2015 gab der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann den Startschuss für den Planungsprozess zur B-31-Trasse zwischen Meersburg und Immenstaad, vor wenigen Tagen legte das Regierungspräsidium Tübingen seine Vorzugsvariante vor. Das Landesverkehrsministerium sei bereits mit „im Boot“, sagte Projektleiter Matthias Kühnel im SÜDKURIER-Gespräch. Am Ende kommt es jedoch auf die Bewertung des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur an. Denn: Der Bund ist der Bauträger für das Vorhaben.

In Berlin auf dem Tisch liegt die Empfehlung, die Trasse B1 vierspurig zu realisieren. Sie führt bestandsnah von Meersburg kommend südlich an Stetten vorbei, schwenkt nach Norden in den Weingartenwald, verläuft zwischen Reute und Kippenhausen, nördlich an Immenstaad/Siedlung vorbei und schließt am Bauende an die neue Ortsumgehung Friedrichshafen an, die sich derzeit noch im Bau befindet.

Gründe im ersten Quartal 2020

Für die Vorzugstrasse hatte das Regierungspräsidium stets zwei zentrale Merkmale ausgegeben: konfliktarm und rechtssicher. Aus anfänglich mehr als 20 und schließlich zwölf zur Auswahl stehenden Trassen kristallisierte sich die B1 heraus. Regierungspräsident Klaus Tappeser spricht von einem guten Kompromiss zwischen all den hochwertigen Belangen, „die in dieser schönen Landschaft zu berücksichtigen sind“. Was für die Planer und Gutachter den Ausschlag gab, sich für die B1 auszusprechen, erfährt die Öffentlichkeit erst bei Informationsveranstaltungen im ersten Quartal 2020.

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Hier der Versuch einer Deutung unter Berücksichtigung bereits bekannter Fakten: Eine besondere Belastung ergibt sich durch die Südumfahrung für Stetten. Die alte B 31, die für den langsam fahrenden Verkehr im Straßennetz bleiben muss, und die neue Straße werden sich kreuzen. Durch den Ort verläuft zudem die B 33. Mit der B1 wird im Hinterland allerdings die Parallelführung der B 31 und B 33 vermieden, die einen Straßenquerschnitt von etwa 60 Metern sowie zwei größere Verkehrsknoten bedeutet hätte, wie Umweltgutachter Burchard Stocks bei den öffentlichen Terminen im Oktober in Immenstaad erläutert hatte.

Ausnahme vom Artenschutz?

Aus Stettens Süden geht es dann hoch in den Norden und durch den Weingartenwald. Dies ist überraschend, war in Immenstaad doch der Eindruck entstanden, dass der strenge Artenschutz in dem Bereich kaum zu verhandeln sein wird. Im und um den Weingartenwald gibt es im Speziellen Fledermäuse und Gelbbauchunken. Es handelt sich um Vorkommen von teils überregionaler Bedeutung, womit eine Situation vorliegen muss, die an dieser Stelle eine Ausnahme vom strengen Artenschutz zulässt. Diese wäre dem Bundesnaturschutzgesetz zufolge beim Nachweis folgender drei Sachverhalte denkbar: 1. Es gibt zwingende Gründe des überwiegenden öffentlichen Interesses. 2. Zielführende und zumutbare Alternativen fehlen. 3. Die zu erhaltende Population der geschützten Art verschlechtert sich nicht.

Das Regierungspräsidium Tübingen favorisiert die B1 für die Weiterführung der B 31 zwischen Meersburg und Immenstaad.
Das Regierungspräsidium Tübingen favorisiert die B1 für die Weiterführung der B 31 zwischen Meersburg und Immenstaad. | Bild: Südkurier

Aber wieso überhaupt der Schlenker in den Weingartenwald? Vorstellbar ist, dass kostspielige Tunnelbauten bei Hagnau vermieden werden sollen. Denn bei der Immenstaader Siedlung, ein zweiter kritischer Punkt der B1, ist schon ein längerer Tunnel fixiert, wie Projektplaner Matthias Kühnel in einem früheren Gespräch bestätigt hatte – zum Schutz der Anwohner vor Lärm und Schadstoffen. Der Schutz der Weinbaulagen um Hagnau könnte es natürlich auch sein. Doch dann würde sich die Frage stellen, ob die Weinanbaugebiete um Stetten weniger bedeutend sind. Schließlich führt die B1 in dem Areal dort durch, wo bisher Weinreben wachsen.

