Für die Viertklässler der Grundschule Fischbach ist es eine Mischung aus Ernst und Spiel. Bei Sonnenschein bewältigen sie mit dem Fahrrad die Hindernisse auf dem Verkehrsübungsplatz in Friedrichshafen. Vielen gelingt es schon ganz gut, nach links abzubiegen und dabei alle Schritte zu beachten: Schulterblick, einordnen, Handzeichen geben, Verkehr im Auge behalten. Wiederum andere haben Schwierigkeiten, sich darauf zu konzentrieren, durchgängig in 30 Zentimetern Abstand zum Bordstein zu radeln. Seit 25 Jahren ist Harald Müller, Polizeihauptkommissar und Vorsitzender der Verkehrswacht Bodenseekreis, in der Radfahrausbildung tätig und beobachtet eine schleichende Entwicklung, die verschiedene Studien bestätigen: Kinder können immer schlechter oder gar nicht Fahrrad fahren. Wie sich das konkret äußert? „Die Kinder fahren zwar Fahrrad, können aber nicht auf einer geraden Linie und nicht einhändig fahren, oder sie können nicht abrupt anhalten, was alles zum Fahren im Straßenverkehr erforderlich ist“, berichtet Harald Müller. Der Polizeihauptkommissar hat im Laufe der Jahre unzählige Schulklassen zwischen den Ampeln und Zebrastreifen, Kurven und geraden Strecken auf dem Verkehrsübungsplatz beobachtet.

„Manche Kinder sind motorisch besser drauf und können besser zuhören“, sagt Müller. Wiederum andere bringen noch nicht die Voraussetzungen mit, die sie brauchen, um sicher im Straßenverkehr unterwegs zu sein. Gelegentlich kann ein Kind sogar gar nicht Fahrrad fahren. In Baden-Württemberg ist die Radfahrausbildung jedoch für alle Viertklässler Pflicht. Die abschließende Prüfung beziehungsweise erfolgreiche oder nicht erfolgreiche Teilnahme an der Radfahrausbildung sei Anhaltspunkt und insbesondere für die Eltern wichtig dafür, ob sie ihre Kinder alleine am Straßenverkehr teilnehmen lassen könnten. „Quasi der erste richtige Führerschein, da die hier gelernten Verkehrsregeln auch denen eines echten Führerscheins entsprechen.“ Bis zum offiziellen Unterricht auf dem Fahrrad sollten die Grundfähigkeiten sitzen. „Geistig und körperlich müssen die Kinder das Radfahren umsetzen können“, sagt Harald Müller. Ab der dritten, vierten Klasse sollten Kinder motorisch so weit sein – eigentlich. Sicher losfahren, ohne zu wackeln, ist inzwischen allerdings für viele Schüler eine Herausforderung. Der Polizeihauptkommissar vermutet, dass sich die Kinder heute zu wenig bewegen oder die verkehrsarmen Übungsräume dafür einfach fehlen. „Die mobile Gesellschaft ist gut und recht. Aber ein Kind muss ein Fahrrad beherrschen können“, findet Müller. Begleitet werden die Schüler der Grundschule Fischbach an diesem Vormittag von Lehrerin Anita Hirscher. Fahrradfahren ist in Baden-Württemberg fest im Bildungsplan verankert. In der Schule werden die Kinder auf die Radfahrausbildung vorbereitet. Erst nach der Prüfung dürfen sie in Fischbach mit dem Fahrrad – und Helm – zur Grundschule fahren.

Selbstverständlich sei es nicht mehr, dass alle Kinder Fahrradfahren können, sagt Anita Hirscher. Die Motorik lasse nach. „Vielleicht haben sie früher mehr draußen gespielt.“ Hinzugekommen seien Dinge wie Computer und digitale Medien. „Viele Kinder können heute besser mit dem Handy umgehen als Schnürsenkel zu binden“, sagt Sylvia Dworak. Sie ist Vorsitzende des Vereins für Verkehrserziehung und Ausbildung in Markdorf und erlebt auf dem dortigen Verkehrsübungsgelände Ähnliches wie Polizeihauptkommissar Harald Müller in Friedrichshafen. Neun Kinder seien im vergangenen Jahr durch die Prüfung am Ende der Radfahrausbildung gefallen. Dworak berichtet von Koordinationsschwierigkeiten und Problemen mit der sozialen Komponente des Fahrradfahrens: Die Kinder müssen bei den Übungen aufeinander Rücksicht nehmen und Verkehrsschilder beachten – so wie später im richtigen Straßenverkehr auch. Die Schüler sind Dworak zufolge zum Teil aber nicht mehr altersgemäß entwickelt.

