Nur in München ist das Armutsrisiko geringer als am Bodensee: Die Region Bodensee-Oberschwaben liegt mit einer Quote von 9,1 bundesweit auf Rang zwei. Von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht gilt, wer über weniger als 60 Prozent eines statistisch berechneten Durchschnittseinkommens verfügt. Das gute Abschneiden der Bodenseeregion liegt nach Angaben der Experten vor allem an der guten Beschäftigungssituation.

Agentur für Arbeit: 8000 freie Stellen zeugen vom Fachkräftemangel

Mit einer Arbeitslosenquote von 2,2 Prozent lag der Bodenseekreis im Oktober weit unter dem Bundesdurchschnitt von 4,9 Prozent. Das Stellenangebot ist gut: Die Agentur für Arbeit Konstanz-Ravensburg verzeichnete Ende März in ihrem Gesamtbereich fast 310 000 Beschäftigte, das sind 34 000 mehr als vor fünf Jahren. "Wir haben in der Region einen weitgefächerten Branchenmix, von Landwirtschaft über Gesundheit und Tourismus bis zu Metall- und Elektroindustrie. Und wir haben Firmen jeglicher Größe, von kleinen Familienbetrieben bis zu Global Playern, das sorgt für Stabilität", sagt Walter Nägele, Pressesprecher der Agentur für Arbeit. 8000 freie Stellen zeugten vom Fachkräftemangel, die Region ist seit Jahren ein Zuzugsgebiet.

Viele gut ausgebildete Frauen berufstätig

Auch andere Statistiken signalisieren Wirtschaftspotenzial: Beim Innovationsindex, gemessen vom Statistischen Landesamt, liegt der Bodenseekreis seit Jahren auf Rängen zwischen zwei und fünf. Ein mit gut 27 Prozent relativ hoher Anteil von Frauen, die mit 35 Jahren oder später ihr erstes Kind bekommen, deutet auf die starke Erwerbsbeteiligung gut ausgebildeter Frauen hin.

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Aber: 2650 Menschen arbeitslos gemeldet

Trotzdem ist auch in dieser Region jeder Zehnte von Armut bedroht. "2650 Menschen sind arbeitslos gemeldet, das sind 2650 Menschen, die nicht wissen, ob sie ihre Rechnungen weiter bezahlen können", sagt Agentursprecher Walter Nägele. Dazu kommen Menschen, die Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch 2 beziehen, landläufig Hartz IV genannt.

Gut 2300 Kinder und Jugendliche von leben von Hartz IV

Allein im Bodenseekreis waren das 2017 insgesamt 5906 Menschen, darunter 2308 Kinder und Jugendliche unter 25 Jahren. Wegen zu niedriger Renten erhalten weitere 1151 Menschen die Grundsicherung im Alter. Die Daten des Statistischen Landesamtes zeigen, dass es Gruppen mit höherem Armutsrisiko gibt. Zu diesen gehören vor allem Alleinerziehende mit Kindern unter 18 Jahren, Erwerbslose und Personen mit niedrigem Bildungsstand.

In den DRK-Kleiderläden können sich Menschen günstig mit Second-Hand-Bekleidung eindecken.
In den DRK-Kleiderläden können sich Menschen günstig mit Second-Hand-Bekleidung eindecken. | Bild: Corinna Raupach

Tafelläden, Kleiderläden, Fairkaufhaus, Teestube

Eine wohlhabende Region kann bestimmte Härten abfedern: Die Arbeitsagentur hat Geld zur Verfügung, um Weiterbildungen und Umschulungen zu zahlen. In den durch Spenden bestückten Tafelläden in Überlingen, Tettnang, Markdorf und Friedrichshafen können Menschen mit geringem Einkommen günstig Lebensmittel kaufen, die Kleiderläden vom Roten Kreuz in Überlingen, Uhldingen-Mühlhofen und Friedrichshafen bieten Second-Hand-Mode für kleines Geld. Im Fairkaufhaus der Caritas in Friedrichshafen gibt es Waren aus zweiter Hand, vom Kinderbuch bis zum Esstisch, und in der Häfler Teestube Kaffee, Tee und Brötchen.

Fördervereine der Schulen unterstützen Fahrten

Die Fördervereine der Schulen sind gut aufgestellt: Sie springen ein, wenn etwa das Schullandheim oder die Studienfahrt nach Rom nicht finanzierbar ist. Der Landkreis bemüht sich durch ein Netz früher Hilfen um die Begrenzung der Kinderarmut.

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Die Stadt Überlingen hat den Aufbau einer niederschwelligen Sozialarbeit beschlossen und finanziert über den Sozialpass die Nutzung des Stadtbusses und der Stadtbibliothek oder die Mitgliedschaft in einem Verein.

In Friedrichshafen hilft Zeppelin-Stiftung

In Friedrichshafen bezuschusst die Zeppelin-Stiftung Menschen, die Hilfe benötigen. Andererseits ist Armut in einer wohlsituierten Gegend für die Betroffenen schwer zu ertragen. "Ich beobachte viel Scham, die Menschen ziehen sich zurück und gehen nicht mehr nach draußen", sagt Ulrich Föhr, Stadtdiakon in Friedrichshafen.

Ulrich Föhr, Stadtdiakon in Friedrichshafen, kennt viele Menschen, die jeden Cent umdrehen, damit das Geld bis zum Monatsende reicht.
Ulrich Föhr, Stadtdiakon in Friedrichshafen, kennt viele Menschen, die jeden Cent umdrehen, damit das Geld bis zum Monatsende reicht. | Bild: Corinna Raupach

Stadtdiakon: Familien, Rentner, psychisch Kranke suchen Hilfe

Zu ihm kommen die, die trotz staatlicher Hilfen nicht mehr weiterwissen. "Ich kenne viele, für die ist jeder Tag ein Kampf ums Überleben. Sie drehen jeden Cent um, damit es bis zum Monatsende reicht, und hoffen, dass nichts kaputt geht." Zu ihm kommen Familien, denen das Geld für eine neue Waschmaschine fehlt, Rentner, die wegen einer kleinen Rentenerhöhung kein Wohngeld bekommen, psychisch Kranke, die es wegen Ängsten bei keiner Arbeitsstelle aushalten. Wer mehrfach kommt, schleppt oft auch mehrere Probleme mit sich herum: Zu Arbeitslosigkeit kommen zum Beispiel Krankheit, Schulden, Trennung oder Sucht. Ulrich Föhr hört den Menschen zu, berät und begleitet sie und kann mit den Mitteln aus "Häfler helfen" konkrete Hilfe in Notfällen leisten.