Wir wird man eigentlich Erster Landesbeamter?

Ich habe in Tübingen und Genf Jura studiert. Danach dachte ich mir, die Innenverwaltung ist am abwechslungsreichsten. Ich war zwei Jahre in Freiburger Landratsamt Dezernent und dann in Stuttgart für die Polizei zuständig. Das war die Zeit mit einem Weltwirtschaftsgipfel in Stuttgart und dem Hammermörder.

Danach war ich mit dem Planfeststellungsverfahren für den Ausbau des Stuttgarter Flughafens betraut. Für die Verlegung und Verlängerung der Start- und Landebahn musste die Autobahn 8 verschoben und ausgebaut werden.

Es gab 86 000 Einwendungen. Sechs Wochen lang haben wir diese montags bis samstags, von 9 bis 24 Uhr, erörtert. Danach ging ich zur Führungsakademie nach Karlsruhe und war ein Vierteljahr in der Region Rhône-Alpes.

Eine Tätigkeit am Bodensee konnte ich mir gut vorstellen. Meine Frau war von Kindesbeinen an viel in Langenargen und wir sind seit den 80er Jahren mit unseren Kindern dorthin gefahren. Als hier die Stelle ausgeschrieben war, habe ich mich sofort beworben – mit Erfolg. Unsere jüngste Tochter kam hier zur Welt – danach wollte die Familie nicht mehr weg.

Landrat Lothar Wölfle verabschiedet Joachim Kruschwitz im Kreistag.
Landrat Lothar Wölfle verabschiedet Joachim Kruschwitz im Kreistag. | Bild: Landratsamt

Was macht denn ein Erster Landesbeamter?

Ich mache all das, wozu der Landrat keine Zeit oder manchmal auch keine Lust hat. Ich vertrete ihn in allen Funktionen, außer im Vorsitz des Kreistags und im Verwaltungsrat der Sparkasse. Außerdem leite ich ein Dezernat mit etwa 200 Mitarbeitern, dazu gehören das Hauptamt, das Veterinäramt, das Rechts- und Ordnungsamt, das Amt für Bürgerservice, Schifffahrt und Verkehr und die Volkshochschule.

Ich hatte auch schon das Kommunal- und das Umweltschutzamt. Ich werde vom Land Baden-Württemberg besoldet und vom Innenministerium bestellt.

Joachim Kruschwitz geht nach vielen Jahren beim Landratsamt in den Ruhestand.
Joachim Kruschwitz geht nach vielen Jahren beim Landratsamt in den Ruhestand. | Bild: Corinna Raupach

 

Was hat sich verändert in 30 Jahren?

Als ich angefangen habe, waren hier etwa 480 Leute beschäftigt, jetzt sind es 1300. 1988 hatte der Bodenseekreis 173 000 Einwohner, jetzt sind es knapp 220 000. Da ist eine Stadt in der Größenordnung Friedrichshafens dazugekommen.

Der Fahrzeugbestand hat sich in dieser Zeit sicher verdoppelt. 1988 gab es elektrische Schreibmaschinen und die ersten Schreibroboter. Der einzige Zentralcomputer funktionierte noch mit Lochkarten. Dann zogen die PC ein, das waren zuerst noch Statussymbole. Heute ist sogar das Streufahrzeug mit einem PC ausgestattet.

Joachim Kruschwitz 2003 mit Simon Blümcke in Hagnau.
Joachim Kruschwitz 2003 mit Simon Blümcke in Hagnau. | Bild: SK-Archiv

Was waren wichtige Themen?

In der ersten Dekade, den 90er Jahren, rückte der Umweltschutz ins Bewusstsein. Wir haben die Mülltrennung eingeführt, die ersten Landschaftsschutzgebiete ausgewiesen, Gebäude auf ihren Energieverbrauch hin untersucht und aufwendiger gebaut oder saniert. In diese Zeit fiel auch die Aufbauhilfe für unseren Partnerkreis im Osten.

Erst war das der Kreis Grimma, der gehört jetzt zum Landkreis Leipzig. Außerdem begann die Partnerschaft mit dem Kreis Tschenstochau in Polen. Wir sind da mit sehr gespannten Erwartungen hingereist und wurden mit ausgesprochener Herzlichkeit empfangen.

Die 2000er waren geprägt von der großen Verwaltungsreform, bei der alle staatlichen Sonderbehörden ins Landratsamt eingegliedert wurden. 2006 wurde das neue Gebäude gebaut, das jetzt schon wieder aus allen Nähten platzt. Seit 2006 kümmern wir uns zudem um die Vermittlung von Langzeitarbeitslosen.

