Bodenseekreis – Ein dramatischer Anstieg der Einsätze im Jahr 2017 überrascht beim Blick auf die Statistik der Feuerwehren, die Kreisbrandmeister Henning Nöh bei der Kreisversammlung am Freitagabend in der Stadthalle Markdorf vorlegte. Von 2461 im Jahr 2016 stieg die Gesamtzahl im Vorjahr um nahezu 1000 auf 3437, das sind fast 40 Prozent. "Das ist jedoch vor allem den Wetterereignissen geschuldet", erklärte Nöh im Vorfeld der Versammlung und erinnerte an den Sturm und Starkregen vom 8. Juli, als alleine mehr als 400 Einsätze registriert wurden. Selbst die Stadt Friedrichshafen habe damals die Überlandhilfe aus der Umgebung benötigt. "Als ich in der Leitstelle eintraf, stand das Wasser dort schon in den Nebenräumen", sagt der Feuerwehrchef. Und vor dem Hintergrund des für die Jahreszeit hohen Wasserstands im See und den großen Schneemengen in den Bergen rechnet er schon mit Hochwasser im Frühsommer.

Der Anteil der Brände blieb mit 353 (2016 waren es 360) relativ konstant. Sie machen damit rund zehn Prozent der Gesamteinsätze aus. Die folgenschwersten unter den 18 Großbränden des Vorjahres waren in Oberuhldingen und Mühlhofen zu verzeichnen, beide Male wurden landwirtschaftlich genutzte Hallen ein Raub der Flammen.

Fast sechsmal so zahlreich waren die technischen Hilfeleistungen mit 1985 Einsätzen, zu denen neben Unwettern auch Verkehrsunfälle und Tierrettungen gehören. Während bei den Bränden zwei Menschen zu Tode kamen, konnten die Feuerwehren 50 Menschen das Leben retten, bei technischen Hilfeleistungen waren es sogar mehr als 200.

Hier wie da sind die Einsatzkräfte gefordert. Ein besonderes Augenmerk will Nöh auf die Mitgliederwerbung gelegt wissen. Die Talsohle haben die Feuerwehren insgesamt zwar durchschritten, deren Mannschaftsstärke von knapp 2550 Aktiven im Jahr 1985 zwischenzeitlich auf 2250 (2003) gesunken war. In kleinen Wellenbewegungen stieg die Zahl in den Jahren 2016/2017 wieder auf 2400 bzw. 2416. Die Werbeaktionen hätten zwar einen gewissen Erfolg gebracht, bilanziert Nöh: "Doch wir können immer noch dringend engagierte Männer und Frauen gebrauchen." Denn der steigende Altersdurchschnitt sei hier noch gar nicht in Betracht gezogen. Ziel sei es, die Funktionsplätze in den Einsatzfahrzeugen vor dem Hintergrund der begrenzten Verfügbarkeit dreifach besetzt zu haben, um im Ernstfall eine komplette Mannschaft losschicken zu können. "So weit sind wir noch nicht", betont der Kreisbrandmeister: "Wir müssen hier noch etwas tun."

Nicht früh genug kann man daher aus Nöhs Sicht Interesse an der Arbeit der Feuerwehr wecken. Zu den Jugendfeuerwehren mit ihren 630 Mitgliedern ab zehn Jahren kommen inzwischen jüngere Kindergruppen, die es in Meersburg, Uhldingen-Mühlhofen, Daisendorf und Meckenbeuren schon gebe. "Wir müssen diese früh mit dem Feuerwehrvirus infizieren", erklärt der Kreisbrandmeister und weiß, dass von den Jugendlichen aus verschiedenen Gründen am Ende nur 30 bis 40 Prozent tatsächlich bei der Feuerwehr landen.

Verstärkt drängen will Feuerwehrchef Nöh auf die Ausbildung von Atemschutzträgern. "Da gibt es noch einigen Nachholbedarf", sagt er. Schon beim Brand eines Autos oder eines Mülleimers würden so viele schädliche Gase entstehen, dass man sich diesen nicht ungeschützt aussetzen sollte. Noch viel mehr Aktive sollten sich aus Nöhs Sicht daher dieser Ausbildung unterziehen.

Auch auf dem Wasser soll sich die Schlagkraft der Feuerwehr künftig noch verbessern. In diesem Jahr sollen vier neue Mehrzweckboote in Auftrag gegeben werden, die zur Menschenrettung und zur Ölabwehr gleichermaßen ausgerüstet sein werden. Standorte werden Friedrichshafen, Überlingen, Konstanz und Radolfzell sein, mit der ersten Auslieferung rechnet Henning Nöh allerdings erst im Herbst 2019.

  • Freiwillige Feuerwehr: In jeder der 23 Kommunen des Kreises gibt es derzeit eine Freiwillige Feuerwehr, deren Einsatzfähigkeit auf ehrenamtlichem Engagement basiert. Nach einigen Umstrukturierungen ist die Zahl der einzelnen Abteilungen zwar auf 54 zurückgegangen. Die Zahl der Einsatzkräfte ist seit 2014 wieder gestiegen, zuletzt auf 2416 (im Jahr zuvor waren es 2400). Hinzu kommen im Bodenseekreis noch fünf Werksfeuerwehren, die auf dem Flughafen, bei MTU, ZF und Airbus angesiedelt sind und zu denen auch noch die Feuerwehr der Schule Schloss Salem gehört.
  • Werbeaktion: Wie schwierig es ist, alleine Verständnis für die Arbeit der ehrenamtlichen Einsatzkräfte zu gewinnen, illustriert Kreisbrandmeister Henning Nöh mit einer "vorbildlichen Werbeaktion" in Frickingen. "Die Gemeinde hat hier 400 Briefe verschickt und für ein Engagement in der Feuerwehr geworben", erklärt Henning Nöh. Doch in der einzigen Rückmeldung habe sich ein Bürger lediglich beschwert, wie dreist diese Anfrage aus dem Rathaus doch sei.
  • Alarme: Den Begriff "Fehlalarm" versucht Kreisbrandmeister Henning Nöh schon länger aus dem öffentlichen Wortschatz zu verbannen. Es gebe lediglich Alarme von Brandmeldeanlagen, von denen es in Krankenhäusern, Altenheimen, Schulen, Betrieben und Flüchtlingsunterkünften insgesamt 947 existierten. Die meisten von 716 Alarmen seien auf menschliches Fehlverhalten zurückzuführen gewesen, nur 14 seien in böswilliger Absicht bewusst ausgelöst worden, 59 "in gutem Glauben" bzw. in der Annahme eines Brandes. Erst gestern wurde die Überlinger Wehr von einer Meldeanlage in der Constantin-Vanotti-Schule alarmiert, konnte Henning Nöh brühwarm berichten, nachdem in der Schulküche wohl ein Toastbrot verbrannt sei. (hpw)