Seit den 80er Jahren wird in Baden-Württemberg jährlich der Zustand der Waldbäume erfasst. Auskunft darüber geben diese über das Aussehen ihrer Kronen. Sind Blätter oder Nadeln gelb oder hat der Baum sie bereits verloren? „Für das Jahr 2018 ist für alle Baumarten, mit Ausnahme der Tanne, eine Verschlechterung des Kronenzustands festzustellen“, fasst der Waldzustandsbericht, herausgegeben von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg, den Zustand der Bäume zusammen. 38 Prozent der Wälder gelten demzufolge als „deutlich geschädigt“.

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Und wie steht es um die Wälder im Bodenseekreis? „Radelte man im Sommer entlang des Seewalds Richtung Lochbrücke, dann war der Radweg von einer Schicht grüner Fichtennadeln bedeckt“, sagt Michael Strütt, Leiter des Forstamts im Bodenseekreis. Schuld an diesem seltsamen Phänomen sei der Buchdrucker, ein Borkenkäfer. Das Jahr begann mit „Burglind“ im Januar. Ein Sturm, der für viele Einzelwürfe in den Wäldern verantwortlich war. Viele dieser vereinzelt gefällten Bäume blieben von Förstern und Waldbesitzern zunächst unentdeckt und boten den Borkenkäfern ein unwiderstehliches Brutplatzangebot.

Als hätte er einen Text geschrieben – der Buchdrucker, ein großer Borkenkäfer und dessen Larven, fressen sich unter der Rinde durchs Holz.
Als hätte er einen Text geschrieben – der Buchdrucker, ein großer Borkenkäfer und dessen Larven, fressen sich unter der Rinde durchs Holz. | Bild: Anette Bengeldsdorf

Warum gab es so viele Schädlinge? Bedingt durch die hohen Temperaturen im April – vier Grad über dem langjährigen Mittel – hatten sie etwa drei Wochen früher als üblich mit ihrem Schwärmflug, der fliegenden Partnersuche, begonnen und legten ihre Eier in den toten Bäumen ab. Bereits acht Wochen später, die Larven und hungrigen Käfer hatten sich fleißig unter der Rinde hindurchgefressen, war die erste Generation bereits aus der Puppe geschlüpft und ihrerseits auf der Suche nach geeigneten Brutplätzen über die lebenden Fichten hergefallen. Sie bohrten unterhalb der Krone die Borke an und legten ihre Eier. Mitte August schlüpfte bereits die zweite Generation und suchte mangels toten Bäumen wieder die lebenden auf, um – was bei normalen Temperaturen nicht geschieht – eine dritte Generation auf den Weg zu bringen.

Deutlich sind die Bohrlöcher der Borkenkäfer zu erkennen. Normalerweise pumpt die Fichte Harz in die Löcher.
Deutlich sind die Bohrlöcher der Borkenkäfer zu erkennen. Normalerweise pumpt die Fichte Harz in die Löcher. | Bild: Anette Bengeldsdorf

Wie schützen sich die Bäume normalerweise? Die Vermehrung und damit die Schädigung der Fichten verliefen 2018 exponentiell. In einem befallenen Baum können sich bis zu 20 000 Käfer aufhalten. Jedes Gelege hat etwa 50 Eier. „Ein einziger Käferbaum führt so über die Vermehrung von drei Generationen zu 8000 befallenen Bäumen“, sagt Strütt. Wehrlos sind die Fichten den gefräßigen Tierchen in Jahren mit feuchter Witterung nicht ausgesetzt. Dann pumpen sie Harz in die Bohrlöcher, um die Plagegeister loszuwerden. Doch die Dürre schränkte in diesem Jahr die Harzproduktion ein und die Fichten kapitulierten. Da der Larvenfraß unter der Rinde den Saftstrom unterbricht, werfen die Fichten ihre grünen Nadeln ab, um sich zu schützen.

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Wie erkennt man befallene Bäume? Viele Waldbesitzer würden die Problematik verkennen und den Befall erst bemerken, wenn die Rinde bereits abgefallen ist und der Baum nackt vor ihnen steht. Ihr Blick sei nicht geschult, bedauert der Forstamtsleiter. Denn in diesem Stadium haben die Käfer ihren Wirtsbaum bereits verlassen und haben sich auf die Suche nach einem neuen Brutplatz gemacht. „Bäume, aus denen Harz tropft und die ihre grünen Nadeln abwerfen, müssen deshalb sofort gefällt werden, sagt Strütt. Im Seewald sei dies umgehend geschehen. Doch in anderen Bäumen ging das Leben und Fressen der Borkenkäfer munter weiter. Erst im Oktober fielen die Temperaturen unter das Wohlfühlniveau und schickte sie verspätet in den Winterschlaf. „Ab September kamen dann zusehends mehr Dürreschäden dazu“, beobachtete der Förster. Selbst die Buchen seien davor nicht gefeit.

