Bodenseekreis/Lindau – Auch bei der Deutschen Bahn ist inzwischen klar: Wer wettbewerbsfähig bleiben möchte und mehr Reisende von der Straße auf die Schiene bringen will, muss schneller werden. Aus diesem Grund investiert die Bahn alleine in die Elektrifizierung der Strecke Lindau – München in den kommenden Jahren rund 440 Millionen Euro und weitere 220 Millionen für die Südbahn. Ebenfalls wird nach und nach die Strecke der sogenannten Südbahn zwischen Lindau, Friedrichshafen und Ulm ausgebaut und elektrifiziert und Lindau erhält mit dem Bahnhof in Reutin einen neuen Bahnhof, der den alten Sackbahnhof auf der Lindauer Insel fast zur Gänze ersetzen soll.

Los ging es für beide Projekte am 23. März. Der Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur, Andreas Scheuer, sagte zum Baubeginn: "Wir modernisieren zwei wichtige Verkehrsachsen in der Region Oberschwaben/Allgäu – starke Impulse für die Elektromobilität auf der Schiene. Mit den Ländern Bayern, Baden-Württemberg und der Schweiz investieren wir rund 660 Millionen Euro." Die Verbindungen würden attraktiver, die Fahrzeiten kürzer, die Luft sauberer. Das seien große Schritte hin zum Ziel, in den kommenden sieben Jahren 70 Prozent des Schienen-Netzes in Deutschland zu elektrifizieren, sagte Scheuer weiter. "Unser Kurs ist klar: Wir wollen die Fahrgast-Zahlen bis 2030 verdoppeln. Dafür brauchen wir eine pünktliche Bahn mit gutem Service und hoher Qualität."

50 Kilometer Oberleitungen

Dass auf Bayerns längster Bahnbaustrecke für die Elektrifizierung der Strecke Lindau-München alles nach Plan läuft, zeigt jetzt die Halbzeitbilanz: Nach drei Monaten Bauzeit sind bereits 50 Kilometer Oberleitungen errichtet und 45 Kilometer neue Schienen verlegt worden. Auf der 157 Kilometer langen Strecke erneuert die Deutsche Bahn Gleise, passt Bahnübergänge und Brücken an, saniert Dämme und Überführungen, installiert neue Stellwerkstechnik und errichtet Oberleitungen, damit sich Ende 2020 die Fahrzeit nach Zürich für die rund 300 Kilometer lange Strecke auf dreieinhalb Stunden verringert. Derzeit beträgt die Fahrzeit rund viereinhalb Stunden.

Konkret wird nach Abschluss der Arbeiten in vielen Abschnitten eine Geschwindigkeit von 160 Kilometer pro Stunde ermöglicht. Heute gilt in weiten Teilen ein Tempolimit von 80 bis 140 km/h. Damit zählt diese Verbindung zu den langsamsten im Fernverkehrsnetz der Bahnen in Europa – das muss die Bahn selbst eingestehen. Im westlichen Teil des diesjährigen Baustellenbereiches zwischen Memmingen und Leutkirch stehen Arbeiten an Bahnübergängen im Vordergrund. Die Tiefbauarbeiten sind an elf Stellen bereits abgeschlossen. Im Bereich von Aitrach folgen im August zwei weitere Bahnübergänge. In Tannheim, Aichstetten und Kißlegg haben Bahnbauarbeiter neue Stellwerkstechnik und Signalanlagen installiert. Teilweise laufen noch Kabelarbeiten.

