Dumpf dringen die Geräusche ins Innere des Autos. Ein Gefühl von Taubheit macht sich in den Ohren breit, die Luft ist stickig, bis schließlich die Druckwellen im Wageninneren für unglaubliche Erschütterungen sorgen. Die Karosserie zittert, die Scheiben beben in den Rahmen, das Herz schlägt gegen den Bass an und die Lungen ringen nach Luft. "Es ist ein unbeschreibliches Gefühl", schwärmt Corinne Champion, als sie atemlos aus dem schwarzen Citroen steigt, der die Französin gerade mit 150 Dezibel beschallt hat.

Lauter als ein Düsenjet

Auf der Automesse Tuning World Bodensee, auf der wieder 100 000 Besucher erwartet werden, ist die Halle B 4 schon von Weitem zu hören. Hier findet die db-Drag-Challenge statt, bei der in 16 verschiedenen Klassen das lauteste Auto gekürt wird. Die Regularien sind streng: In jedem teilnehmenden Fahrzeug wird dieselbe Mess-CD abgespielt. 30 Sekunden lang wird bei geschlossenen Türen die Lautstärke ermittelt. Gesprungene Scheiben oder Risse in der Karosserie führen zur Disqualifikation. Wer in seiner Klasse die höchsten Messwerte erreicht, gewinnt den Wettbewerb. "Ab 120 Dezibel fangen wir an zu messen. Nach oben gibt es keine Grenze", erklärt Schiedsrichter Mateusz Dolny.
 

Das Besondere: Obwohl die Autos Lautstärken von über 150 Dezibel erreichen, ist vergleichsweise wenig zu hören. Das liegt an der Frequenz. Alles was unter 20 Hertz liegt, ist vom menschlichen Gehör nicht mehr wahrnehmbar. In diesem Bereich bewegen sich die meisten Challenge-Teilnehmer. Wie laut die Anlage wirklich ist, macht sich an den durch die Druckwellen verursachten Schwingungen bemerkbar.

Einer der Organisatoren des db-Drag ist Thomas Kunzmann. Für ihn geht es bei dieser Art von Tuning um die Liebe zum Bass. Der Reiz liege in der Herausforderung. "Es geht darum, die Grenzen der Physik auszuloten und dann zu überschreiten", sagt Kunzmann. Jedes Fahrzeug ist als Resonanzkörper unterschiedlich. Beim Lautstärke-Tuning gehe es darum, die Anlage und die Karosserie so in Einklang zu bringen, dass besonders viele Schallwellen entstehen könnten.

Ein Auto, das nicht fahren kann

Über 100 Tuner aus sechs Nationen nehmen an den drei Wettkämpfen teil, die während der Tuning World Bodensee stattfinden. Einer von ihnen ist Christof Vantstaen, alias Super Stany. Sein gelber Opel Kadett hat zwar schon 17 Jahre auf dem Blech, ist aber mit 175 Dezibel der absolute Schallwellen-Champion. Um diesem Druck standzuhalten, musste Stany den Kadett mit 3,5 Zentimeter dicken, kugelsicheren Scheiben ausstatten. Die gesamte Karosserie ist von innen mit einem Zentimeter dickem Stahl verkleidet. Damit die Türen zu bleiben, werden sie mit daumendicken Bolzen verschlossen. Sitze, Lenkrad, Schaltknüppel und Pedale mussten der Lautstärke weichen. "Wenn ich ihn fahren wollen würde, müsste ich ihn aufschweißen und kurzschließen", sagt der Belgier lachend. Im Jahr 2000 gewann Stany mit seinem getunten Opel die Europäische db-Drag-Meisterschaft in Stuttgart. 16 Batterien versorgten die acht Verstärker und zwei Subwoofer mit 56 000 Watt Energie. Kostenpunkt: 35 000 Euro. Zeitaufwand: "Zu viel", gesteht der Tuner. Die 174,9 Dezibel, die Stany zum Sieg verhalfen, übertreffen die Lautstärke eines startenden Düsenjets, der auf schlappe 150 Dezibel kommt.



Bei den Besuchern der Tuning World gehen die Meinungen über den db-Drag auseinander. Mit leuchtenden Augen betrachtet Kim Miozzari einen vom Druck bebenden Fiat Panda. "Das ist einfach geil. Ich liebe Bass und das hier ist genau meins." Anders empfindet der Markdorfer Wolfgang Heese die Vorstellung: "Der Krach ist absolut fürchterlich." Die Dezibel-Jünger kümmert das wenig. Bis zum morgigen Ende der Messe wollen sie weiter die Halle beben lassen.


Gesundheit und Gesetz

Wie bei anderen Formen des Tunings ist auch die Manipulation der Lautstärke nicht ungefährlich.

  • Die Straßenverkehrsordnung setzt im Paragraf 23 klare Grenzen. Die Lautstärke darf während der Fahrt nur so hoch sein, dass die Geräusche des Umfelds, wie beispielsweise Sirenen, wahrgenommen werden können. Innerorts gilt die jeweilige Polizeiordnung
  • Herz, Lunge und Gehör sind bei starken Druckwellen einer hohen Belastung ausgesetzt. Die Schmerzgrenze des menschlichen Ohrs liegt bei 130 Dezibel. Ab 85 Dezibel wird Gehörschutz empfohlen.