Im Sommer waren die geschädigten Bäume gut zu erkennen. Ihre Nadeln sind bereits vertrocknet. Rechts: Als hätte er einen Text ...
Im Sommer waren die geschädigten Bäume gut zu erkennen. Ihre Nadeln sind bereits vertrocknet. Rechts: Als hätte er einen Text geschrieben – der Buchdrucker, ein großer Borkenkäfer und dessen Larven, fressen sich unter der Rinde durchs Holz. | Bild: Michael Strütt

Was sind die Folgen einer Stressreaktion? „Bereits im Frühjahr wurde landesweit auffallend viel Blütenstaub in der Luft beobachtet, der sich vielerorts als gelber Belag, beispielsweise auf Fenstern und Autos, ablagerte“, so der Waldzustandsbericht. Besonders Fichten, Tannen, Buchen und Eichen produzierten daraufhin außergewöhnlich viele Früchte. Eine Stressreaktion, wie Strütt erklärt. Denn bevor er stirbt, möchte sich der Baum bestmöglich vermehren. Große Mengen an Nährstoff- und Energiereserven der Bäume werden für die Ausbildung von Bucheckern, Eicheln und Zapfen benötigt, die dem Baum für das vegetative Wachstum nicht mehr zur Verfügung stehen. Statt Zuwachs der Stämme ist vermehrt Nachwuchs im Wald zu sehen. War dieser Reproduktionsstress früher alle zehn bis 15 Jahre zu beobachten, so trete er jetzt bereits jedes zweite bis dritte Jahr auf, sagt er. Eine Folge des Klimawandels ist auch das Triebsterben, das in diesem Jahr den Eschen vermehrt zugesetzt hat. Ein Pilz, eingeschleppt aus Südostasien, befällt die Blätter und lässt die Triebe verwelken und in den Kronen wird es licht. In Folge entwickelt sich im unteren Bereich des Stamms eine Nekrose und destabilisiert die Bäume.

Nicht nur die Fichten, auch die Eschen leiden unter dem Klimawandel. Ein Pilz bringt die Triebe zum Welken und macht die Stämme instabil.
Nicht nur die Fichten, auch die Eschen leiden unter dem Klimawandel. Ein Pilz bringt die Triebe zum Welken und macht die Stämme instabil. | Bild: Anette Bengeldsdorf

Warum musste ein Insektizid eingesetzt werden? Gefällte Käferbäume müssten schnellstmöglich abtransportiert werden. Doch Transportlogistik und Sägewerkskapazitäten stießen an ihre Grenzen. „Wir mussten, da so viel Holz am Boden lag, ein Insektizid einsetzen“, räumt er ein. Ein Kontaktgift, auf die Stämme aufgebracht, das die Käfer tötet, sobald sie ihre Kinderstube verlassen und damit in Berührung kommen.

Wie haben sich die Preise entwickelt? Der Schaden in den Wäldern sei nicht ökologischer Natur, so Michael Strütt. Denn die Fichte ist in der Bodenseeregion nicht heimisch. Eigentlich wachse hier ein Buchen- und Weißtannenwald. Doch die Industrie braucht Fichtenholz, keine Buche und das geht zulasten der Diversität. Der Schaden ist somit wirtschaftlicher Natur, der in erster Linie die Waldbesitzer trifft. Da weite Teile Europas mit einem ähnlichen Wetterszenario wie Trockenheit und Stürme zu kämpfen hatten, sei der Markt mit billigstem Schadholz von schlechter Qualität überschwemmt und die Preise mit einem Minus von 30 Prozent im Keller. Dazu kommen die Kosten der Aufforstung der kahlen Stellen im Wald. Dabei drohen die Setzlinge in der Trockenheit zu verdorren.

Wie sieht die Prognose für kommendes Jahr aus? Derweilen steht die nächste Buchdruckergeneration bereits in den Startlöchern. „Wir rechnen im nächsten Jahr mit einem ähnlichen Käferbefall wie in diesem Jahr, ganz unabhängig von der Witterung“, so die Prognose des Försters. Man müsse jetzt zunehmend auf Mischbestände setzen. Experimente mit Douglasien, Eichen und Hainbuchen werden bereits gemacht.

Der Waldzustandsbericht im Internet: https://mlr.baden-wuerttemberg.de/de/unser-service/publikation/did/waldzustandsbericht-fuer-baden-wuerttemberg-2018/?tx_rsmbwpublications_pi3%5Bministries%5D=10&cHash=b417c42a27a970c1ff9ec715265fbfec