Vor einem Jahr haben drei eiskalte Frostnächte die Ernte vieler Obstbauern in der Bodenseeregion beinahe vollständig vernichtet. Vom 19. bis zum 21. April 2017 sanken die Temperaturen nachts auf bis zu minus sieben Grad. Die jungen Blüten an den Obstbäumen erfroren, erhebliche Ernteeinbußen waren die Folge. Der größte Schaden entstand im Bodenseekreis.

„Es ist so viel kaputt: Kirschen, Zwetschgen und Birnen sind total erfroren. Bei den Äpfeln sind manche ganz schlecht dran, bei manchen müssen wir sehen, wie sie durchkommen“, hatte Traudl Rauch aus Überlingen kurz nach den Frostnächten gegenüber dem SÜDKURIER gesagt. Ein Jahr später blickt sie zuversichtlich auf die kommende Saison. "Momentan sieht es so aus, dass das eine Top-Ernte werden könnte." Voraussetzung sei natürlich, dass die Temperaturen dieses Jahr stabil bleiben. Das vergangene Jahr sei mit rund 70 Prozent weniger Ertrag für den Obsthof in Überlingen "happig" gewesen. "Die nächste Ernte muss gut werden, sonst haben wir alle ein riesiges Problem", sagt die Landwirtin.

Es spricht alles für eine Vollblüte

Auch wenn derzeit tagsüber Temperaturen über 20 Grad herrschen und nachts das Thermometer um die zehn Grad anzeigt, kann Janina Wendling vom Wetterkontor noch nicht vollständig Entwarnung geben: "Grundsätzlich können wir natürlich nicht ausschließen, dass es noch Frostnächte geben wird. Die berüchtigten Eisheiligen im Mai liegen noch vor uns." In den nächsten Tagen deute allerdings nichts auf einen dramatischen Einbruch der Temperaturen hin. Hoch Norbert sorge für schönes Wetter und das werde zunächst auch so bleiben. Die Temperaturen sollen weiter in Richtung 30-Grand-Marke steigen. Wechselhafter könne die kommende Woche starten.

Die Blüten an einem Obstbaum im April 2018. Momentan liegen die Temperaturen nachts meist um die zehn Grad. In den nächsten Tagen deutet nichts auf einen dramatischen Einbruch der Temperaturen hin. Aber: "Die berüchtigten Eisheiligen im Mai liegen noch vor uns", so Janina Wendling vom Wetterkontor.
Die Blüten an einem Obstbaum im April 2018. Momentan liegen die Temperaturen nachts meist um die zehn Grad. In den nächsten Tagen deutet nichts auf einen dramatischen Einbruch der Temperaturen hin. Aber: "Die berüchtigten Eisheiligen im Mai liegen noch vor uns", so Janina Wendling vom Wetterkontor. | Bild: Fabiane Wieland

Für Eugen Setz von der Obst vom Bodensee Marketinggesellschaft spricht nach dem schwachen Jahr 2017 in diesem Jahr alles für eine Vollblüte. Momentan sei ein Kälteeinbruch nicht zu befürchten, man könne diesen aber auch nicht ausschließen. Erneuter Frost würde die Landwirte nach seiner Einschätzung ebenso treffen wie im vergangenen Jahr. Da sind wir im Grunde noch gar nicht weitergekommen. Die Frostschutzberegnung stecke noch in der Anfangsphase. "Da gibt es keine schnellen Lösungen." Auch Alexander Buhl vom Obstbauverein Bodensee sieht hier noch Nachholbedarf: "Die Versorgung mit Wasser zur Frostschutzberegnung ist momentan aufgrund langer Genehmigungsverfahren und hoher Umweltauflagen nicht gelöst."

"100 bis 140 Äpfel pro Baum sind ideal"

Die Blüten bei Kern- und Steinobst werden bereits im Vorjahr gebildet. Aus diesem Grund konnten nach dem Frost im vergangenen Jahr keine neuen Blüten nachwachsen. Allerdings hat nach Angaben von Alexander Buhl die fehlende Frucht am Baum für einen Hormonhaushalt gesorgt, der die Bildung neuer Blüten in diesem Jahr sehr begünstigt. "Je nach Ausfall 2017 wird es folglich 2018 eine maximale Blüte geben", erläutert Buhl. Eine gut versorgte Blüte und gute Blühbedingungen seien die Grundvoraussetzungen für viele Früchte.

Daraus könnten sich aber auch Probleme ergeben: "Die Bäume verausgaben sich durch die vielen Früchte und bilden zu wenige oder zu schwache Blütenanlagen für 2019. Auch bleiben die Früchte bei Überbehang kleiner und können schlechter mit Nährstoffen versorgt werden." Daher wird die Anzahl der Blüten am Baum vom Obstbauern ausgedünnt. "Das Ziel ist, einen optimalen Behang herzustellen."

Dadurch werden die Früchte qualitativ hochwertig und der Baum hat genug Kraft, um für das Folgejahr gesunde Blüten zu bilden. "100 bis 140 Äpfel pro Baum sind ideal", sagt hierzu Manfred Büchele, Geschäftsführer des Kompetenzzentrums Obstbau Bodensee in Bavendorf.

Blütenfrost unwahrscheinlich

Weil momentan hohe Nachttemperaturen vorhergesagt sind, ist aus Sicht von Alexander Buhl ein Blütenfrost unwahrscheinlich. "Aber es gab auch schon die Situation im Heilbronner Raum 2011, als durch intensiven Strahlungsfrost nach der Blüte die schon kleinen Früchte vollständig erfroren sind. Ebenso gefährlich für die Ernte können im Laufe des Sommers Unwetter, Hagel und lange Trockenheit sein."

Manfred Büchele geht in diesem Jahr ebenfalls von einer besonders intensiven Blüte aus. "Das heißt allerdings noch nicht automatisch, dass wir auch eine gute Ernte bekommen", erklärt der Experte. Nicht nur Frost könne ein Problem darstellen, auch auf das Blühwetter komme es an. Hier sei insbesondere Dauerregen ein negativer Faktor. Kirsch- und Birnbäume blühen derzeit bereits. "Und spätestens am Wochenende werden bei den anhaltend warmen Temperaturen auch die Apfelbäume folgen", ist sich Büchele sicher.

 

Lagerbestände

Noch bis Ende des Monats werden die Apfelbestände vom Bodensee in den Lagern reichen. Wie Eugen Setz, Geschäftsführer der Obst vom Bodensee Marketinggesellschaft, erklärt, werden Äpfel von der Sorte Golden Delicious noch etwa zwei Wochen verfügbar sein. Die Bestände bei Gala Royal oder Pinova werden seinen Angaben zufolge noch rund drei Wochen reichen. "Dann sind wir bei den Äpfeln vom Bodensee bis auf kleine Restbestände durch", betont Setz. Nach den gravierenden Ernteeinbußen durch Frostschäden im vergangenen Frühjahr endet die Vermarktungszeit damit deutlich früher als sonst. "In der Regel haben wir noch Apfelbestände aus der vorangegangenen Saison bis zu den ersten Pflückungen der Frühsorten Anfang August", erläutert Eugen Setz.