Keine Spur von schlecht gelaunten Pendlern, keine trotzigen Gesichter. Stattdessen tiefenentspannte und sich sonnende Menschen, die den Blick auf die ruhige See genießen. Die wenigen, die sich am Dienstag am BSB-Hafen in Meersburg versammelten, um das Ersatzschiff um 8.15 Uhr nach Konstanz zu nehmen, waren bester Laune an diesem frühsommerlich anmutenden Morgen.

Einer von ihnen ist Jürgen Frank, der bei der Südwestdeutschen Philharmonie arbeitet und seine Kollegen bereits vorgewarnt hat, dass er erst etwas später eintreffen wird als üblich. „Da sagt dann auch keiner etwas dagegen. Es wissen ja alle, dass die Fähre heute nicht fährt“, sagt Frank, der sein Fahrrad abgestellt hat und noch mit Helm auf dem Kopf auf einer Parkbank unweit des Einstiegs Platz genommen hat. Für ihn bedeute der Streik keinen Nachteil, bloß nach der Uhrzeit habe er sich nun richten müssen. Und am Abend muss Jürgen Frank früher Feierabend machen, um das Ersatzschiff zu erwischen. „Manchmal fahre ich zwar mit dem Auto rüber, an einem so schönen Tag wie heute kann ich es auch mal stehen lassen und stattdessen zum Fahrrad greifen.“

Die Anzeige am BSB-Hafen in Meersburg zeigt es an: "Fähre Ersatz" nach Konstanz.
Die Anzeige am BSB-Hafen in Meersburg zeigt es an: "Fähre Ersatz" nach Konstanz. | Bild: Heuser, Christoph

Robin Apel ist Maschinenbaustudent und pendelt bereits seit drei Jahren regelmäßig nach Konstanz. Er empfindet die Fahrt auf dem MS Stadt Radolfzell als nette Abwechslung. „Mir machen die Streikfolgen nichts aus“, sagt Apel. „Immerhin gibt es heute feste Zeiten, an denen ich mich orientieren kann“, freut sich der Student über bessere Vorhersehbarkeit der Ankunftszeit: „Es gibt viele, die mit dem Schnellkurs nicht glücklich sind.“

Anderer Meinung ist jene Pendlerin, die von Montag bis Freitag die Fähre als Fußgängerin nutzt, um von Meersburg nach Konstanz zu gelangen: „Ich finde es ein bisschen blöd, dass heute nur alle eineinhalb Stunden eine Verbindung angeboten wird“, sagt sie, in der linken Hand einen Kaffeebecher und in der rechten eine glimmende Zigarette. Für den Kaffee daheim reichte es an diesem Morgen nicht mehr. „Mir ist es lieber, wenn ich einfach in die nächste Fähre steigen kann, ohne auf die Uhr gucken zu müssen. Angesichts der Interessen der Arbeitnehmer kann ich gut damit leben, aber täglich wollte ich das nicht.“

Hinweis auf den Streik.
Hinweis auf den Streik. | Bild: Heuser, Christoph

In dieselbe Kerbe schlägt Marion Courtellemont, die im Konstanzer Einzelhandel beschäftigt ist. „Wenn ich eine Fähre früher nehme, stehe ich eine Stunde vor dem Laden. Nun komme ich zu spät“, hätte sie sich über eine zusätzliche Verbindung gefreut. Doch nicht nur dieser Wunsch blieb unerfüllt: „Ich habe darauf gehofft, mit einem Kursschiff zu fahren“, so Courtellemont, um dann mit einem verschämten Lächeln die Frage nach dem Warum zu beantworten: „Da wird man an Bord immer so nett begrüßt.“

Am Fähreanleger empfängt Roland Leinberger von den Stadtwerken all diejenigen, die von dem Streik im Vorfeld nichts mitbekamen. „Der Zustrom reißt nicht ab, immer wieder kommt jemand angefahren und möchte auf die Fähre“, erklärt er. Pendler seien es natürlich nicht. „Viele wollen auf die Mainau, die müssen wir dann vertrösten“, berichtet er von den harmlosen Fällen. Es gab aber auch weitaus ärgerlichere: „Sehr erzürnt war ein Autofahrer, der nach Zürich zum Flughafen wollte, das ist sicherlich eng geworden."

Er ist der Überbringer der schlechten Nachricht: Roland Leinberger hält die Schotten am Meersburger Fährhafen dicht. Mit freundlicher Ansprache macht er die Unwissenden darauf aufmerksam, dass bis 21 Uhr keine Fähre abfährt.
Er ist der Überbringer der schlechten Nachricht: Roland Leinberger hält die Schotten am Meersburger Fährhafen dicht. Mit freundlicher Ansprache macht er die Unwissenden darauf aufmerksam, dass bis 21 Uhr keine Fähre abfährt. | Bild: Heuser, Christoph

Am Nachmittag steuert ein sichtlich geschaffter Radfahrer auf den Zugang zur Fähre zu. Trotz elektronischer Trethilfe ist Walter Keil aus Kassel mit seinen Kräften am Ende. "Ich bin erschüttert", schüttelt er den Kopf. Mit seinem Wohnmobil steht er in Konstanz. "Dort bin ich heute Vormittag gestartet und wollte jetzt mit der Fähre zurück." Die Männer vom Fährbetrieb lassen den Nordhessen kurz zappeln, erklären ihm dann aber, dass er mit dem Ersatzschiff auf die andere Seite kommt. "Puh, Gott sei Dank, das hätte ich sonst nicht geschafft", hört man förmlich die Steine aufschlagen, die Walter Keil nun vom Herzen fallen.