In der jetzigen Dekade ist große Zahl von Flüchtlingen ein Thema. Allerdings hatten wir auch vorher schon Flüchtlingswellen. Ich erinnere nur an die Menschen, die 1989 aus der DDR über Ungarn gekommen sind, nach dem Mauerfall kamen dann noch einmal viele. 1991 bis 1995 waren zwei Blöcke im Fallenbrunnen mit Flüchtlingen aus dem Jugoslawien-Krieg belegt.

Jetzt sind es die Menschen aus Syrien, Afghanistan und immer häufiger Afrika. Wir sind die Infrastrukturmaßnahmen angegangen, die es dringend braucht. Nach Stuttgart ist der Bodenseekreis die zweitwichtigste Wirtschaftsregion im Land. Die Elektrifizierung der Südbahn kommt endlich, um nicht zu sagen, 25 Jahre zu spät, ebenso wie viele Straßenbauten.

Gabriele Essig, Leiterin der Geschäftsstelle des Kreiswahlleiters, legt dem Kreiswahlleiter und Ersten Landesbeamten Joachim Kruschwitz Listen zur zur Unterschrift vor.
Gabriele Essig, Leiterin der Geschäftsstelle des Kreiswahlleiters, legt dem Kreiswahlleiter und Ersten Landesbeamten Joachim Kruschwitz Listen zur zur Unterschrift vor. | Bild: Wex, Georg

Was hat Ihnen an Ihrer Arbeit Spaß gemacht?

Kaum ein Job ist so abwechslungsreich. Regelmäßig kommt etwas Neues, nie Dagewesenes. Jetzt zum Beispiel ist zum ersten Mal die Blauzungenkrankheit im Winter aufgetreten. Oder denken Sie an die Vogelgrippe – die hat uns an einem Bromigen Freitag erwischt, da musste ich im Seeräuberkostüm zu einer Pressekonferenz. Wir hatten drei Orkane, Hochwasser, zwei große Hagelereignisse. Der Flugzeugabsturz in Überlingen hat sich mir besonders eingeprägt. Wir hatten kurz vorher für den Katastrophenschutz den Zusammenstoß zweier Züge simuliert, das hat uns damals sehr geholfen. Ich sage unseren Lehrlingen immer: Wir verkaufen soziale Sicherheit, Recht und Ordnung, Umweltschutz und Lebensqualität.

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Worauf sind Sie stolz?

Dass wir einige Uferrenaturierungen hinbekommen haben, das war und ist ein zähes Geschäft. Und dass wir die Verwaltungsreform gestemmt haben. Es ist uns gelungen, die Mitarbeiter von auswärts zu überzeugen, dass sie im Bodenseekreis gut aufgehoben sind. In 30 Jahren gab es keine Skandale, keine Unterschlagungen oder Säumnisse im Landratsamt. Ich habe mich immer bemüht, meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Zeit zu schenken.

Alle konnten immer kommen. Das erfüllt mich mit Zufriedenheit. Ich bin auch stolz auf meine Mitarbeiter. Letztlich ist das alles nicht mein Verdienst, sondern der Verdienst der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Insbesondere bei besonderen Lagen haben die teils rund um die Uhr gearbeitet. Lob und Dank ist da manchmal zu kurz gekommen.

Was würden Sie Ihrem Nachfolger ans Herz legen?

Wir sind im Kreis verletzlich, wenn der Strom ausfällt, das ist eine Herausforderung. Demnächst steht ein Neubau für das Landratsamt an. Der Kreistag hat viele Projekte auf den Weg gebracht, die muss man erst mal stemmen. Mein Nachfolger muss gut auf seine Mitarbeiter aufpassen: Landauf, landab nimmt die Zahl psychischer Krankheiten zu.

Im Umgang mit der riesigen Fülle an Informationen tagtäglich muss man die Mitarbeiter schulen, das wirklich Wichtige zu erfassen. Wir müssen uns um einfache Abläufe bemühen. Auch die Verrohung nimmt leider zu.

Worauf freuen Sie sich jetzt?

Ich werde mehr Zeit haben für meine Frau und meine Familie, vor allem auch für meine zwei Enkel. Mit dem einen habe ich im letzten Sommer die Alpen überquert. Das wollen wir noch einmal machen. Es wird schön, den Kalender selbst bestimmen zu können: Urlaub machen, wenn es mir passt und nicht, wenn es dienstlich günstig ist, freie Wochenenden haben und auf Veranstaltungen gehen ohne repräsentative Pflichten.

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