Ausgerechnet an Gründonnerstag trafen 2015 die ersten Flüchtlinge in der neuen Gemeinschaftsunterkunft Deisendorf ein. Da vor Ostern niemand mit ihnen gerechnet hatte, trommelten die Mitarbeiter der Diakonie, die für die Unterkunft in dem Überlinger Teilort zuständig ist, die ehrenamtlichen Helfer zu einem kurzfristigen Treffen zusammen. Im Vorfeld hatten sich zahlreiche Freiwillige gemeldet. Ihre Hilfe wurde gebraucht, um die 20 jungen Männer aus Afrika und dem Kosovo an den Feiertagen zu versorgen.

„Ohne das Ehrenamt hätte das nicht funktioniert“

„Niemand war damals auf die Aufgaben vorbereitet und es wurde viel improvisiert“, erinnert sich Sozialarbeiterin Beatrice Mangold. Im Frühjahr 2015 hätten alle Institutionen vor großen Herausforderungen gestanden. Neben der Betreuung der Neuankömmlinge mussten die Ehrenamtlichen angeleitet sowie neue Kollegen eingearbeitet werden. „Ohne das Ehrenamt hätte das nicht funktioniert“, betont Beatrice Mangold. „Ich war von der Hilfsbereitschaft in Überlingen überwältigt.“

Hans Weitmann und Arnold Hess (von links) helfen in der Gemeinschaftsunterkunft Deisendorf seit vier Jahren Flüchtlingen dabei, ihre Fahrräder zu reparieren. Modu (rechts) braucht heute nur Luft für die Reifen.
Hans Weitmann und Arnold Hess (von links) helfen in der Gemeinschaftsunterkunft Deisendorf seit vier Jahren Flüchtlingen dabei, ihre Fahrräder zu reparieren. Modu (rechts) braucht heute nur Luft für die Reifen. | Bild: Sabine Busse

Barbara Weidemann ist eine von ihnen: „Es war für mich selbstverständlich, zu helfen.“ Da die Plätze in Deutschkursen rar waren und vor allem Mütter mit kleinen Kindern nicht teilnehmen konnten, bot sie zweimal in der Woche einen Sprachkurs in der Unterkunft an. „Mir war klar, dass Sprache das Wichtigste ist.“ Auch Hans Weitmann und Arnold Hess gehören zu den Helfern der ersten Stunde: Sie richteten eine kleine Fahrradwerkstatt in der Garage ein und sorgten dafür, dass gespendete Räder wieder fahrtüchtig und die Bewohner mobil wurden.

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Wenn die Diakonie heute die Ehrenamtlichen einlädt, ist der Kreis wesentlich kleiner – nicht nur in Deisendorf. „Über die genaue Anzahl der Helferinnen und Helfer haben wir keinen genauen Überblick“, schreibt Robert Schwarz, Pressesprecher des Bodenseekreises, auf unsere Anfrage. „Im Allgemeinen kann man aber sagen, dass die Zahl deutlich zurückgegangen ist und sich die Arbeit der Helferinnen und Helfer geändert hat in den letzten Jahren.“

Beatrice Mangold: „Es gab auch Enttäuschungen"

Beatrice Mangold nennt dafür mehrere Gründe. Im Frühjahr 2015 seien Flüchtlinge Dauerthema in den Medien gewesen. „Das war ein richtiger Hype und alle wollten helfen.“ Aber nicht jeder habe die passende Aufgabe gefunden. „Es gab auch Enttäuschungen“, räumt sie ein. Manche hätten frustriert das Handtuch geworfen, weil die Schützlinge andere Vorstellungen von Verlässlichkeit hatten oder die Hilfe als selbstverständlich angesehen wurde.

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Dazu konnte es passieren, dass die betreuten Menschen plötzlich nicht mehr da waren. In Deisendorf erfolgte die erste Abschiebung im Herbst 2015. Als im Dezember, wieder kurz vor den Feiertagen, die ersten syrischen Familien kamen, waren die Kosovaren längst weg. Den Helfern wurde klar, dass es für Flüchtlinge mit der falschen Nationalität schwer wird. Damit konnte nicht jeder umgehen.

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Dazu haben sich die Strukturen und Aufgaben bei der Betreuung von geflüchteten Menschen geändert. „Die Unterstützung im Einzelfall dürfte sich wegbewegen von Versorgung des Flüchtlings hin zu Hilfe zur Selbsthilfe im Sinne einer Befähigung, mit den deutschen Strukturen zurechtzukommen“, führt Robert Schwarz weiter aus. Die damals in Deisendorf untergebrachten syrischen Flüchtlinge leben heute in Anschlussunterkünften. Die Sozialarbeiter der Diakonie nennen sich Integrationsmanager, die wie die Helfer zu den Familien in die Wohnungen gehen.

Auch die Art der Hilfe hat sich verändert

Nicht nur die Zahl der Helfer, auch die Art der Hilfe hat sich verändert. Barbara Weidemann bietet ihren Sprachkurs für junge Mütter immer noch an, nur nutzt sie mittlerweile einen Raum der evangelischen Kirche in der Innenstadt. Das ist für die Frauen leichter zu erreichen.

Früher Mülltrennung, jetzt Arabischkurse

Roland Hipper fing 2015 in den Reutehöfen an und erklärte beispielsweise die Mülltrennung. Dann organisierte er Schwimmkurse und zuletzt einen Arabischkurs für Kinder. Ihm war klar geworden, dass die syrischen Kinder oft ihre Muttersprache nicht schreiben können und im Falle einer Rückkehr Analphabeten wären.

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Hans Weitmann und Arnold Hess sind weiterhin jeden Dienstag in Deisendorf und zeigen den Neuankömmlingen, denn auch die gibt es, wie sie ihr Fahrrad reparieren können. „Es geht uns vor allem darum, dass sie sich selber helfen können.“

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