Sie kennen sich bereits seit 38 Jahren, seit zwei Jahren wohnen sie zusammen. Cornelia W. ist aus dem Raum Stuttgart an den Bodensee gezogen und lebt in einer Gastfamilie. Möglich wurde das durch ein Angebot der Arkade. Der Verein mit Sitz in Ravensburg unterstützt Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die an einer psychischen Erkrankung leiden, bei der Bewältigung ihres Alltags. Seit 1984 gibt es bei der Arkade das Angebot zum betreuten Wohnen in Familien. "Damit sei eine alte Wohnform wieder ins Bewusstsein gerückt", erklärt Katrin Matt von der Arkade. Der Verein vermittelt Menschen mit einer seelischen Behinderung oder psychischen Erkrankung in Gastfamilien, begleitet die Familien bei auftretenden Fragen oder Problemen und gibt Tipps, wie das Zusammenleben gestaltet werden kann.

Wer passt zu wem?

"Wir investieren viel Zeit ins Kennenlernen", macht Sandra Kuhl von der Arkade deutlich. Wenn Familien oder Alleinstehende Interesse äußern, lernen zunächst Mitarbeiter des Arkade-Teams die Menschen kennen. "Uns interessiert dabei, wie die Familie lebt, worauf sie Wert legt, wie viel Zeit sie mitbringt, wie sie ihre Freizeit gestaltet, ob sie eher viel Besuch hat oder zurückgezogen lebt und vieles mehr", sagt Sandra Kuhl und fügt hinzu: "Anfangs wirkt es auf manchen vielleicht befremdlich, was wir alles wissen wollen, aber uns ist es wichtig, einen Eindruck von den Menschen zu bekommen, um herauszufinden, wer gut zueinander passt." Ein anderes Zweier-Team trifft die Familie anschließend beim Hausbesuch, um einen Eindruck von der Umgebung zu bekommen. Dann haben schon mal vier Leute einen persönlichen Eindruck gewonnen, sagt Katrin Matt. Mit einem ganzen Topf an Informationen geht es dann in eine Sitzung des gesamten Teams. "Wer passt zu wem, welcher Klient passt zu welcher Gastfamilie. Das herauszufinden, ist unsere große Aufgabe. Wir bringen inzwischen viel Erfahrung mit und daher kommt es nur sehr selten zu Abbrüchen", erklärt Kuhl.

Sandra Kuhl (links) und Katrin Matt sind bei der Arkade für das betreute Wohnen in Gastfamilien zuständig.
Sandra Kuhl (links) und Katrin Matt sind bei der Arkade für das betreute Wohnen in Gastfamilien zuständig. | Bild: Fabiane Wieland

Nach einem ersten Kontakt am Telefon folgt ein unverbindliches Kennenlernen der Familie mit ihrem möglichen neuen Mitbewohner. Wenn beide Seite sich ein Zusammenleben vorstellen können, gibt es eine Probezeit. Man lebe einige Tage zusammen, könne herausfinden, wie man miteinander harmoniere, und sich dann entscheiden, machen die Arkade-Mitarbeiterinnen deutlich. Der Begriff Gastfamilie stimmt laut Katrin Matt dabei nicht ganz. Zwar seien viele Familien dabei, aber auch ältere Paare, bei denen die Kinder aus dem Haus sind, jüngere Paare, gleichgeschlechtliche Paare oder Alleinstehende. "Für uns gibt es keine falsche Familie, sondern eine ganze Bandbreite an Lebensformen", so Matt. Man brauche diese Vielfalt, weil auch die Menschen, die in die Familien kommen, ganz unterschiedlich seien. In der Regel gebe es rund 90 Betreuungsverhältnisse. Weitere 20 bis 30 Plätze stünden im Schnitt zur Verfügung.

Etwas anders lief der Erstkontakt bei Cornelia W. und ihrer Gastfamilie ab. Sie kannten sich bereits seit vielen Jahren. Die Kinder waren gemeinsam in den Kindergarten und zur Schule gegangen. Dann wurde die heute 58-Jährige krank. Mit 30 Jahren sei sie erstmals in psychiatrischer Behandlung gewesen. Nach Klinikaufenthalten und einer Reha habe sie auch im Raum Stuttgart in einer Gastfamilie gelebt. "Als das aus verschiedenen Gründen nicht mehr funktioniert hat, hat sie mit ihrer jetzigen Gastfamilien Kontakt aufgenommen und nachgefragt, ob sie sich ein Zusammenleben vorstellen können", sagt Katrin Matt. Die Familie sei bei der Arkade bereits als mögliche Gastfamilie registriert gewesen. Cornelia W. hat im Haus ein eigenes Zimmer. In der Küche wird gemeinsam gekocht. Am Nachmittag sitzt man hin und wieder bei einer Partie Schach zusammen. Darüber hinaus müssen etwa Arzttermine koordiniert werden. "Durch eine veränderte gesundheitliche Situation warten jetzt weitere Herausforderungen auf die Familie", so Matt. Auch in diesem Fall werde sie von der Arkade unterstützt und begleitet.