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Das Heranrücken der Trassen an Immenstaad/Siedlung war bereits bei den Informationsveranstaltungen in Immenstaad begründet worden. Zum einen muss ein FFH-Gebiet geschützt werden, zum anderen wird eine alte Deponie in der Lipbachsenke östlich der L 207 saniert. Auch der Protest der Anwohner, die mehr als 700 Unterschriften gesammelt und den neuen Trassenverlauf der C1.1 abgesteckt hatten, änderte daran bisher nichts.

Bürgermeister: „Bin enttäuscht“

Der Stettener Gemeinderat sowie die beiden örtlichen Verkehrsinitiativen hatten sich für eine Nordumfahrung Stettens ausgesprochen. Bürgermeister Daniel Heß teilt mit: „Ich bin enttäuscht, dass der Wille des Stettener Gemeinderats, die intensive Arbeit in den Arbeitskreisen und der Einsatz und die Aktionen der Interessensgemeinschaften zur Umsetzung einer nördlichen Trassenvariante C1.1 in den Planungen keine Berücksichtigung gefunden haben. Stetten ist massiv vom Verkehr geplagt und die Bürgerinnen und Bürger benötigen dringend Entlastung.“ Bereits in den vergangenen Wochen hätten sich Befürchtungen verdichtet, dass aufgrund der vorliegenden Gutachten „nur noch geringe Chancen bestehen, eine Trassenvariante C1.1 im Norden Stettens zu verwirklichen“.

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Die C1.1 im nördlichen Planungskorridor – insgesamt gibt es drei – hatte sich als höchst problematisch hinsichtlich des strengen Artenschutzes erwiesen. So würde zum Beispiel der Straßenquerschnitt von B 31 und B 33 von rund 60 Metern für Fledermäuse vermutlich zur Quelle für Verletzungen werden – trotz Kollisionsschutzwänden. Diese wären schlicht zu weit auseinander. Bürgermeister Heß bedauert, dass in der Pressemitteilung des Regierungspräsidiums nur die Haupttrasse aufgezeigt werde. Spannend wird seinen Angaben nach nämlich sein, wie die Trasse an das untergeordnete Straßennetz angebunden werde. Die Stettener wünschen sich zum Beispiel eine Entlastung ihrer Ortsdurchfahrt, der B 33, durch einen geeigneten Anschluss an die B 31 im nördlichen Bereich.

Daniel Heß fordert Untertunnelung

Höchste Priorität hat für Heß aber jetzt, „die Bürgerinnen und Bürger Stettens und der weiteren betroffenen Kommunen, mit aller Macht vor schädlichen Immissionen zu schützen und ihnen ein lebenswertes Wohnumfeld zu erhalten.“ Aus seiner Sicht ist dies nur mit einer kompletten Untertunnelung der neuen Trasse plus alter B 31 im Bereich der Wohnbebauung im Stettener Süden möglich. „Lärmschutzwände sind für mich keine Option. Ich erwarte vom Baulastenträger, hier der Bund, die Gelder für den Tunnelbau in ausreichender Form bereit zu stellen“, sagt Heß.

Wie viel Fläche wird verbraucht?

Meersburgs Bürgermeister Robert Scherer schreibt in einer Mitteilung: „Die Stadt Meersburg hat in der Vergangenheit viele Flächen zur Verbesserung der mobilen Infrastruktur abgegeben. Es bleibt nun abzuwarten, wie es beim erforderlichen Flächenverbrauch weiter geht.“ Die Stadt spreche sich auch bei dieser Trasse für einen querschnittsoptimierten und flächenreduzierten Landschaftsverbrauch zum Wohle der Region aus. Zudem appelliert er, die Reduzierung der Immissionen auf Bürger und Natur im Blick zu behalten, damit Meersburg „auch in Zukunft lebenswert bleibt“.

Für Scherer umfasst dies in den weiteren Planungen den Schallschutz mit seinen optischen Beeinträchtigungen sowie die Fährezufahrt, damit die steigenden Verkehrszahlen nicht zu noch stärkeren Belastungen der Stadt und den nachfolgenden Generationen führten. „Man darf nie unsere Verantwortung gegenüber den kommenden Generationen vergessen ebenso wie die Belastungen der Umwelt und des ältesten, unter Denkmal stehenden Ensembles (Altstadt) von BW“, sagt Scherer. Hier führe die B 33 direkt als Fährezubringer vorbei und dürfe in Zukunft nicht untergeordnet betrachtet werden. So sieht es ebenfalls Bürgermeister Daniel Heß: Nicht geregelt werde, aus seiner Sicht, nach wie vor das Problem der Fährezufahrt und deren mögliche Anbindung an die neue Trasse.

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