Seit mindestens eineinhalb Jahren nutzt Rupert Hehne „Emma“, um von Markdorf ins Deggenhausertal zu fahren. Die Linie 685 verkehrt bei Bedarf zu festgelegten Uhrzeiten als Ergänzung zum Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). „Ich komme mit dem Linienbus aus Ravensburg, steige in die 'Emma' um und fahre dann nach Deggenhausen, wo ich arbeite“, berichtet Hehne, der nicht wüsste, wie er zu den ungewöhnlichen Zeiten, zu denen er fährt, ins Tal kommen sollte. Nach Dienstschluss fährt er mit dem normalen Linienbus zurück.

„Emma“-Kleinbusfahrer Markus Raith, der seit mehr als einem Jahr mit dem Elektrofahrzeug unterwegs ist, weiß: „Die Fahrgäste sind mit 'Emma' sehr zufrieden, weil sie ja zu bestimmten Zeiten mit öffentlichen Verkehrsmitteln sonst gar nicht aus dem Tal herauskommen.“ Auf Nachfrage wartet Bodo-Projektleiter Bernd Hasenfratz mit aktuellen Zahlen auf: „Jeweils im Durchschnitt der vergangenen zwei Monate liegt die Anzahl der tatsächlich in Anspruch genommenen Fahrten im Vergleich zum Sollfahrplan knapp unter 50 Prozent. Durchschnittlich sind 1,52 Personen im vier Personen fassenden Fahrzeug. Und pro Woche werden 35 Fahrgäste gezählt.“

Nachdem zum 30. Juni 2016 die Bundesfördermittel wegfallen, müssen Gemeinde und Landkreis bei einer Fortführung des Projektes Eigenarbeit leisten. Der aktuelle Diskussionsstand sieht laut Hasenfratz vor, dass die Finanzierung bis Jahresende gesichert sei. „Dann entwickeln wir die Finanzierung so weiter, dass es dauerhaft tragbar ist“, sagt der Bodo-Projektleiter. Bürgermeister Knut Simon würde das Angebot im Deggenhausertal gerne weiterführen. „Am Anfang war ich skeptisch und konnte mir nicht vorstellen, dass es funktioniert“, räumt er im Gespräch ein. Simon freut sich, dass „Emma“ mittlerweile so erfolgreich läuft und das Fahrzeug fast jeden Tag zwischen Deggenhausertal und Markdorf unterwegs ist. Eine hohe Nachfrage kommt dabei vom Lehenhof.

Zwischen Eriskirch und Tettnang verkehrt "Emma" ebenfalls als Ergänzung des Fahrplans nach einer festen Linienstruktur und Zeittabelle. "Die Erfahrungen sind gut, allerdings verlief der Anfang sehr schleppend. Mittlerweile wird das Angebot regelmäßig genutzt, könnte aber noch weitere Fahrgäste vertragen", bilanziert Markus Spieth, Bürgermeister von Eriskirch. Gerne würde er dieses oder ein ähnliches Angebot fortführen, am besten integriert in das normale ÖPNV-Angebot. "Für die Folgejahre kann es noch keine Aussage geben, da müssen wir die Zahlen von 2016 abwarten" , so Spieth. Für 2016 wurde die Finanzierung ganzjährig sichergestellt, Eriskirch hat 25 000 Euro bereitgestellt.

Das "Emma"-Projekt sah vor, dass rund 30 Fahrzeuge im Bodenseekreis zur Verfügung gestellt werden, um das Thema Elektromobilität in die Bevölkerung zu bringen und innovative, nachhaltige und bezahlbare Lösungen für den Verkehr anzubieten. Als Infrastruktur wurden in verschiedenen Gemeinden Ladesäulen installiert, an denen die Fahrzeuge kostenlos aufgeladen werden können. Aber nur rund ein Dutzend der Fahrzeuge seien im Einsatz. Das Interesse habe sich zurückgehalten. "Es war von Anfang an ein Experiment", sagt Ingo Kitzmann, der an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg verschiedene Studien zu "Emma" umgesetzt hat. Am Campus in Friedrichshafen stehen fünf Elektroautos über das Carsharing-Angebot "CampusMobil" für Studierende und Mitarbeiter zur Verfügung. Diese stehen aber zum Großteil ungenutzt auf den Parkplätzen, so die Beobachtung von Kitzmann.

