Sechs Monate alt ist der Sohn von Katrin Debus, quietschvergnügt und gesund rollt er über die Decke auf dem Boden. Alkohol oder Tabak war für seine Mutter in der Schwangerschaft tabu. "Die Frage stellt sich gar nicht. Vom ersten Tag an, da man schwanger ist, trinkt man nicht mehr, da gibt es gar keine Diskussion", sagt sie. Ihr Mann hat sie unterstützt, mit Freunden oder ihrer Mutter dagegen gab es Debatten. "Die meinten, du bist doch schon so weit fortgeschritten, da wird ein Radler ja wohl nichts machen."

Vielen sind die Folgen nicht bewusst

Eine andere junge Mutter erzählt: "Ich habe neulich eine Reportage gesehen über die Folgen von Alkohol in der Schwangerschaft. Dass man keinen Alkohol in der Schwangerschaft trinken soll, aber was für Folgen das wirklich hat, die Schädigungen für das Kind, das war mir nicht so bewusst." "Eigentlich sollten die Frauenärzte da ja aufklären, aber meiner hat das nicht gemacht", sagt Magdalena Oswald.

Mütter im Stilltreff gehen auf Nummer sicher

Acht Frauen und acht Babys zwischen drei und neun Monaten sind zum Stilltreff in den Bodenseehof gekommen. Sie tauschen Erfahrungen aus, die Kinder gucken sich mit großen Augen an und rollen oder robben auf Entdeckungstour. Hebamme Heike Mehnert lädt einmal in der Woche ein, sie gibt Tipps zu Ernährung, Wickeln und Schlafen. "Ich bin eine Verfechterin von völliger Abstinenz in der Schwangerschaft. Das Kind trinkt bei jedem Schluck mit", sagt sie.

Rauchfreie Umgebung für Kinder

Mehnert plädiert auch für eine rauchfreie Umgebung für Kinder – am besten schon, sobald der Kinderwunsch aufkommt. Raucherinnen werden nicht so schnell schwanger und Spermien von Rauchern sind weniger beweglich und lebensfähig. "Ich bin da sehr aufmerksam. Wenn der Mutterpass nach Rauch riecht, dann spreche ich das an. Und eigentlich muss auch der Partner mitmachen", sagt Mehnert.

Hebamme berät individuell

Mehnert berät die Familien dann individuell. "Am besten ist es, ganz aufzuhören. Aber wenn das nicht geht, helfe ich dabei, sich kleinere Ziele zu stecken: den Konsum halbieren und dann weiter reduzieren." Auch hier sind die jungen Mütter ganz ihrer Meinung. "Ich war am Wochenende auf dem Frühlingsfest in Schnetzenhausen. Als ich gemerkt habe, hier wird geraucht, bin ich aus dem Zelt gleich wieder rausgegangen. Meine Freundinnen haben das nicht alle verstanden", erzählt Oswald. Sie wollte ihrer neun Monate alten Tochter den Rauch nicht zumuten.

Wunsch nach mehr Aufklärung in Schulen

"Ich erlebe die Mütter hier als sehr vernünftig und aufgeklärt", sagt Mehnert. Fälle, in denen Schwangere oder Stillende illegale Drogen konsumieren, sind ihr in zwölf Jahren Berufserfahrung nicht begegnet. Sie wünscht sich mehr Information schon in den Schulen. "Es wäre gut, wenn das fest in den Unterricht integriert würde", sagt sie. "In welcher Intensität die Folgen auftreten können, dafür ist die Sensibilität nicht gegeben", stimmt Debus zu. Aber Mehnert weiß auch, dass diejenigen, die Hilfe bräuchten, oft nicht zu ihr kommen.

Hilferufe im Jugendamt

Die landen dafür manchmal im Jugendamt – meist wegen ganz anderer Themen: sie brauchen eine Wohnung oder haben Stress im Job. "Beim Gespräch über die Lebenssituationen von werdenden Müttern kommen dann schon einmal versteckte Botschaften oder Hilferufe", sagt Werner Feiri, der das Netzwerk Mobile koordiniert. Es besteht aus unterschiedlichen Angeboten, die Eltern von der Schwangerschaft bis ins dritte Lebensjahr unterstützen.

Zu diesem Netzwerk gehört das Jugendamt ebenso wie Suchtberatung, Kinderkliniken, Schwangerenberatungsstellen, Hebammen und Familientreffs. "Eine neue Wohnung oder einen neuen Job können wir nicht herzaubern und wir können die Beziehung zum Partner nicht verändern", sagt Feiri. Aber Beratung, Begleitung und Hilfen können werdende Eltern entlasten.

Suchtberatung mit speziellen Angeboten

"Bei einem Suchtthema wie Alkohol oder Zigaretten fragen wir, wie können wir die Frau unterstützen, dass sie es schafft", sagt Jugendamtsleiterin Lucia Beckesch. "Dazu kooperieren die verschiedenen Stellen miteinander." Die Suchtberatungsstelle etwa hat spezielle Angebote für Schwangere. "Alle Eltern wollen erst einmal das Beste für ihr Kind", ist sie überzeugt. Sie hat mehrfach erlebt, dass die Schwangerschaft für Frauen zur Chance wurde, mit ihrer Sucht fertig zu werden.

Jede Dritte Frau raucht zu Beginn der Schwangerschaft

Vor allem setzt sich das Jugendamt für Aufklärung ein. "Es gibt immer noch die These, dass Bier oder Wein den Einschuss der Milch fördert", sagt Feiri. Bekesch zitiert eine Studie des deutschen Krebsforschungszentrums, nach der rund 30 Prozent der werdenden Mütter zu Beginn der Schwangerschaft rauchen. Broschüren zum Thema liegen bei Beratungsstellen oder Frauenärzten, Fachkräfte werden für das Thema sensibilisiert. Die Familientreffs sind niedrigschwellige Begegnungsmöglichkeiten, in denen auch auf die Gefahren von Suchtmitteln hingewiesen wird.

Mögliche Folgen für Babys

Alkoholkonsum in der Schwangerschaft ist deutschlandweit der häufigste Grund für nicht genetisch bedingte körperliche, geistige und psychische Behinderungen. Mindestens jedes 100. Neugeborene ist vom Fetalen Alkoholsyndrom (FASD) betroffen. Jahr für Jahr sind das über 10 000 Babys. Alkohol ist ein Zellgift. Der Konsum in der Schwangerschaft behindert die geistige und körperliche Entwicklung des Embryos im Mutterleib. Er kann zu irreversiblen Schäden beim Kind führen. Neben dem Fetalen Alkoholsyndrom und den schwächeren Fetalen Alkoholspektrumstörungen gehören dazu Minderwuchs, körperliche Missbildungen, Verhaltensstörungen und intellektuelle Beeinträchtigungen. Es gibt dabei keine unschädliche Untergrenze.

Rauchen während der Schwangerschaft schränkt die Versorgung des Embryos mit Sauerstoff und Nährstoffen ein – das kann zu Früh- und Fehlgeburten führen. Wachstumsminderung, Fehlbildungen oder spätere Verhaltensauffälligkeiten sind mögliche Folgen. Zudem ist bei Kindern von Raucherinnen das Risiko für zahlreiche Gesundheitsschäden erhöht, etwa für Asthma, Allergien und plötzlichen Kindstod.

Illegale Drogen erreichen das Ungeborene über die Plazenta und können ihm schaden. Cannabiskonsum kann zu Entwicklungs- und Lernproblemen sowie Verhaltensauffälligkeit führen. Amphetamine, Ecstasy, Kokain und Heroin behindern das Wachstum des Fötus und erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer Fehl-, Früh- oder Totgeburt. Babys, die vor der Geburt Heroin, Methadon oder Crystal ausgesetzt waren, zeigen nach der Geburt extreme Entzugssymptome und müssen oft wochenlang behandelt werden. Die schädlichen Inhaltsstoffe von Rauch, Alkohol oder Drogen gelangen auch in die Muttermilch. Beim Stillen gibt sie die Mutter an ihr Kind weiter.

Hilfe und Beratung zum Thema Suchtmittel bietet die Suchtberatungsstelle des Diakonischen Werks in Friedrichshafen (Telefon 07541/950180). Beratung und Unterstützung in Schwangerschaft, Geburt und für Eltern von Kleinkindern bieten die Caritas in Friedrichshafen und Überlingen, das Diakonische Werk in Friedrichshafen oder Überlingen sowie das Jugendamt. Im "Netzwerk Mobile" sind die Hilfsangebote Hilfen für junge Familien zusammengefasst.

Informationen im Internet:www.bodenseekreis.dewww.bzga.dewww.drogenbeauftragte.de