Der Trend ist im ganzen Land zu spüren, in der Region Bodensee-Oberschwaben sogar noch etwas mehr: Rund 57 Prozent aller Firmengründer starteten nach Angaben der Industrie- und Handelskammer Bodensee-Oberschwaben (IHK), zu der die Landkreise Ravensburg, Sigmaringen und der Bodenseekreis gehören, 2017 ihr Unternehmen nebenberuflich. Landesweit waren es etwa 53 Prozent. Auch die vier Gründer des Kressbronner Unternehmens "JayKay" haben vor vier Jahren so angefangen. Wir haben uns bei ihnen umgehört, wie ihnen der Weg vom Teilzeit-Start-up zum Unternehmen mit vier Vollzeitangestellten gelang und haben bei der IHK nachgefragt, warum Gründungen im Nebenerwerb derzeit im Trend liegen.

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Absicherung durch Festanstellung

Für Jürgen Kuhn, bei der IHK Bodensee-Oberschwaben zuständig für Gründung, Finanzierung und Unternehmensnachfolge, liegt ein wesentlicher Vorteil einer Gründung im Nebenerwerb darin, dass man erst mal testen könne, ob eine Geschäftsidee tragfähig sei. Parallel habe man noch immer seine Festanstellung mit geregeltem Einkommen. Verlaufe die Gründung erfolgreich, könne der Gründer später aus seinem Neben- einen Hauptberuf machen. Ganz einfach sei das jedoch nicht: "Als Nachteil ist auf jeden Fall zu nennen, dass eine Selbstständigkeit stets mit zusätzlicher Arbeit verbunden ist, welche neben einer Festanstellung geleistet werden muss", sagt Kuhn.

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Anfänge im Homeoffice

Eines der vielen Unternehmen, das in der Bodenseeregion im Nebenerwerb gegründet wurde, ist "JayKay": Das sind vier Kressbronner im Alter zwischen 31 und 38 Jahren, die vor vier Jahren begonnen haben, neben dem Studium oder dem Beruf Elektroantriebe für Longboards zu entwickeln. "Vor vier Jahren entstand die Idee, dass es doch möglich sein muss, ein Longboard mit einem quasi versteckten Elektroantrieb in den Achsen auszustatten", erzählt Isabell Armbruster von den Anfängen. Zuerst habe jeder der vier Gründer in seinem Homeoffice an der Realisierung ihrer Ideen gearbeitet. Neben Isabell Armbruster sind das Marius Martin sowie die beiden Elektroingenieure Daniel Jäger und Benedict Kuhlmann.

Elektroingenieur Daniel Jäger ist einer der vier Gründungsmitglieder von "JayKay". Die Firma entwickelt in Kressbronn ektrifizierte Longboardachsen.
Elektroingenieur Daniel Jäger ist einer der vier Gründungsmitglieder von "JayKay". Die Firma entwickelt in Kressbronn ektrifizierte Longboardachsen. | Bild: Susanne Hogl

Schwierige Finanzierung

"Als wir die ersten Achsen entwickelt hatten und es darum ging, dass wir mehr daraus machen wollen, haben wir rasch gemerkt, dass das gar nicht so einfach ist", erinnert sich Isabell Armbruster, die früher als Projektmanagerin tätig war. So sei es trotz eines guten Businessplans nicht möglich gewesen, für die Firmengründung einen Kredit bei einer Bank zu bekommen. "Wir sind bei ein paar Banken gewesen und haben gesagt bekommen, dass das Produkt zu riskant sei", erzählt Armbruster.

Investor als Lösung

Allen, die nach einigen Jahren im Nebenerwerb aus ihrem Start-up ein Unternehmen in Vollzeit machen wollen, raten die Gründungsmitglieder von "JayKay", in erster Linie hartnäckig und optimistisch zu bleiben. "Wir waren uns immer sicher, dass unsere Idee wirklich gut und innovativ und eine echte Marktlücke ist", sagt Armbruster. Seit einem Jahr arbeiten die vier Gründungsmitglieder von "JayKay" hauptberuflich für das Unternehmen und haben sogar noch zwei Mitarbeiter auf 450-Euro-Basis für die Firma angestellt. Außerdem arbeiten ein paar Freiberufler für "JayKay". "Der Sprung dazu war aber nur möglich, weil wir einen Investor gefunden haben, der uns unterstützt und aus der E-Mobilitätsbranche kommt," erzählt Armbruster.