Auch in Salem und Markdorf hat man mit "Emma" keine guten Erfahrungen gemacht. Beide Gemeinden haben ein Carsharing-Modell im Angebot. Salem schafft den elektrobetriebenen Nissan ab, der am Bahnhof stand und gemietet werden konnte. In eineinhalb Jahren wurde das Fahrzeug nur 7000 Kilometer bewegt. Stattdessen will die Gemeinde jetzt ein Konzept für einen Bürgerbus erstellen und die Kosten dafür ermitteln. Die geringe Akzeptanz führte Marlene Sick von der Gemeindeverwaltung vor allem auf zwei Hemmnisse zurück: die geringe Reichweite von rund 120 Kilometern und die lange Ladezeit von rund fünf Stunden.

In Markdorf hat die Verwaltung ebenfalls entschieden, den auslaufenden Leasing-Vertrag nicht zu verlängern. Denn das Carsharing kam nicht gut an. "Es gibt einfach zu viele Nachteile“, sagt Lucie Fieber, Geschäftsführerin von Markdorf Marketing. Dabei war die Stadt sehr optimistisch in das Projekt gestartet: Im September 2014 wurde die neue Elektro-ladestadion am Bahnhof eingeweiht, im Juli 2015 wurde das Fahrzeug übergeben – ein kompakter Transporter mit viel Platz. „Technisch war das auch alles nicht ganz einfach“, so Lucie Fieber. Interessierte Nutzer mussten sich per Internet registrieren, eine Kundenkarte besitzen sowie Fahrzeug und Zeitraum mit einer Smartphone-App online buchen. Für Fieber war es wichtig, am Projekt mitgemacht zu haben. Für Carsharing sei Markdorf die falsche Stadt. "Das funktioniert in Großstädten, aber nicht im ländlichen Raum."

Umsetzung und Ziele des Projekts

Mit "Emma" sollte das Thema Elektromobilität Einzug in den Bodenseekreis halten.

  • Start: Im November 2013 ist im Landkreis Bodenseekreis unter dem Namen "Emma" ein innovatives Mobilitätsangebot gestartet. "Emma" steht für "E-Mobil mit Anschluss". Neun Partner hatten sich im Fördervorhaben "BodenseeEmobil" zusammengeschlossen und das "Emma"-Projekt ins Leben gerufen. Die Idee dazu wurde in der T-City Friedrichshafen geboren. Das Vorhaben wurde im Rahmen der Modellregionen Elektromobilität mit 3,6 Millionen Euro durch das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur gefördert. Die Fördermittel laufen zum 30. Juni 2016 aus.
  • Umsetzung: Im Vorhaben "Emma" sollte ein ganzheitliches und nachhaltiges Mobilitätskonzept entwickelt und umgesetzt werden, bei dem die intelligente Nutzung von Elektromobilität im Mittelpunkt steht. Die Duale Hochschule Baden-Württemberg Ravensburg begleitete das Forschungsprojekt am Campus Friedrichshafen wissenschaftlich.
  • Ziele: Ziele waren, das Verbindungsangebot des Öffentlichen Personennahverkehrs zu verbessern, Elektrofahrzeuge ergänzend zum Busverkehr einzusetzen, Elektroautos ausschließlich mit regenerativ erzeugtem Strom aufzuladen und eine reibungslose Kommunikation aller Systemteil-nehmer sicherzustellen.
  • Bespiele aus der Region: In Salem ist ein Nissan als Carsharing-Modell am Bahnhof stationiert. Die gleiche Möglichkeit bietet sich in Markdorf, hier steht ein Renault Kangoo am Bahnhof und kann über das Unternehmen "Flinkster" gemietet werden. In Meckenbeuren wurde ein Bürgerbus mit dem Trägerverein "Bürger-Mobil" ins Leben gerufen, der eine ehrenamtliche Struktur aufweist. In Friedrichshafen stehen die Fahrzeuge am Campus zur Verfügung. Zwischen Deggenhausertal und Markdorf verkehrt "Emma" als Linie 685 zur Ergänzung des ÖPNV. Zwischen Eriskirch und Tettnang fährt "Emma" als Linie 621. (shn)