Neuer Durchgangsbahnhof im Stadtteil Reutin

In Lindau wird im Rahmen eines eigenständigen Projekts ein neuer Durchgangsbahnhof im Stadtteil Reutin errichtet. An diesem werden in Zukunft auch die Fernzüge zwischen München und Zürich halten. Der zeitraubende Fahrtrichtungswechsel am heutigen Kopfbahnhof kann somit entfallen. Bis zum Fahrplanwechsel Ende 2020 sollen die Züge dann zum neuen Bahnhof fahren. Dort will die Stadt auch ein großes Parkhaus errichten. Der Inselbahnhof bleibt erhalten und wird weiterhin für den Regionalverkehr genutzt. Dafür sind sechs der bisher acht Bahnsteiggleise vorgesehen, die anderen beiden werden zurückgebaut. Die Abstellanlagen westlich des Bahnhofs sowie die bestehende Tankanlage werden nach Reutin verlagert. Alle künftig bestehenden Gleise werden elektrifiziert. Auch das denkmalgeschützte Empfangsgebäude bleibt erhalten. Für die Autofahrer, die auf die Lindauer Insel wollen, gibt es schon jetzt eine Unterführung, eine zweite soll bald folgen.

Streckengeschwindigkeit bereichsweise auf 160 km/h erhöht

Doch damit nicht genug: Auch die Strecke von Lindau über Friedrichshafen nach Ulm wird im Projekt Südbahn elektrifiziert. Für die Elektrifizierung werden auf rund 100 Kilometern der Südbahn zweigleisig und auf rund 25 Kilometern der Bodenseegürtelbahn eingleisig Masten errichtet und Oberleitungsanlagen installiert. Dabei müssen auch Eisenbahn- und Straßenüberführungen angepasst werden, zum Beispiel werden Gleise abgesenkt. Sobald die Bauarbeiten beendet sind, soll zwischen Bodensee und Stuttgart ein umsteigefreies Reisen möglich sein. Außerdem wird die Streckengeschwindigkeit bereichsweise auf 160 km/h erhöht.

Für die Elektrifizierung werden auf rund 120 Kilometer zwischen Ulm und Friedrichshafen und weiter bis Lindau 4000 Masten errichtet und 250 Kilometer Oberleitung verlegt. An 35 Straßenüberführungen und 38 Bahnübergängen wird gearbeitet, Gleise werden abgesenkt und Stützmauern gebaut. Drei Straßenbrücken sowie zwei Geh- und Radwegverbindungen werden neu gebaut. Das Projekt gliedert sich in fünf Planfeststellungsabschnitte, die an den einzelnen Landkreisen orientiert sind.

Fakten zum Projekt Elektrifizierung der Südbahn:

  • Für die Elektrifizierung werden nach Angaben der Deutschen Bahn auf der 100 Kilometern langen zweigleisigen Südbahn und auf der 25 Kilometern langen eingleisigen Bodenseegürtelbahn rund 4000 Masten errichtet und rund 300 Kilometer Oberleitung verlegt. Dabei werden auch Eisenbahn- und Straßenüberführungen angepasst und Arbeiten am Gleisoberbau ausgeführt. Es werden drei Straßenüberführungen, zwei Geh- und Radwegverbindungen und eine Eisenbahnüberführung neu gebaut.
  • Die Gesamtstrecke ist in vier Bauabschnitte eingeteilt: Abschnitt Ulm-Laupheim West, Abschnitt Laupheim West-Aulendorf, Abschnitt Aulendorf-Friedrichshafen, Abschnitt Friedrichshafen-Lindau. Für die beiden Bauabschnitte Aulendorf-Friedrichshafen und Friedrichshafen-Lindau sind 2018 keine Bauarbeiten geplant
  • Erhöhung der Streckengeschwindigkeit bereichsweise von 140 km/h auf 160 km/h.
  • Die Arbeiten in allen vier Bauabschnitten werden im Jahr 2021 abgeschlossen sein.
  • Die Gesamtinvestitionen (Preisstand 2015) liegen bei rund 222 Millionen Euro.
  • Elektrifizierung Lindau-München: Gleiserneuerung auf 157 Kilometern. Binnen 20 Tagen haben 160 Bauarbeiter sieben Weichen und acht Signale erneuert und 35 Kilometer Kabel verlegt. 30 000 Tonnen Boden wurden ausgehoben und 21 000 Tonnen Altschotter ausgebaut. Die Züge können künftig mit 160 km/h statt bisher ist 100 km/h fahren. Die Fahrzeit von München nach Zürich soll ab Ende 20120 dreieinhalb Stunden betragen. (hog)