Einem hohen Bildungsniveau und einer guten Einkommenssituation ist es laut einer aktuellen Mitteilung des Statistischen Landesamts zu verdanken, dass Baden-Württemberg derzeit die höchste Lebenserwartung Neugeborener im Bundesvergleich zu verzeichnen hat. Ganz vorne dabei und über dem Landesdurchschnitt liegt der Bodenseekreis.

Neugeborene Mädchen haben demzufolge gute Chancen, mehr als 80 Jahre alt zu werden. Eine längere Lebensarbeitszeit zur Finanzierung der Renten und ein wachsender Bedarf an Pflegedienstleistungen werden allerdings vermutlich die Folge sein. Sind die Träger von Pflegeheimen und die Arbeitgeber in der Region darauf vorbereitet?

Ältere Mitarbeiter schon heute wichtig für Firmen

„Das Thema Demografie ist bei uns allgegenwärtig“, sagt dazu ein Sprecher von ZF in Friedrichshafen. So seien ältere Mitarbeiter geschätzte Kollegen und innerhalb des Technologiekonzerns von enormer Wichtigkeit. Nicht nur, dass sie über langjährige Berufserfahrungen und hohes Expertenwissen verfügten, auch ein weit verzweigtes Netzwerk und fundierte Unternehmenskenntnisse machten sie wertvoll für den Betrieb.

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„Handwerksbetriebe sind daran interessiert, dass Mitarbeiter so lange wie möglich bleiben“

Eine Einschätzung, die Georg Beetz von der Kreishandwerkerschaft Bodenseekreis nur bestätigen kann: „Unsere Handwerksbetriebe sind daran interessiert, dass Mitarbeiter so lange wie möglich bleiben, denn neue Arbeitskräfte finden sie nicht.“

So könnten gut qualifizierte Handwerker, besonders in Familienbetrieben, noch im Alter von 70 Jahren den fehlenden Nachwuchs ersetzen. Auch Bewerber über 50 hätten gute Chancen, einen Arbeitsplatz zu finden.

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Schulungen und Beteiligung an Projekten

In der ortsansässigen Industrie setzt man auf Schulungen, um ältere Mitarbeiter fit in Sachen neue Berufsbilder und Technologien zu machen, erzählt der ZF-Sprecher. Auch Mitarbeiter im Ruhestand gehörten demnach nicht zum alten Eisen: „Wir haben vor zwei Jahren konzernweit das Programm ‚Senior Professionals‘ ins Leben gerufen“, sagt er. Dabei stünden interessierte Ruheständler ihren Kollegen in zeitlich befristeten Projekten mit ihrem Erfahrungsschatz zur Seite.

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Im Handwerk gestaltet sich die Einbindung Älterer mitunter schwierig

Eine solche Mitarbeit im hohen Alter stellt sich im Handwerk, je nach Branche, deutlich schwieriger dar. Im Baugewerbe ist körperliche Leistungsfähigkeit gefragt. Diese lässt nach 40 Jahren Knochenarbeit erwartungsgemäß nach und die Möglichkeiten, in der Arbeitsvorbereitung unterzukommen, sind begrenzt, weiß Georg Beetz.

Deshalb mache man Handwerker auf Vorsorgeprogramme zum Erhalt körperlicher Leistungsfähigkeit aufmerksam. „Mit zunehmendem Alter wird Arbeitsschutz immer wichtiger.“

Programme zur Gesundheitsvorsorge

Auch in der Industrie existieren Programme und Projekte, die auf ältere Mitarbeiter zugeschnitten sind. Die Bandbreite reiche bei ZF von der ergonomischen Gestaltung von Arbeitsplätzen bis hin zu Vorsorgeaktionen im Gesundheitsmanagement.

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Und wenn arbeiten nicht mehr geht?

Im Bodenseekreis gibt es über 1700 stationäre Plätze in insgesamt 29 Altenpflegeheimen für Pflegebedürftige, informiert Robert Schwarz, Sprecher des Landratsamts. Für das Jahr 2025 sei für den Bodenseekreis bereits ein Bedarf von 2040 stationären Pflegeplätzen ermittelt worden.

Landratsamt: Bis 2025 braucht es 445 zusätzliche Plätze in Pflegeheimen

Da mehr Plätze wegfallen – einige Häuser stellen aus unterschiedlichen Gründen den Betrieb ein – als durch Neubau geschaffen werden können, wird es bis 2025 einen Bedarf von 445 zusätzlichen Plätzen geben, teilt das Landratsamt mit.

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Träger äußern sich verhalten

Um diesem Notstand zu begegnen, habe das Sozialdezernat aktiv das Gespräch mit mehreren Trägern der stationären Versorgung gesucht, um mit ihnen über den wachsenden Bedarf in der stationären Pflege zu diskutieren. Das Ergebnis dieser Gespräche: „Die Träger verhalten sich sehr zurückhaltend“, sagt Schwarz.

„Es gibt neue Pflegeheime im Bodenseekreis, die ganze Stationen nicht belegen können, weil ihnen das Personal fehlt.“
Robert Schwarz, Pressesprecher Landratsamt

Ein wesentlicher Grund für die zögerliche Bereitschaft zu investieren sei der Fachkräftemangel. Bundesweit kämen auf 100 offene Stellen in der Altenpflege 26 Fachkräfte.

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Auch die ambulante Pflege leidet darunter. „Wir erfahren immer wieder von betroffenen pflegenden Angehörigen, wie schwierig es ist, eine ambulante Versorgung zu organisieren“, sagt Schwarz.

Viele Senioren wollen in den eigenen vier Wänden alt werden

Abgesehen davon, dass es oftmals billiger ist, ziehen es viele Senioren vor, in ihren eigenen vier Wänden alt zu werden. Dafür bietet aber nicht jede Wohnung die geeignete Infrastruktur. Das Bauunternehmen Straßer in Salem beispielsweise baut aufgrund des wachsenden Bedarfs vor allem barrierefreie Wohnungen.

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Große Nachfrage nach barrierefreien Wohnungen

Derzeit entstehen weitere 44 in einem Zwillingsgebäude zum bestehenden Projekt „Generation+“ am Schlosssee. „Alle Wohnungen sind seit einem halben Jahr verkauft, wir haben sehr viele Mietanfragen und müssen keine Werbung machen“, sagt Sonja Straßer, zuständig für das Marketing der Firma.

Wohnanlagen mit eingebundener Pflegeinfrastruktur als Erfolgsmodell

Neben einem Betreuungsverein werden dort Dienstleister wie eine Apotheke, ein Allgemeinmediziner, ein Zentrum für Bewegung, Sport und Sturzprophylaxe sowie eine Sozialstation und eine Tagespflege untergebracht. Dabei schätzten nicht nur die Bewohner, sondern auch die ambulanten Pfleger die kurzen Wege, erzählt Sonja Straßer. „Solche Wohnanlagen sind ein Erfolgsmodell und wenn wir geeignete Grundstücke bekommen, werden wir mehr davon bauen.“