Übergang in Selbstständigkeit

Das betreute Wohnen in Familien hat sich in den vergangenen 30 Jahren verändert. "Früher war es häufig Langzeitklientel psychiatrischer Einrichtungen, das irgendwann in Gastfamilien umzog, um Unterstützung bei der Alltagsstrukturierung zu bekommen. Inzwischen gibt es immer mehr junge Menschen, für die eine Gastfamilie eine Hilfe beim Übergang in die Selbstständigkeit bedeutet", erklärt Katrin Matt, die seit neun Jahren bei der Arkade für den Bereich tätig ist. Alle Klienten seien volljährig, die Familien hätten daher keine Aufsichtspflicht. Es gibt einen Betreuungsvertrag, der von jeder Partei aufgelöst werden kann, sollte das Zusammenleben nicht funktionieren. Die Motive, einen Menschen mit einer psychischen Erkrankung oder seelischen Behinderung in der Familie aufzunehmen, seien ganz unterschiedlich. "Die eine Familie hat beispielsweise Platz, weil die Kinder aus dem Haus sind. Bei vielen spielt der Hintergrund, dass sie etwas Sinnvolles tun und sich sozial engagieren wollen, eine Rolle", sagt Katrin Matt. Sie habe auch junge Familien kennengelernt, die "ihren Kindern mit auf den Weg geben wollen, dass es nicht allen Menschen gleich gut geht, es Menschen gibt, die eben etwas anders ticken, und aus diesem Grund jemanden bei sich aufnehmen."

Meist sei es ein Mix aus verschiedenen Gründen. Auch der finanzielle Aspekt dürfe hierbei eine Rolle spielen. Mit dem Regelsatz von 520 Euro für Unterkunft und Verpflegung sowie der Betreuungspauschale stehen rund 1000 Euro zur Verfügung. "Allerdings für eine 24-Stunden-Betreuung", betont Katrin Matt, "ich bezeichne es daher eher als Ehrenamtsaufgabe mit Aufwandsentschädigung." Wichtig sei für die meisten, dass sie sich als Mitglied der Familie zugehörig fühlen. "Nicht vergessen darf man natürlich, dass es sich um Menschen mit einem schwierigen Hintergrund handelt", macht Sandra Kuhl deutlich. Sie ist seit drei Jahren Teil des Teams und hebt hervor: "Viele kommen aus schwierigen Verhältnissen, sind sehr krank und haben teils Mehrfachdiagnosen." Viele Familien würden den Akrade-Mitarbeitern in Gesprächen am Telefon und bei Besuchen schildern, dass ihre Mitbewohner ihnen auch etwas zurückgeben. Die Mitarbeiter des Teams geben den Familien im Vorfeld mit auf den Weg, dass sie sich auf einen Zeitraum von mindestens einem Jahr einlassen sollten. Wie lange das Zusammenleben dann tatsächlich dauert, sei ganz unterschiedlich. "Wenn die Waage zwischen Geben und Nehmen stimmt, dann kann das Zusammenleben erfahrungsgemäß gut funktionieren", sagt Matt.

Auszeiten sind möglich

Damit sich die Familien Auszeiten nehmen können, können die zu Betreuenden für eine gewisse Zeit in der Kurzzeitpflege oder bei Ersatzfamilien unterkommen. Die Gastfamilien sollten laut Katrin Matt ausreichend Platz für einen Mitbewohner haben, Zeit sowie Offenheit und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mitbringen. Cornelia W. ist glücklich, dass sie auf diesem Weg am Bodensee ein zu Hause gefunden hat. "Ich bin sehr froh, dass ich hier in der Gastfamilie sein darf, ich bin sehr herzlich aufgenommen worden."

Gastfamilie werden

Familien, Lebensgemeinschaften und Einzelpersonen, die sich vorstellen können, einen seelisch behinderten Menschen bei sich aufzunehmen, können sich bei der Arkade informieren. Ansprechpartner zum Betreuten Wohnen in Familien sind im Gemeindepsychiatrischen Zentrum (GPZ) in Friedrichshafen Katrin Matt und Sandra Kuhl. Telefon: 07541/3746963. In Ravensburg ist die Arkade telefonisch unter 0751/3665580 erreichbar. E-Mail: info@arkade-bwf.de oder im Internet: www.arkade-ev.de