismus bedeutet, ohne unnötigen Ballast zu leben und so Freiraum und Zeit für wirklich wichtige Dinge zu gewinnen.

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Auch im Bodenseekreis gefällt diese Lebensweise inzwischen einigen Menschen. In Tettnang gibt es sogar einen Stammtisch, an dem sich Minimalisten oder solche, die es werden wollen, treffen. Bei Christiane und Samuel Ginglseder war irgendwann der Punkt erreicht, an dem sie sich bewusst für eine minimalistische Lebensweise entschieden haben. Durch mehrere Umzüge fanden sich die Organisatoren des Tettnanger Minimalismus-Stammtischs in einer Wohnung mit 107 Quadratmetern wieder. Mehr Fläche bedeutete für das Paar, wie für die meisten anderen, automatisch auch mehr Möbel und mehr Dinge in den eigenen vier Wänden. „Aber wir haben gemerkt, dass wir daraus kein Glück ziehen“, erzählen sie.

Sachen verkauft oder verschenkt

Die Ginglseders verkauften einige Möbel übers Internet, stellten übriges Geschirr und Dinge, die sie nicht mehr brauchen oder doppelt hatten, ins Schenkregal der Tettnanger Anlaufstelle für Bürgerengagement oder verschenkten Sachen an Menschen, die sie dringender brauchen. Darüber hinaus wollen sie auch ihre Präsenz in den sozialen Medien reduzieren. „Es macht keinen Sinn, eine Änderung auf 20 Plattformen einzugeben“, sagt Samuel Ginglseder, Coach und Trainer mit den Schwerpunkten Achtsamkeit, Minimalismus und Systemik.

Auslöser für Lebensweise war Fernsehbericht

Viel zu oft behalten wir Dinge, von denen wir denken, dass wir sie doch noch irgendwann brauchen könnten. Das passiert jedoch selten. „Je mehr man hat, desto mehr muss man sich darum kümmern“, so die Erfahrung von Petra Fäßler aus Lindau. Auslöser für die nachhaltigere Lebensweise war für sie ein Fernsehbericht über Plastik im Meer. "Nun versuche ich, Plastik möglichst zu vermeiden, kaufe Gemüse vom Hof und andere Lebensmittel im Unverpackt-Laden." Sie backt nicht nur ihr Brot selbst, sondern benutzt Stofftaschentücher und selbst genähte Wattepads. Dazu gehöre auch, Energie und Wasser zu sparen. "Es ist gar nicht so schwer, sich einzuschränken."

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Hilfreich bei der Trennung von überflüssigen Dingen war für Petra Fäßler ein Buch der japanischen Aufräumexpertin Marie Kondo. Sie rät, sich nicht nur von Dingen, die nicht mehr gefallen oder sich überlebt haben, zu trennen, sondern sich nur noch mit Sachen zu umgeben, die glücklich machen. „Es fiel mir tatsächlich schwer, mich von Fotos zu trennen“, berichtet die Lindauerin nach kurzem Überlegen. Auch vor dem Verschenken eines coolen Stoffelchs habe sie lange gezögert. Hingen doch Erinnerungen an dem seltenen Exemplar. „Aber jetzt vermisse ich ihn überhaupt nicht.“ Dasselbe gelte für überflüssige Kerzenständer oder den nie gelesenen Wälzern von Goethe.

Ein Gefühl der Befreiung in vielen Bereichen

Von Anfang an beim Stammtisch dabei ist Silke Bauer aus Tettnang. Auch sie hat die Erfahrung gemacht, dass es sich mit weniger Dingen leichter leben lässt. "Kennengelernt habe ich Minimalismus durch einen Freund, der nur noch eine Truhe mit ein paar Sachen besaß", berichtet sie. Das Gefühl der Befreiung verspüre Silke Bauer in vielen Bereichen: Sie produziert weniger Müll, kauft weniger ein und ihre Schränke sind nicht mehr so voll. Insgesamt habe sie durch weniger Besitz mehr Lebensqualität." Und sie nennt einen weiteren Vorteil: "Es ist viel einfacher, Ordnung zu halten."

Wunschliste statt Sofortgenuss

Die Ginglseders leben inzwischen in Tettnang in einer Wohnung mit 58 Quadratmetern. „Die Fläche wirkt trotzdem relativ groß, da so wenig drin steht“, sagt Samuel Ginglseder. Vor dem Einkaufen legt das Paar Wunschlisten an, um anstelle des Sofortgenusses zunächst einige Zeit zu prüfen, ob sie die Dinge wirklich brauchen und wollen. Die regionale Bio-Gemüsekiste wird nach Hause geliefert. Ein Grund mehr, sich vom Auto zu trennen. „Wenn man mal unbedingt ein Auto braucht, kann man ja auch eines mieten“, sagt Christiane Ginglseder. Nichtsdestotrotz ertappt sie sich manchmal dabei, wie sie fast in die Konsumfalle tappt. So hatte sie im Second-Hand-Shop eine günstige und hübsche Bluse in der Hand. "Dann habe ich mich gefragt, ob ich sie wirklich brauche und mich dazu entschieden, noch ein paar Tage zu warten und zu schauen, ob der Wunsch wirklich so groß ist oder nur ein kurzer Impuls." Auch eine schnelle Flugreise komme für das Paar nicht in Frage.

Impuls für Lebensweise muss aus einem selbst heraus kommen

Für wichtig und notwendig halten die Tettnanger Minimalisten, dass der Impuls für die Lebensweise mit deutlich weniger Konsum und Besitz aus einem selbst heraus kommt. Menschen, denen es materiell nicht so gut gehe, würden den Vorschlag, minimalistisch zu leben, eher als Spott und Hohn auffassen, meinen sie.