Im Kressbronner Industriegebiet Heidach entwickelt das Team von "JayKay" elektrifizierte Achsen für Longboards.
Im Kressbronner Industriegebiet Heidach entwickelt das Team von "JayKay" elektrifizierte Achsen für Longboards. | Bild: Susanne Hogl

Preise für die Gründer

Der Erfolg gibt ihnen recht: Inzwischen haben sie auf den von ihnen entwickelten Elektroantrieb sogar ein Patent. "Natürlich haben wir auch Konkurrenz und andere produzieren günstiger, aber unsere Achsen sind mit rund fünfeinhalb Kilogramm leichter als andere", ist Armbruster von ihrem Produkt überzeugt. Die Reichweite des E-Antriebs beträgt bis zu 15 Kilometer und die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 30 Stundenkilometern. Der Fahrer steuert den Antrieb mithilfe einer winzigen Fernsteuerung, die er am Finger trägt. Für ihre Erfindung haben die Gründer bereits Preise wie etwa den "German Design Award" gewonnen. Der Markt für ihre Longboards liegt nach Aussage von Isabell Armbruster hauptsächlich in den USA, Skandinavien und Australien. Das liege daran, dass es in Deutschland nicht erlaubt sei, mit den elektrifizierten Longboards auf öffentlichen Wegen zu fahren.

Weitere Produkte in Planung

Seit einem Jahr hat "JayKay" auch eigene Büro- und Werkstatträume im Kressbronner Industriegebiet Heidach. Dort werden die Antriebe gebaut und in die sogenannten Decks montiert. Für die Zukunft haben sich die Unternehmer viel vorgenommen: "Wir hoffen, dass wir im kommenden Jahr 150 Antriebe verkaufen. Das Ziel liegt bei 500 Stück, wobei wie nebenher auch schon Ideen für Wassersportgeräte mit E-Antrieb entwickeln", verrät Armbruster.

Informationen im Internet:
http://www.jaykay-sport.de

Vorteile von Kleingründungen

  1. Geringeres Risiko: Wer (zunächst) allein in die Selbstständigkeit startet, kann nach Angaben der IHK Bodensee-Oberschwaben feststellen, ob seine Geschäftsidee trägt und ein Markt für das Produkt oder die Dienstleistung vorhanden ist. Und das ohne große Kostenbelastungen und Verantwortung für angestellte Mitarbeiter.
  2. Geringerer Kapitalbedarf: Wer klein anfängt, kann dies in der Regel auch aus dem eigenen Geldbeutel finanzieren und ist unabhängig von Kreditinstituten und Sicherheiten für Kredite.
  3. Guter Test: Viele Gründer befürchten, dass ihr Einkommen aus der Unternehmertätigkeit zu gering ist, um den eigenen Lebensunterhalt zukünftig allein davon zu sichern. Mit einer Nebenerwerbs- oder Teilzeitgründung und der Sicherheit weiterer feste Einkünfte kann man zunächst einfach testen, ob mehr möglich wäre und ob man für die Selbstständigkeit geeignet ist.
  4. Genug Zeit: Nicht jeder Gründer hat die Zeit, um ein Unternehmen in Vollzeit zu führen. Dies betrifft nicht zuletzt Gründer, die für ihre Kinder sorgen müssen. Für Nebenerwerbs- oder Teilzeitgründungen reicht die Zeit womöglich schon, vor allem dann, wenn ein Unternehmen mit anderen Gründern zusammen betrieben wird.
  5. Mehr Geld: Eine Nebenerwerbsgründung kann auch dazu genutzt werden, um ein festes Einkommen aus einer Angestelltentätigkeit aufzubessern.

Quelle: Industrie- und Handelskammer