Kein gutes Ende nahm es allerdings für Anke Schultz-Gora, die von Riedlingen im Kreis Biberach aus gut eine Stunde unterwegs war bis zur Fähre. Sie kochte vor Wut. "Natürlich wusste ich, dass gestreikt wird, aber in Riedlingen bekommt man nichts davon mit, dass die Fähre ausfällt", tobte Schultz-Gora. "Ich habe selber 30 Jahre im öffentlichen Dienst gearbeitet, aber für diesen Schwachsinn habe ich kein Verständnis." Einen Termin in Konstanz habe sie nun absagen müssen. "Wissen Sie, warum diese Streiks stattfinden?", fragt sie und fügt selber an, "nur, damit Verdi eine Daseinsberechtigung hat für die horrenden Beiträge, die den Arbeitnehmern abgenommen werden." Außerdem sei eine prozentuale Erhöhung ungerecht, merkt die Riedlingerin kritisch an, da die Differenz zwischen besser Verdienenden und niedriger eingruppierten Arbeitnehmern noch größer würde.

Anke Schultz-Gora hat kein Verständnis für den Streik und findet deutliche Worte.
Anke Schultz-Gora hat kein Verständnis für den Streik und findet deutliche Worte. | Bild: Heuser, Christoph

Zentrale Kundgebung in Friedrichshafen

Für den heutigen Mittwoch sind die Beschäftigten im Verdi-Bezirk Oberschwaben (Landkreise Ravensburg, Sigmaringen, Biberach und Bodenseekreis) zum Warnstreik aufgerufen. Bei der zentralen Kundgebung in Friedrichshafen, bei der ab dem späteren Vormittag Hanna Binder, stellvertretende Verdi-Landesbezirksleiterin, spricht, werden rund 300 Teilnehmer erwartet. „Wenn nicht noch mehr“, wie Verdi-Fachbereitsleiterin Jutta Aumüller auf SÜDKURIER-Anfrage ergänzt.

Friedrichshafen/Immenstaad: Hier müssen Familien wohl nicht damit rechnen, vor verschlossenen Türen zu stehen. Nach Auskunft von Sprecherin Andrea Kreuzer wird bei der Häfler Stadtverwaltung im Baubetriebsamt mit Streikmaßnahmen gerechnet. Einschränkungen könne es dadurch beispielsweise im Bereich der Grünpflege und der Stadtreinigung geben. „Grundsätzlich kann der Betrieb aber aufrechterhalten werden“, so Kreuzer. Über Streiks in Kindergärten sei nichts bekannt. Eine Mitarbeiterin der Gemeindeverwaltung in Immenstaad teilte auf Anfrage mit, dass dort mit keinen Warnstreik-Folgen zu rechnen sei. Mitarbeiter der Klinik Tettnang werden einer Mitteilung des Medizin-Campus Bodensee zufolge die Arbeit zwischen 6 und 13.15 Uhr niederlegen. Das werde aber keine Auswirkungen auf die stationäre Versorgung der Patienten haben, der Klinik-Betrieb und die Sicherstellung der Notfallversorgung seien mit der Gewerkschaft schriftlich vereinbart worden.

Markdorf: In Markdorf hingegen werden sich heute die Eltern von Kindergartenkindern private Alternativen einfallen lassen müssen, sollten sie auf die Betreuung ihrer Kleinen angewiesen sein. Alle sechs kommunalen Kindergärten werden bestreikt und sollen geschlossen bleiben, betroffen sind rund 500 Kinder. Eine Notbetreuung wird es nicht geben. Dafür habe man keine Kapazitäten an geschultem Fachpersonal, heißt es aus dem Hauptamt der Stadt. Ein Novum für Markdorf: Erstmals würden alle Erzieherinnen und Erzieher in den Ausstand gehen, sagt Verdi-Mitglied und Erzieher Peter Degenhart.

Salem: Vier von sechs Kindergärten beteiligen sich heute in der Gemeine Salem am Streik. Die Eltern der betroffenen 170 Kinder zeigen größerenteils Verständnis für den Arbeitskampf. Und die Gemeinde bemüht sich, Härtefälle aufzufangen, indem sie eine Betreuung in anderen Horten anbietet und in einer Notgruppe anbietet.

Überlingen: Die Stadtverwaltung ließ gestern Anfragen, ob es in ihrem Bereich Arbeitskampfmaßnahmen gibt, unbeantwortet.