Diese Frage kann man dem Sozialdezernenten des Bodenseekreises ja schon Mal stellen: Ob man vor dem Jugendamt Angst haben müsse? Und ob er den Satz "Wenn Du Dich weiter so benimmst, dann kommst Du ins Heim!" kenne, wurde Ignaz Wetzel in einem Interview auf einem Boot gefragt. In seiner Antwort wies er den Verdacht natürlich weit von sich.

Es sind die besonderen Umstände dieses Interviews auf einem Boot, das es so besonders macht: Es wurde geführt im Rahmen der Serie "Seegespräche", einer Kooperation von "Rückenwind", Heim "Linzgau" und SÜDKURIER. Die Interviews in dieser Reihe werden geführt von jungen Menschen, die unter der Betreuung von Rückenwind oder Linzgau stehen. Vier solcher Interviews wurden bislang geführt, unter anderem mit Überlingens Oberbürgermeister Jan Zeitler. Das Besondere am Gespräch mit Wetzel war, dass die, die es führten, sehr wohl ihre eigenen Erfahrungen mit dem Jugendamt machen.

Jugendliche und Kinder von Rückenwind und Linzgau führen "Seegespräche", hier mit Sozialdezernent Ignaz Wetzel, im Osthafen von Überlingen. Mit im Boot sitzen Claudia Mayer von Rückenwind und Alexander Friedrichs vom Linzgau in Daisendorf.
Jugendliche und Kinder von Rückenwind und Linzgau führen "Seegespräche", hier mit Sozialdezernent Ignaz Wetzel, im Osthafen von Überlingen. Mit im Boot sitzen Claudia Mayer von Rückenwind und Alexander Friedrichs vom Linzgau in Daisendorf. | Bild: Hilser, Stefan

Das Gespräch auf dem Segelboot "Seemops" im Überlinger Osthafen (es konnte wegen eines Motorschadens nicht auslaufen) führte die Schülerin Lea. Wetzel verfügt privat über Seglererfahrung auf hoher See, das zeigte sich auch in seiner Antwort auf die Frage, mit welcher Art Wasserfahrzeug er die Jugendhilfe vergleichen würde. "Mit einem Rettungsboot, einer Fähre oder einem Kreuzfahrtschiff?", wollte Lea wissen. "Eine tolle Frage", fand Wetzel. "Ein Kreuzfahrtschiff ist die Jugendhilfe nicht, da zahlen die Leute viel Geld, um rundum verwöhnt zu werden."

Wie ein Lotsenboot

Besser sei der Vergleich mit einer Fähre, weil sie helfe, von einem zum anderen Punkt i zu kommen. Auch ein Rettungsboot könne die Jugendhilfe sein, weil sie denen hilft, die in großer Gefahr sind. Am besten gefiele Wetzel der Vergleich mit einem Lotsenboot. "Es hilft, wenn ein Schiff in schwieriges Fahrwasser kommt oder nicht weiß, wie es in einen sicheren Hafen kommt."

Der Gesprächspartner

Ignaz Wetzel wurde 1974 in Ludwigshafen/Rhein geboren, nach Ausbildung zum Industriekaufmann und Jurastudium in Konstanz sowie Stationen beim Landratsamt und dem Jobcenter wurde er zum 1. Oktober 2015 als Sozialdezernent des Bodenseekreises gewählt. Er ist verheiratet, Vater von zwei Kindern, und lebt seit 2007 in Meersburg.

Die Kooperationspartner

Die "Seegespräche" sind eine Kooperation von SÜDKURIER-Redaktion sowie Verein Rückenwind und Heim Linzgau. Rückenwind für Familien ist eine Jugendhilfeeinrichtung im Bodenseekreis mit Sitz in Überlingen. Der Verein verfügt im Bodenseekreis über fünf tagesflexible und zwei soziale Gruppen und zwei Standorte für betreutes Jugendwohnen. Rückenwind unterstützt Kinder, Jugendliche und Familien, die aufgrund ihrer aktuellen Situation eine zeitlich begrenzte sozialpädagogische Begleitung benötigen.

Das "Linzgau" in Überlingen-Deisendorf ist eine sozialpädagogische Facheinrichtung mit unterschiedlichen Wohngruppen, einem sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum mit Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung sowie Vorqualifizierungsmaßnahmen in Arbeit und Beruf, ambulanten Hilfen sowie Beratung und therapeutische Angebote am Bodensee. Die Konzepte sind ausgerichtet auf junge Menschen und deren Familien, die aufgrund psychischer Entwicklungsstörungen, Gewalterfahrung oder sexuellem Missbrauch Verletzungen erfahren haben, die es ihnen schwer oder unmöglich machen, soziale Bindungen einzugehen. Die Trägervereine beider Einrichtungen (Linzgau und Rückenwind) sind Mitglied im Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband.