Der Brief sorgt politisch für Wirbel, und genau das hat Paul S. bezweckt. Sein Schwiegersohn konnte im Januar dieses Jahres in einem lebensbedrohlichen Schockzustand nicht vom Klinikum Friedrichshafen nach Freiburg gebracht werden, weil der hier stationierte DRF-Rettungshubschrauber einem Nachtflugverbot unterliegt. Stattdessen kamen Intensivmediziner mit einer speziellen Herzlungenmaschine im Rettungswagen nach Friedrichshafen und brauchten rund anderthalb Stunden länger als der Hubschrauber – in einem Fall, bei dem jede Minute zählt.

Paul S., ein pensionierter Arzt aus dem Bodenseekreis, wandte sich mit der tragischen Geschichte seiner Familie an Politiker aller Fraktionen im Landtag, um endlich für ein Umdenken zu sorgen. "Da kreist nachts zwei Stunden lang ein Polizeihubschrauber mit Scheinwerferlicht über Langenargen, um einen Einbrecher zu suchen. Aber Rettungshubschrauber dürfen nachts nicht abheben", kritisiert er. Sein Schwiegersohn, plastischer Chirurg aus München und Familienvater von drei Kindern, liegt mit Hirn- und Organschäden seither im Wachkoma und ist ein Pflegefall.

Von politischer Seite bekam Paul S. sehr schnell Rückmeldungen. Norbert Zeller, Fraktionschef der SPD im Kreistag und früherer Landtagsabgeordneter, findet es laut eigener Mitteilung grotesk, dass zwar Nachtflüge vom Ausland, also auch von der Schweiz aus, geflogen werden dürfen, jedoch nicht in lebensrettenden Fällen von Friedrichshafen aus. Er hat sich an den stellvertretenden Vorsitzenden der SPD-Landtagsfraktion, Martin Rivoir, gewandt und ihn gebeten, die Frage der Nachtflüge in Baden-Württemberg klären zu lassen.

Direkt an den zuständigen Innenminister Thomas Strobl (CDU) will sich der Fraktionschef der FDP im Landtag, Hans-Ulrich Rülke, wenden. Er hat Paul S. darum gebeten, seine Geschichte in einem Abgeordnetenbrief an den Minister platzieren zu dürfen. Dieser Fall zeige „ganz deutlich, wie wichtig es ist, dass wir uns hartnäckig für eine Verbesserung des Rettungswesens einsetzen“, schrieb er an den pensionierten Arzt. Mit den Hubschraubern habe sich seine Partei in der Vergangenheit öfters beschäftigt. Auch der FDP-Kreistagsabgeordnete Hans-Peter Wetzel zeigte sich betroffen. „Genau vor solchen Schicksalsschlägen habe ich immer gewarnt“, schrieb er an Paul S. während einer Reise und bot das Gespräch an.

Tatsächlich ist Wetzel seit Jahren bemüht, das landesweite Nachtflugverbot von Rettungshubschraubern zu kippen. 2010 war er als damaliger Landtagsabgeordneter der FDP einer der politischen Aktivposten, der die Debatte befeuert hatte. Damals verhandelten das Landessozialministerium und die Kassen als Kostenträger einmal mehr über eine Aufhebung dieses Verbots. Obwohl Wetzel damals große Chancen sah, dass die Deutsche Rettungs-Flugwacht (DRF) zumindest in Mannheim und Herrenberg von zwei Standorten aus auch nach Sonnenuntergang zu Einsätzen fliegen darf, kam es doch nicht dazu. Bis Oktober dieses Jahres – also weitere sieben Jahre – mussten Ärzte in Baden-Württemberg die nächtliche Einsatzhilfe des Rettungshubschraubers im schweizerischen St. Gallen oder in Bayern anfragen. Quasi Nothilfe aus dem Ausland, weil sie im Land gesetzlich verboten ist. Erst seit acht Wochen besitzt die DRF-Luftrettung am Zentralklinikum in Villingen-Schwenningen als erster und einziger Standort im Land eine Betriebserlaubnis für 24 Stunden und damit die Nachtflugerlaubnis. Für den Schwiegersohn von Paul S. neun Monate zu spät.

Aus Sicht der Landesregierung ist mit der Nachtflugerlaubnis für den Rettungshubschrauber in Villingen-Schwenningen eine deutliche Verbesserung erreicht. So erklärt es zumindest das Büro von Martin Hahn, Landtagsabgeordneter der Grünen, das auf Paul S. Brief geantwortet hat. Vorrang müsse freilich die bestmögliche Versorgung von Patienten haben, wobei allerdings auch wirtschaftliche Aspekte eine Rolle spielen. Zu klären wäre deshalb, ob ein zusätzlicher Rettungshubschrauber im 24-Stunden-Betrieb am Standort Friedrichshafen ausreichend viele Einsätze hätte, um den hohen Aufwand zu rechtfertigen. Entscheidend sei, dass die gesetzlich vorgegebene Hilfsfrist eingehalten wird. Rettungskräfte müssen in 95 Prozent der Fälle möglichst nach zehn Minuten, höchstens aber nach 15 Minuten vor Ort sein. Im Rettungsdienstbereich Bodensee-Oberschwaben waren laut Hahn im vergangenen Jahr in 89,1 Prozent der Fälle innerhalb von 15 Minuten ein Notarzt vor Ort. Der Rettungshubschrauber aus Villingen-Schwenningen wäre in 30 Minuten am Bodensee. Allerdings darf der aus Lärmschutzgründen im Schnitt nur 1,3 Mal pro Nacht ausrücken. Für Paul S. ist diese Kosten-Nutzen-Rechnung amoralisch. „Unter Berücksichtigung aller Folgen wäre ein Hubschrauber für Nachteinsätze finanziell deutlich vorteilhafter“, sagt der Pensionär.

Die DRF-Luftrettung selbst weist seit Jahren darauf hin, dass sie nachts fliegen und Menschen retten kann. „Wir können das leisten“, erklärt die Pressereferentin. In anderen Bundesländern funktioniert das schließlich auch. An 29 Standorten deutschlandweit sind Rettungshubschrauber der DRF-Luftrettung stationiert, an neun davon dürfe die Besatzung rund um die Uhr ausrücken. Im Nachbarland Bayern gibt es mit München, Nürnberg und Regensburg drei Standorte, die 24 Stunden im Dienst sind. „Die Bedarfsplanung liegt beim Land“, erklärt die DRF-Pressereferentin die Zuständigkeit.

 

Christoph 45

Der am Klinikum Friedrichshafen stationierte Rettungshubschrauber Christoph 45 wird bei Notfällen als schneller Notarztzubringer alarmiert. Darüber hinaus wird er für den schonenden Transport von Patienten zwischen Kliniken eingesetzt. Er ist täglich von 7 Uhr morgens bis Sonnenuntergang einsatzbereit. Einsatzorte im Umkreis von 60 Kilometern kann der rot-weiße Hubschrauber in maximal 15 Flugminuten erreichen. Er wird von den Leitstellen Bodenseekreis, Konstanz, Tuttlingen, Schwarzwald-Baar, Oberschwaben-Bodensee, Ravensburg, Biberach, Donau-Iller und Allgäu angefordert. Im ersten Halbjahr 2017 flog Christoph 45 von Friedrichshafen aus insgesamt 553 Einsätze, 2016 wurden 1043 Einsätze gefolgen. (kck)