Bodenseekreis/Salzgitter – Kaputte Triebwagen, häufige Zugausfälle und Verspätungen: Die Kritik an Problemen auf der Bodenseegürtelbahn reißt nicht ab. Zwar versprach das Verkehrsministerium nach dem Jahreswechsel Besserung und setzte ab März auch den ersten Schritt des damals beschlossenen Zwei-Stufen-Plans um. „Die Taktzeiten sowie die Kapazitäten konnten durch den Einsatz zusätzlicher Züge zu den Hauptverkehrszeiten bereits deutlich erhöht werden“, sagt Uwe Lahl, Amtschef im Verkehrsministerium Baden-Württemberg. Dafür habe sich im ersten Halbjahr durch enorme Ausfälle beim Personal die Zahl der Zugausfälle wieder erhöht, räumte Ende September ein Sprecher des Ministeriums ein. Insgesamt habe sich die Lage dadurch nicht verbessert.

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SWEG investiert 23 Millionen Euro in neue Züge

Effektiv Abhilfe soll nun die zweite Stufe des ministeriellen Plans schaffen. Ab Juni 2019 ist der Einsatz fünf neuer Triebwagen des Typs Coradia Lint 54 des Herstellers Alstom geplant. Diese sollen den Bahnbetrieb zwischen Friedrichshafen und Radolfzell stabilisieren und mehr Kapazitäten schaffen. Die zusätzlichen Züge kauft die Südwestdeutsche Verkehrs-Aktiengesellschaft (SWEG) für 23 Millionen Euro und betreibt sie auch selbst. „Die Fahrzeuge der RAB werden durch die Alstom-Modelle entlastet. Dann fahren zwischen Montag und Freitag fast alle und am Wochenende rund 70 Prozent aller Fahrten mit den neuen Fahrzeugen“, erklärt Uwe Lahl.

Martin Hahn (links) und Uwe Lahl vom Verkehrsministerium haben sich im Alstom-Werk den neuen Zug angeschaut.
Martin Hahn (links) und Uwe Lahl vom Verkehrsministerium haben sich im Alstom-Werk den neuen Zug angeschaut. | Bild: Martin Hahn

Landtagsabgeordneter Martin Hahn in Salzgitter

Der Amtschef im Verkehrsministerium sah sich am Montag mit dem Landtagsabgeordneten aus dem Bodenseekreis, Martin Hahn (Grüne), die neuen Züge im Alstom-Werk in Salzgitter an. 15 Triebwagen dieses Fahrzeugtyps werden in der Region Ulm und am Bodensee erstmals in Baden-Württemberg auf der Schiene eingesetzt – zehn am "Ulmer Stern" und fünf am Bodensee.

Barrierefreie Toiletten und große Panoramafenster

„Das ist ein hochmoderner Zug, der wirklich prima aussieht. Das ist gutes Material, was da kommt", sagt Hahn, der beispielsweise von der barrierefreien Toilette und den riesigen Panoramafenstern beeindruckt ist.

Zahl der Sitzplätze an Schultagen fast verdoppelt

Allerdings werden die Züge keine 1. Klasse mehr haben. „Darauf wurde bewusst verzichtet, damit der Platz im Zug optimal genutzt und so die Sitzplatzzahl für alle Fahrgäste erhöht werden kann“, erklärt Uwe Lahl. Nach Angaben des Verkehrsministeriums bietet die Regionalbahn an Schultagen zwischen Singen und Friedrichshafen dann 300 statt heute 146 Sitzplätze.

In der Hauptverkehrszeit rund 400 Sitzplätze

Drei neue Züge sollen von Montag bis Freitag in der Hauptverkehrszeit am Nachmittag ab Friedrichshafen nach Markdorf beziehungsweise Salem ebenfalls mit je 150 Sitzplätzen fahren. Insgesamt erhöhe sich so das Platzangebot in der Zeit von 15.30 bis 18 Uhr nochmals um 50 Sitzplätze auf insgesamt 400.

Mehr Kapazitäten sind auch für die Sommersaison geplant. Mit den neuen Fahrzeugen könnten tagsüber zwei Drittel der Verbindungen mit 300 statt 210 Sitzplätzen gefahren werden. An den Wochenenden sieht der Fahrzeug-Mix dann wieder mehr Züge vom Typ 622 sowie dem bisher eingesetzten Typ 650 vor, weil die einen niedrigeren Einstieg haben als der Lint 54, womit vor allem Fahrradfahrer einfacher in den Zug rein und wieder raus kommen. Ein ebenerdiger Ein- und Ausstieg ist an Bahnsteigen mit 55 Zentimetern Höhe möglich. Die Bahnsteige in Friedrichshafen beispielsweise sind allerdings nur 36 bis 38 Zentimeter hoch. Bis zu 18 Fahrräder haben im Lint 54 Platz. Rollstuhlfahrer können über eine eingebaute Kapprampe zusteigen, die Toiletten im Zug sind barrierefrei.

Mehr Komfort für die Fahrgäste und mehr Sitzplätze stehen in den neuen Zügen zur Verfügung.
Mehr Komfort für die Fahrgäste und mehr Sitzplätze stehen in den neuen Zügen zur Verfügung. | Bild: Martin Hahn

WLAN, Videoüberwachung und Tische für Laptops

Für die Fahrgäste werde es in den neuen Zügen, die maximal 140 Stundenkilometer schnell unterwegs sind, deutlich komfortabler. Sie verfügen über WLAN, Klimaanlage und Videoüberwachung. Monitore informieren und unterhalten die Fahrgäste. Fast jeder feste Sitzplatz ist nach Schilderung von Martin Hahn mit Tischen für Laptops ausgestattet.

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Test: Lint-Züge in Sachsen-Anhalt werden mit Hybrid-Antrieb von MTU nachgerüstet

Der Einsatz des neuen Zugtyps ab Juni auf der Bodenseegürtelbahn ist aber noch in anderer Hinsicht spannend. Im Dezember wird das Verkehrsunternehmen Abellio Rail Mitteldeutschland im Auftrag des Landes den Fahrgastbetrieb auf 16 nicht elektrifizierten Strecken in Sachsen-Anhalt mit 54 Lint-Zügen aufnehmen. Drei davon sollen in naher Zukunft mit dem Hybrid-Antrieb von MTU nachgerüstet werden. So hatten es Abellio, die Nahverkehrsservice Sachsen-Anhalt GmbH und Rolls-Royce Power System (RRPS) vor acht Wochen übereinstimmend mitgeteilt (wir berichteten). Bei der Leitmesse für Bahn- und Verkehrstechnik Innotrans hatten die Partner eine Vereinbarung unterzeichnet.

Erkenntnisse über täglichen Einsatz einer Hybrid-Flotte gewinnen

Bis Jahresende soll nach Angaben von Alstom nun der Vertrag über die Umrüstung der ersten drei Lint-Züge stehen. Geplant ist, binnen drei Jahren diese Triebwagen mit dem Hybrid-Power-Pack von MTU auszustatten und damit den Pilotbetrieb zu beginnen. Dabei sollen Erkenntnisse für den täglichen Einsatz einer Hybrid-Flotte gesammelt werden. Eine spätere Umrüstung der gesamten Abellio-Flotte in Sachsen-Anhalt sei angedacht.