Als Geschäftsführer Enrico Heß kurz vor der Sommerpause im Kreistagsausschuss berichtete, was die Deutsche Bodensee Tourismus GmbH (DBT) im vergangenen Jahr so alles getan hat, war das Thema Echt-Bodensee-Card (EBC) nur eine Randnotiz. Warum die monatelang heftig umstrittene Gäste-Chipkarte nach ihrer Einführung im April 2017 im Herbst bereits wieder eingestampft werden musste, erklärte Heß nicht. Nur, dass die Umstellung auf die Papierlösung "unproblematisch" war. Dabei ist die finanzielle Situation der rein kommunal getragenen Firma – der Bodenseekreis ist mit 70 Prozent Hauptgesellschafter – durch das Kapitel Chipkarte alles andere als unproblematisch.

Beteiligungsbericht wird im Herbst vorgestellt

Die DBT schließt das Geschäftsjahr 2017 mit einem Verlust von 477 000 Euro ab. So weist es die Bilanz aus, die im Bundesanzeiger veröffentlicht ist. Wie dieses Defizit zustande kam, geht daraus nicht hervor. Darüber wollen weder die DBT noch die Kreisverwaltung derzeit detailliert Auskunft geben. Der Kreistag habe das Erstinformationsrecht, verweist Pressesprecher Robert Schwarz auf den Beteiligungsbericht, der erst im Herbst vorgestellt wird und dann auch Einnahmen und Ausgaben der DBT für 2017 beziffert.

EBC-Chipkarte abgeschrieben

Und doch spricht alles dafür, dass die EBC-Chipkarte verantwortlich für die schlechte Bilanz ist. Allein durch die Insolvenz des Kartenbetreibers Geios AG, der im Herbst 2017 pleite ging und mitverantwortlich dafür war, dass die elektronische Gästekarte wieder abgeschafft wurde, bleiben Schulden bei der DBT hängen. Wie viel die Tourismus-Gesellschaft abschreiben musste, veröffentliche der Landkreis nicht, schreibt Nadine Larisch, Referentin des Landrats, auf Anfrage.

Diese Information bekamen nur die anderen Gesellschafter, also die Landkreise Lindau und Sigmaringen sowie die Städte Stockach und Bodman-Ludwigshafen. "Bestätigen kann ich aber, dass die Geios-Insolvenz zur vorzeitigen und vollständigen Abschreibung der angeschafften EBC-Hardware führte", so Larisch. Dazu gehören die Kartenlesegeräte und -rohlinge sowie Chipkarten-Terminals, die nichts mehr wert sind. Die außerplanmäßige Abschreibung aus immateriellem Vermögen wie Lizenzen, Software etc. sowie Sachanlagen umfasse einen Gesamtbetrag von rund 178 000 Euro, so die Auskunft aus dem Landratsamt.

Verlust von fast einer halben Million Euro dennoch nicht existenzbedrohend

Fast eine halbe Million Euro Verlust sind für die DBT, die nur Eigenkapital von 100 000 Euro hat, trotzdem nicht existenzbedrohend – zumindest derzeit. Dafür hat der Bodenseekreis gesorgt, der als Hauptgesellschafter von 2013 bis 2017 nicht nur den Löwenanteil von 1,6 Millionen Euro als Zuschuss gezahlt hat. Ende 2015 gewährte der Kreis der DBT zudem ein Darlehen von 1,2 Millionen Euro für die Einführung der EBC. Ursprünglich sollte sie diese Finanzspritze bis Ende 2021 zurückzahlen – Ausdruck des großen Optimismus, die neue Gästekarte würde alsbald ausreichend Geld in die Kasse spülen. Ein Jahr später schätzte die Kreisverwaltung das Projekt nüchterner ein: Für die EBC seien 2017 und in den Folgejahren "die Mittel eines vom Bodenseekreis gewährten Darlehens unerlässlich, welches je nach Projektverlauf unter Umständen auch erhöht werden muss", steht im Beteiligungsbericht 2016.

Vor der Insolvenz bewahrt

Noch Ende 2016 wurde das Darlehen umgewandelt und damit die DBT quasi vor der Insolvenz gerettet. Da war klar, dass nur vier Gemeinden bei der EBC mitmachen und zwei Drittel der geplanten Einnahmen fehlen werden. Deshalb wies der Wirtschaftsplan der DBT für 2017 bereits ein Defizit von 600 000 Euro aus – für ein kleines Unternehmen mit einem Stammkapital von 100 000 Euro erheblich.

Mit dem neuen Darlehensvertrag ein Rangrücktritt vereinbart

Damit die DBT liquide bleibt, wurde mit dem neuen Darlehensvertrag ein Rangrücktritt vereinbart. Das heißt: Die DBT muss die 1,2 Millionen Euro an den Bodenseekreis nur zurückzahlen, wenn sie Gewinn erwirtschaftet oder sonst dazu in der Lage ist. Der Hauptgesellschafter verzichtet also im Fall einer Insolvenz auf sein Geld, bis alle übrigen Gläubiger befriedigt sind. Ein solcher Rangrücktritt sorgt außerdem dafür, dass die 1,2 Millionen Euro in der Bilanz nicht mehr als Schulden, sondern wie Eigenkapital gewertet werden. Damit hat die DBT derzeit keinerlei Liquiditätsprobleme. Laut Bilanz hatte die DBT Ende 2017 noch rund 850 000 Euro auf dem Konto. Außerdem wurde die Laufzeit des neuen Darlehens um elf Jahre bis 2032 verlängert, die Tilgung beginnt erst 2021 und der Zinssatz wurde moderat auf zwei Prozent angehoben.

Jetzt muss sich zeigen, welche Gemeinden noch einsteigen

Ob es für die DBT finanziell eng wird, hängt nun maßgeblich davon ab, wie viele und welche Gemeinden sich entschließen, die Gästekarte doch noch einzuführen. 2017 war diesbezüglich mit nur vier Starter-Gemeinden ein mageres Jahr. Nach früheren Kalkulationen des Landratsamtes dürfte die DBT rund 125 000 Euro aus dem Solidarbeitrag von 1 Euro – 25 Cent für jede Gästeübernachtung in den vier EBC-Gemeinden – eingenommen haben. Diese Summe deckt allein die Personalkosten noch nicht mal zur Hälfte. 2018 wird die Bilanz nicht viel besser aussehen, da nur Wasserburg (rund 165 000 Gästeübernachtungen pro Jahr) und Nonnenhorn (100 000 Übernachtungen) die EBC neu eingeführt haben.

Touristische Schwergewichte wie Immenstaad oder Überlingen

Gemeinden wie Immenstaad (rund 320 000 Übernachtungen in 2017 laut Statistik), Überlingen (515 000) oder gar Friedrichshafen (755 000) in der Runde der Gästekarten-Nutzer würden der DBT ganz andere Summen in die Kasse spülen. Mit den touristischen Schwergewichten an Bord wären die Finanzsorgen der DBT bereinigt.