Wenn mein Kind in die Pubertät kommt, denkt manch ein Elternteil von Kindergartenkindern, werden wir keine Probleme mit dem Smartphone haben. Die Zeit am Handy wird begrenzt, nachts wird es abgegeben, während der Hausaufgabenzeit liegt es auf dem Küchentisch und ich kontrolliere täglich den Chatverlauf. Wie viele Eltern reiben sich zehn Jahre später verwundert die Augen ob der vielen Ausreden, die die Teenager auftischen und glaubhaft versichern, warum sie das Handy unbedingt brauchen. Zum Lernen, wegen einer Whatsapp-Lerngruppe zum Beispiel, um Vokabeln zu pauken oder einfach auch nur, weil das Zimmeraufräumen ohne Musik vom Smartphone unmöglich erscheint. Obendrein braucht man das Handy noch als Wecker. Falls die Eltern mal verschlafen.

Wie gehen die Beteiligten mit der Herausforderung Handy um? Wir haben mit der Mutter einer Zwölfjährigen, einer Gymnasiallehrerin, einer medienpädagogischen Referentin und einer 15-jährigen Jugendlichen gesprochen. Welche Regeln gibt es im familiären Umfeld, in der Schule in Sachen Mobiltelefon? Wie wird der Handykonsum thematisiert? Sorgt das Handy tatsächlich für viel Streit?

Die Mutter: Dominique Grensing

Ping, ping. Wer Teenager im Haus hat, kennt die Klingeltöne der Messenger-Dienste meist nur zu gut. Wie geht man damit um, wenn das Gerät ständig Geräusche von sich gibt und der Sprössling dem Smartphone viel mehr Aufmerksamkeit schenkt als seinem Umfeld? Verbieten, tolerieren oder irgendwas dazwischen? Für Dominique Grensing aus Herdwangen, Mutter einer zwölfjährigen Tochter, gibt es hier klare Regeln: "Das Handy darf zur Schule mitgenommen werden, aber beim Mittagessen und Abendessen ist es tabu." Auch bei den Hausaufgaben ist das Smartphone verboten, wenn es nicht für Schulzwecke gebraucht wird. Ansonsten lässt Dominique Grensing ihrer Tochter viele Freiheiten, findet es aber dennoch wichtig, wachsam zu sein: "Das Nutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen muss heute kontrolliert werden." Dominique Grensing will ja eigentlich hinsichtlich der Nutzungsdauer mit gutem Beispiel vorangehen, muss sich aber eingestehen, dass ihr das nicht gelingt. Ihr eigenes Smartphone ist ihr wichtig, zumal ihr Mann selbstständig und unter der Woche im Ausland tätig ist. "Da ist das Handy für uns einfach ein wichtiges Kommunikationsmittel." (mk)

Die Lehrerin: Gunda Kattentidt

In den Klassenzimmern sollte es nicht ping, ping machen – und meistens klappt das auch. Zwar haben die meisten Schüler schon in der sechsten Klasse ein Smartphone, wie Gunda Kattentidt, Deutsch-, Englisch- und Beratungslehrerin am Gymnasium Überlingen, beobachtet. Wenn „es den Unterricht voranbringt“ könne dieses Medium in Ausnahmefällen angewendet werden. Ansonsten hat es in der Schule zu schweigen. Eine Auswirkung von Handys auf das Auffassungsvermögen ihrer Schüler hat Gunda Kattentidt noch nicht festgestellt. Müssen Schüler heute ein Handy haben um dazuzugehören? Unter den Jugendlichen werde die Teilnahme am Klassenchat als Chance gesehen, Teil der Gemeinschaft zu sein. Das bedeute aber nicht, dass jemand, der kein Handy hat, automatisch ein Außenseiter ist. Umgekehrt könne es passieren, dass Nutzer von Smartphones über die digitalen Wege ausgegrenzt werden. Als Beratungslehrerin erlebt Kattentidt in der Schule solche Fälle. Sie betont, dass der richtige Umgang mit dem Medium wertvoll sei. Es sei wichtig, dass die Eltern im Auge behalten, wie viel Zeit ihre Kinder mit dem „Zeit- und Aufmerksamkeitsfresser“ verbringen. (mst)

Die Jugendliche: Charlotte Meusel

Wie sehen es die Schüler selbst? Die 15-jährige Überlingerin Charlotte Meusel, Schülerin der Heimschule Kloster Wald, kann sich ein Leben ohne Handy nur schwer vorstellen. „Das Wichtigste ist die Musik“, sagt sie. Aber sie fotografiert mit ihrem Handy auch gern oder schaut Filme. Sehr angenehm ist ihr die Möglichkeit der Kommunikation: „Ich telefoniere nicht gern. Da sind mir Whatsapp oder Snapchat viel lieber.“ Doch auch, wenn das Handy aus ihrem Leben nicht mehr wegzudenken ist, so sieht sie es nicht unkritisch. „Als ich neulich essen war, saßen zwei Teenager am Nachbartisch und haben nur auf ihr Handy gestarrt. Das fand ich schon echt krass“, sagt sie. Sie bemühe sich, wenn sie sich mit einer Freundin trifft, nicht parallel mit anderen via Handy zu kommunizieren. „Kritisch finde ich auch, dass manche Leute ihren ganzen Tag auf Snapchat oder Facebook teilen. Jede Kleinigkeit mitzuteilen, finde ich unangebracht.“ Charlotte Meusel sagt: „Ich glaube, ich bin durchschnittlich viel am Handy. Man hört immer wieder, die Jugendlichen nutzten das Smartphone so viel. Aber ich kenne viele Erwachsene, die sind viel mehr am Handy als ich.“ (emb)

Die Medienpädagogin: Vera Engelbart

Welche wichtige Rolle die Eltern spielen, bestätigt die medienpädagogische Referentin Vera Engelbart. Sie rät dazu, Kinder ab dem Vor- und Grundschulalter durch die gemeinsame Nutzung altersgemäßer Apps zum Lernen und Spielen an die Geräte heranzuführen und mit ihnen über Inhalte zu sprechen. Für Kinder und auch für Jugendliche sei es wichtig, Schutzfunktionen auf den Geräten zu aktivieren, denn: "Wer die Geräte der Kinder nicht ausreichend schützt, kann sich unter Umständen sogar strafbar machen." Kann Handynutzung süchtig machen? Engelbart spricht lieber von "problematischem Nutzungsverhalten". Die Gefahr gehe dabei aber weniger vom Handy selbst aus. Vielmehr seien hintergründige Probleme wie die Sucht nach Anerkennung oder glücksspielähnliche Mechanismen die Ursache. Den Kindern eine umfassende medienpädagogische Ausbildung zuteilwerden zu lassen – zum Beispiel in den Schulen – sei Grundlage für einen kompetenten Umgang mit dem Handy. Dieser zeichne sich dadurch aus, dass man Inhalte und deren Quellen hinterfrage sowie das Medium sowohl kreativ als auch gezielt einzusetzen wisse. (eo)