„Ich mache mir sehr viele Gedanken darüber, warum das so ist“, sagt die Vereinsvorsitzende, der es um die Frage geht, wie die Situation der Kinder verbessert werden kann. Für Müller und Dworak nehmen die Eltern im Straßenverkehr eine wichtige Vorbildfunktion ein. Der Polizeihauptkommissar empfiehlt Eltern, bewusster mit ihrem Nachwuchs an das Thema ranzugehen: „Denn der Straßenverkehr ist nicht einfacher geworden. Bereits als Fußgänger im Kleinkindalter sollten die Großen schon mit den Kleinen einfache Verkehrsregeln üben.

“ Später können Eltern mit ihren Kindern verkehrsarme Wege abfahren, ihnen verschiedene Verkehrssituationen, -schilder und -regeln erklären. Etwa die Vorfahrtsregel rechts vor links. In kleinen Schritten lasse sich vieles aufbauen – auch durch das tägliche Wiederholen. Die Kinder sollen nicht unterfordert, aber auch nicht überfordert werden. Bis zum achten Lebensjahr müssen sie nach der Straßenverkehrsordnung auf Gehwegen Rad fahren, bis zum zehnten Lebensjahr dürfen sie auf dem Gehweg fahren. Gerade in Bereichen mit viel Verkehr brauchen sie Unterstützung. Grundlegende Verkehrserziehung, Bewegung, gemeinsame Aktivitäten und Kommunikation hält Sylvia Dworak für sehr bedeutsam. „Das Miteinander fehlt mir mittlerweile sehr“, sagt die Vorsitzende. Lohnen dürften sich für die Kinder jedwede Maßnahmen. Laut Statistischem Bundesamt kommt nämlich alle 19 Minuten eines von ihnen im Straßenverkehr zu Schaden.

 

"Beim Radausflug beobachten"

Karl Honnen ist Vorsitzender des Fahrrad-Clubs ADFC im Bodenseekreis.

Herr Honnen, welche Fähigkeiten sind wichtig, um sicher Fahrrad zu fahren?

Kinder sind vom Bewegungsablauf her heute schon mit drei Jahren in der Lage, Fahrrad zu fahren. Allerdings beherrschen sie ihr Rad dann noch nicht. Sie müssen in der Lage sein, Fußgängern auszuweichen, gezielt zu bremsen, Entfernungen abschätzen und ihr Verhalten an die Verkehrssituation anzupassen. Das lässt sich am besten bei einem gemeinsamen Radausflug beobachten.

Wie lernen Kinder heute Fahrradfahren?

Für den Anfang sind Kinderlaufräder sehr sinnvoll, um Gleichgewicht, Motorik und Koordination für das spätere Radfahren zu trainieren. Im nächsten Schritt ist Rollerfahren optimal. Es macht Spaß, ist spielerischer und weniger zweckbestimmt als das Radfahren, zudem kann das Kind in schwierigen Situationen leicht abspringen. Mit vier oder fünf Jahren kann das Kind dann mit einem Spielrad beginnen. Wichtig ist hier, unbedingt auf Stützräder zu verzichten. Stützräder verhindern, dass Kinder das richtige Lenken, Anfahren, Anhalten und Kurvenfahren lernen.

Ab wann können sie zur Schule radeln?

Das lässt sich ganz allgemein nicht beantworten, weil dies zum einen von den Fähigkeiten des Kindes abhängt und andererseits die Verkehrssituation auf dem Schulweg eine große Rolle spielt. Unter Umständen können dies schon die Erstklässler. Andererseits darf die schulische Radfahrprüfung, die im Alter von acht bis zehn Jahren ansteht, nicht überschätzt werden. Generell sollten Kinder ab zehn Jahren sicher Fahrrad fahren können. Bei den elf- bis 14-jährigen sind dann aber noch die Gefahren aufgrund der größeren Risikobereitschaft zu berücksichtigen.