Als Ort für das Interview hat Wolfgang Bigalke ein kleines Café in der Ravensburger Innenstadt vorgeschlagen. Trotz Winterkälte kommt der 67-jährige Richter a.D. mit dem Fahrrad. Nach dem ersten Schluck Kaffee erzählt er gut gelaunt und ausführlich von seinem Leben und der Arbeit.

Ein begeisterter Bastler war er als Junge. Automechaniker wollte er werden. Aber dann studierte Bigalke Jura. 1979 wurde er zum Richter auf Lebenszeit ernannt. Wiederum zehn Jahre später promovierte Bigalke zum Dr. jur. Seit 2014 in Tettnang, hat er als Direktor zum Schluss sogar zwei Jahre verlängert, „weil es mir Spaß gemacht hat“.

Justiz entwickelt sich parallel zu Problemen der Zeit

Auf die Frage nach den größten Veränderungen in 40 Jahren nennt er die Einführung von „forumStar“, eines neuen EDV-Systems zur Erleichterung der Arbeit bei Gericht. Und natürlich die Notariatsreform mit neuen Aufgaben und erheblichem Personalzuwachs. Ansonsten entwickle sich die Justiz parallel zu den Themen und Problemen der Zeit, befindet Bigalke und ergänzt: „Das geschieht kontinuierlich.“

Großes menschliches Leid bei manchen Fällen

„Zivilrichter war meine Berufung“, sagte der ehemalige aktive Volleyballer einmal. Das sei eine interessante, aber auch schwere Tätigkeit. Bigalke spricht von großem menschlichem Leid bei manchen Arzthaftungssachen oder der Arbeit für die Betreuungsrichter, die über die Unterbringung in der Psychiatrie oder Abschaltung lebenserhaltender Maßnahmen entscheiden müssen. „Da ist man ganz nahe an den Menschen dran.“ Dass die Arbeit der Zivilrichter nur selten im Fokus der journalistischen Berichterstattung steht, „darüber bin ich nicht böse.“

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Im „Speckgürtel“ deutliche Zuspitzung bei Mietsachen

Und dann geht es um Bigalkes Spezialgebiet – das Mietrecht. Als Berufungskammer ist das Amtsgericht Tettnang für alle Mietsachen im Bezirk zuständig, von Biberach bis zum Bodensee. Im „Speckgürtel“ von Friedrichshafen habe er in den vergangenen Jahren bei Wohnungseigentums- und Mietsachen eine deutliche Zuspitzung erlebt. Bigalke spricht von sozialem Brennstoff, der zu registrieren sei und dass der Amtsrichter bei Fällen wie fingiertem Eigenbedarf konsequent hinstehen müsse.

Flughafen beschäftigt Amtsgericht „ganz ordentlich“

Vergessen wird meist auch, dass der Flughafen Friedrichshafen das nahegelegene Amtsgericht Tettnang „ganz ordentlich“ beschäftigt. Es geht um Flugentschädigungen, um gelandete Straftäter. Und dann waren da auch die maroden Airlines, die in Insolvenz gingen und viel Arbeit hinterließen.

Großparkplätze „liefern“ mehr als 100 Fälle pro Jahr

Und nicht ganz nebenbei: Friedrichshafen zähle mehr Schadensfälle bei Verkehrsunfällen als Biberach oder Ravensburg. Allein der Parkplatz beim Bodensee-Center und andere Großparkplätze „liefern“ mehr als 100 Fälle im Jahr.

Bigalke: „Aufpassen, dass man das Menschenbild nicht zu negativ sieht“

Zum Schluss spricht Richter Bigalke darüber, dass man aufpassen müsse, „dass man das Menschenbild nicht zu negativ sieht“. Von seinen Kindern höre er da schon ab und zu: „Jetzt sei nicht so sarkastisch.“ Aber dann schwärmt er von der Arbeit im und am Schloss Tettnang und von „richtig guten“ Mitarbeitern. „Und überhaupt habe ich die Arbeit wahnsinnig gern gemacht.“

Freizeit zum Spanisch lernen, reisen und Gitarre spielen

Aber jetzt will er mit Justiz nichts mehr zu tun haben. Er lernt Spanisch in der Volkshochschule, will reisen und wieder Gitarre spielen. Und er hat seiner Frau versprochen, einen neuen Motor in die Vespa einzubauen. Schließlich war er mal ein großer Bastler.

Wolfgang Rittmann neuer Direktor des Amtsgerichts

Mit Wolfgang Rittmann bekommt das Amtsgericht Tettnang seinen Wunschkandidaten als Direktor.

„Humorvoll und empathisch, ein Behördenleiter, der Mitarbeiter motivieren kann.“ So hat Thomas Dörr, Landgerichtspräsident aus Ravensburg, den neuen Direktor des Amtsgerichts Tettnang, Wolfgang Rittmann, bei der Verabschiedung des bisherigen „Schlossherrn“ Wolfgang Bigalke charakterisiert. Dörr erklärte: „Rittmann war der Wunschkandidat der Tettnanger.“ Der Jurist war zuletzt Direktor des Amtsgericht Wangen. Nach Tettnang mitgebracht hat er Peter Pahnke, der sich verstärkt um Jugendstrafsachen kümmern soll. Auch die neue Verwaltungsleiterin Petra Weber kommt aus dem Allgäu in die Monfortstadt.

Die Feierstunde im Rittersaal des Schlosses Montfort war einerseits geprägt von Anerkennung und Lob für die Arbeit des Amtsgerichts Tettnang, das für mehr als 20 000 Einwohner im Bodenseekreis juristische Anlaufstelle bei Zivil- und kleineren Strafsachen ist. Andererseits wurde jedoch auch deutlich angesprochen, dass Tettnang und andere Amtsgerichte im Land mit der Notariatsreform und der Verlagerung von Aufgaben wie für Betreuungs- und Nachlasssachen „eine Mammutaufgabe“ bekommen haben, wie Landgerichtspräsident Dörr sagte und hinzufügte: „Die Verfahrenszeiten dauern noch zu lange. Dies gilt vor allem für Nachlassverfahren.“

Trotz der Aufstockung der Mitarbeiter – Tettnang hat jetzt mit 32 fast doppelt so viele Rechtspfleger wie früher – gebe es landesweit erheblichen Personalbedarf auf dem Gebiet der Rechtspflege, ohne die ein Funktionieren der Gerichte unmöglich wäre.

Aber da hatte Präsident Thomas Dörr zumindest für die Zukunft eine gute Nachricht: Ulm soll eine Außenstelle der einzigen Hochschule für Rechtspflege in Schwetzingen erhalten. Die ersten Studenten könnten im Herbst ihre Ausbildung beginnen, sagte Dörr.

Neben launigen Abschiedsworten von Wolfgang Bigalke und einem humorvollen Schlusswort des neuen Amtsgerichtsdirektors Wolfgang Rittmann trugen der Tettnanger Bürgermeister Bruno Walter, der leitende Oberstaatsanwalt Alexander Boger und Anja Dreyer, die Vorsitzende des Ravensburger Anwaltsvereins, zu der kurzweiligen Feierstunde bei, überstrahlt von drei Balladen der Sängerin Solveig Heim, der Tochter von Wolfgang Bigalke, die eigens aus Hamburg angereist war.