Die Drachenköpfe waren beim Gerüstbau nicht eingeplant. Seit Jahrhunderten fungieren sie als Wasserspeier am Kirchturm in Sipplingen. Jetzt sind sie saniert und sollten zurück an ihren alten Platz. Aber das Baugerüst versperrte den Zugang zum alten Platz. Architektin Corinna Wagner-Sorg beriet sich mit Handwerkern, verschickte Handy-Fotos und entschied schließlich: „Baut das Gerüst ab, so weit es geht, aber lasst die Sicherung an den Seiten, damit niemand beim Montieren runterfällt.“

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Bei der Sanierung von Denkmälern gibt es keine Standardsituationen. „Jedes Haus hat seine eigene Geschichte, jeder Kirchturm seine eigenen Themen", sagt sie. Der Kirchturm in Sipplingen etwa verlor bei jedem Sturm Dachziegel. „Wir mussten den ganzen Dachstuhl sanieren. Weil Wasser eingedrungen ist, waren Teile der Holzbalken verfault“, sagt Wagner-Sorg. Jetzt wird das Holz durch eine Metallschicht vor Wasserschäden bewahrt. Soweit vorhanden, verwendet sie die alten Dachziegel weiter, die neuen hat sie einzeln brennen und glasieren lassen. Der Turm bekam einen neuen Anstrich, Glockenstuhl und Treppen sind renoviert, Spitze und Uhr leuchten in frischem Blattgold.

Umbau und Sanierung des Rebleutehauses in Sipplingen: Das Projekt wurde mit dem Denkmalschutzpreis des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet.
Umbau und Sanierung des Rebleutehauses in Sipplingen: Das Projekt wurde mit dem Denkmalschutzpreis des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. | Bild: Corinna Raupach

Für Jozsef Biró, Pfarrer der Seelsorgeeinheit Sipplingen, war es nie eine Frage, bei der Renovierung des Turms den Denkmalschutz zu berücksichtigen. „Unsere Kirche mit ihrem Turm ist ein Schatz, nicht nur für die Gemeinde. Sie ist ein Wahrzeichen des Dorfes. Das muss man bewahren, das ist ein Muss“, sagt er. An den Sanierungskosten von über einer Million beteiligen sich neben der Kirche auch die Kommune und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz.

Nicht jeder Bauherr ist über Denkmalstatus glücklich

Doch nicht jeder Bauherr ist über den Denkmalstatus so glücklich. Matthias Schedler leitet das Amt für Kreisentwicklung und Baurecht im Landratsamt, eine der unteren Denkmalschutzbehörden im Kreis. "Wenn Sie ein Denkmal besitzen, müssen Sie für jede Veränderung eine denkmalrechtliche Genehmigung einholen", sagt er.

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Manchen Besitzer musste er schon mit Verfügungen dazu bringen, sein Denkmal nicht verfallen zu lassen. Den Schutzstatus legt das Landesamt für Denkmalpflege fest, erklärt Désirée Bodesheim, Pressereferentin im Regierungspräsidium Stuttgart: "Bei Kulturdenkmalen wird nicht entschieden, ob sie dies sind oder nicht, sondern die Denkmaleigenschaft einer Sache wird durch mehrfache eingehende Prüfung der Fachleute festgestellt. Die Denkmaleigenschaft wohnt einem Denkmal inne."

Spaß an vielfältigen Herausforderungen

Corinna Wagner-Sorg hat sich früh entschieden, sich auf Denkmalschutz zu spezialisieren. "Ich möchte die Werte, die mit so viel Liebe gebaut wurden, erhalten. Ich lerne bei jedem Objekt, von jedem Bauforscher, Restaurator oder Denkmalpfleger dazu", sagt sie. Ihr machen die vielfältigen Herausforderungen Spaß: Mal darf nur eine bestimmte Farbe aufgebracht werden, weil sonst das Fachwerk darunter leidet. Mal wohnt im Dachstuhl eine Fledermaus, für die sie eine neue Wohnung organisiert. Mal dürfen keine weiteren Dachfenster eingebaut werden, obwohl der neue Besitzer Wohnungen bauen will, oder mittelalterliche Mauern stehen dem geplanten Ladenkonzept im Weg.

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Oft beißen sich die gesetzlichen Bestimmungen für Barrierefreiheit, Energieverbrauch oder Brandschutz mit dem, was der Schutz des Denkmals verlangt. "Da braucht man Bauherren, die flexibel genug sind, um auch den Ansprüchen des Hauses zu genügen", sagt sie. Mit denen sucht sie nach Lösungen, alte Substanz mit neuen Regeln zu versöhnen, alten Nutzungen neue zu ermöglichen und so gebaute Geschichte für Gegenwart und Zukunft fortzuschreiben.

Denkmalschutz wird gefördert

  • Das Landesamt für Denkmalpflege verzeichnet für den Bodenseekreis etwa 1520 Kulturdenkmale der Bau- und Kunstdenkmalpflege und 426 der archäologischen Denkmalpflege. Den Schutz historisch, künstlerisch oder wissenschaftlich bedeutsamer Gebäude oder anderer Einheiten regelt das Denkmalschutzgesetz des Landes. Danach soll Denkmalpflege die Kulturdenkmäler erfassen, dokumentie­ren und erforschen, aber auch Eigentümer beraten und das kulturelle Erbe in der Öffentlichkeit vermitteln. Denkmäler gelten als Zeugnisse vergangener Zeiten und Kulturen. Ihre Pflege soll ihre Substanz möglichst unverfälscht sichern und sie nachfolgenden Generationen als Kulturerbe weitergeben. Verantwortlich für den Erhalt eines Denkmals ist der jeweilige Eigentümer.
  • Für Kosten bei Erhalt, Sanierung oder Umbau gibt es verschiedene Förderungen. Eigentümer können für denkmalspezifische Mehraufwendungen erhöhte steuerliche Abschreibungen geltend machen. Sie können bei der Landesregierung Zuschüsse beantragen, die bis zur Hälfte der zuschussfähigen Ausgaben abdecken. Darüber hinaus gibt es Förderprogramme von Kommunen, Bundesregierung und Europäischer Union. Auch Stiftungen wie die Stiftung Denkmalschutz oder die Denkmalstiftung Baden-Württemberg unterstützen den Erhalt.