Stoßstange an Stoßstange stehen auf der B 31 in Friedrichshafen die Lastwagen. 30- und 40-Tonner mit Kennzeichen aller erdenklicher europäischen Länder stehen vor der roten Ampel am Landratsamt. Bei Grün quälen sie sich im Schneckentempo die Albrechtstraße Richtung Colsmanknoten hinauf. Beliefern die alle ZF, MTU und die Supermärkte oder was?

Täglich 2148 Lastwagen ab 3,5 Tonnen Gesamtgewicht passierten die Dauerzählstelle in Harlachen bei Stetten im Mai 2018. Kaum vorstellbar – trotz der Bedeutung des Bodenseeraums als Wirtschaftsstandort – dass es sich dabei ausschließlich um Ziel- und Quellverkehr handeln soll, also Verkehr mit Abfahrtsort und Endstation in der Region.

Bestätigung liefern die Zahlen einer Verkehrsuntersuchung aus dem Jahr 2016, die das Regierungspräsidium Tübingen zur Verfügung stellt. So beträgt der Anteil des Ziel- und Quellverkehrs am gesamten Schwerlastverkehr entlang der B 31 an der Landkreisgrenze zu Konstanz nur 44 Prozent. Am östlichen Ende des Bodenseekreises, an der Grenze zu Bayern, liegt der Anteil mit 56 Prozent nur unwesentlich höher.

Autobahnen zu weit weg

Doch wohin fährt die andere Hälfte der Brummis, warum quält sich der internationale LKW-Verkehr entlang des Bodenseeufers, wenn es sowohl nördlich als auch südlich davon Autobahnen in Ost-West-Richtung gibt? Eine klare Antwort gibt darauf Annette Rausch, Mitarbeiterin der PR-Abteilung der Spedition Dachser: "Für den internationalen Verkehr gibt es aufgrund des Zeit- und Kostenfaktors leider keine effizienten Alter-nativrouten. In Richtung Norden sind dafür wesentlich mehr Kilometer zu fahren, im Süden sind es zusätzlich zwei Grenzübertritte."

Ein gewohntes Bild auf der Bundesstraße 31 bei Friedrichshafen.
Ein gewohntes Bild auf der Bundesstraße 31 bei Friedrichshafen. | Bild: Anette Bengelsdorf

Spätestens jetzt drängt sich der Verdacht auf, dass es sich beim Schwerlast-Durchgangsverkehr zumindest teilweise um "Autobahnmaut-Ausweichverkehr" handeln könnte. Auch hier liefert Harlachen Zahlen: 1687 Lastwagen passierten im Mai 2004, also vor Einführung der Autobahnmaut, die Dauerzählstelle. Etwa 25 Prozent weniger als heute. Doch nach Einführung der Maut im Jahr 2005 ist das Schwerlastaufkommen nicht etwa sprunghaft angestiegen. Vielmehr steigerte es sich kontinuierlich von Jahr zu Jahr. Die Prognosen für das Jahr 2025 haben sich diesbezüglich bereits erfüllt und gemäß der Verkehrsprognose des zuständigen Bundesministeriums ist bis zum Jahr 2030 mit einem weiteren Anstieg zu rechnen. Ein Plus von 39 Prozent an Ware wird bis dorthin über die Straße transportiert.

Drei von vier Lieferungen kommen per LKW

Gemäß Generalverkehrsplan Baden-Württemberg werden schon heute "mehr als 75 Prozent der Transportleistung trotz aller Bemühungen zur Verlagerung in Richtung Schiene und Wasserstraße auf der Straße erbracht". Und: "Insbesondere der Osteuropaverkehr soll sich bis 2025 sehr dynamisch weiterentwickeln." Neben der Bundesstraßen 30, 33 und 467 ist die B31 schon jetzt die wichtigste Straße der Region und eine der am stärksten belasteten Bundesstraßen im Regierungsbezirk Tübingen. Zudem stellt sie die südlichste West-Ost-Verbindung zwischen den Nord-Süd-Autobahnen 7/96 und 81 dar. "Gemäß unseren Staumeldungen ist die B31 unter den Top-5 in Baden-Württemberg", sagt dazu Reimund Elbe vom ADAC. Ist der Kollaps der B31 in Sicht?

8 bis 10 Euro Maut von Stockach bis Lindau

Bleibt die Hoffnung, dass die LKW-Maut, die seit 1. Juli dieses Jahres auf allen Bundesstraßen erhoben wird, den Schwerlastverkehr auf die Autobahnen zwingt. Auch hier fördert die Befragung der Spedition Dachser Ernüchterndes zutage. So belaufen sich die Mautkosten der B31 von Stockach bis Lindau für einen 40- Tonnen-Lkw auf lediglich 8 bis 10 Euro. Ist trotzdem damit zu rechnen, dass man zukünftig Sattelschleppern mit Anhänger statt auf der Autobahn auf Landstraßen begegnet? "Für uns kommt das nicht in Frage", sagt dazu die Spedition. Denn der direkte Weg ist der effizienteste Weg, Waren zu transportieren – sowohl aus ökologischer als auch aus ökonomischer Sicht." Und: "Die Mautkosten geben wir als durchlaufenden Posten an unsere Kunden weiter." Ähnlich äußert sich auch Alex Schafheutle, Landschaftsgärtnermeister bei Paul Saum in Hohenfels. "Alle unsere LKW über 7,5 Tonnen sind mit einer OBU (On-board-unit) ausgestattet und werden somit automatisch erfasst." Bundesstraßen oder Autobahnen zu umfahren dauert auch für ihn zu lange. "Dadurch sparen wir nichts."

B31 ist ohne Alternative

Während Dirk Abel vom RP in Tübingen die Auswirkung der Lkw-Maut erst nach einem Jahr belastbar feststellen möchte, hält sich die Spedition mit ihrer Prognose weniger zurück: "Da es, wie bereits erwähnt, keine effizienten Alternativrouten in Ost-West-Richtung gibt, wird es aus unserer Sicht auch keine Änderung an der Verkehrssituation geben", sagt Annette Rausch.

Da hilft nur Pragmatismus à la ADAC: Den Verkehr müsse man auf Hauptrouten bündeln und diese müssten auch für den Schwerlastverkehr attraktiv bleiben, damit kein Ausweichverkehr entsteht. "Das kann auch positiv sein", sagt Elbe. Jährlich würden bundesweit über die Bundesstraßenmaut 2,5 Milliarden Euro an Einnahmen erwartet. "So besteht die Chance, dass Ortsumfahrungen gebaut werden können."

Eine Maut-Kontrollstelle erfasst einen vorbeifahrenden Lkw.
Eine Maut-Kontrollstelle erfasst einen vorbeifahrenden Lkw. | Bild: Patrick Pleul/dpa