Preisfrage: Welche Hochschule hat keinen Rektor, keine Vorlesungen, keine Studenten, dafür aber Standorte in vier Nationen? In ganz Europa gibt es nur eine, und die ist etwas ganz Besonderes: die Internationale Bodensee-Hochschule (IBH). Sie verbindet 30 Hochschulen rund um den Bodensee und über Hochschularten hinweg. Unter dem Dach der IBH arbeiten Fachhochschulen mit Universitäten gemeinsam an Projekten, forschen pädagogische und technische Hochschulen an wissenschaftlichen Fragen, werden sogar hochschulübergreifende Studiengänge entwickelt.

Seit Oktober leitet ein Österreicher, der in Deutschland Professor war, die IBH-Geschäftsstelle in der Schweiz. Markus Rhomberg, der als Wissenschaftler an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen politische Kommunikation lehrte und erforschte, hat für den neuen Job als Wissenschaftsmanager quasi die Seiten gewechselt. Mittlerweile dürfte er fast jede der 30 IBH-Hochschulen im Vierländereck besucht haben. Ende Januar habe er dann seinen ersten Aha-Effekt gehabt, wie er erzählt. Da fand an der Fachhochschule Vorarlberg ein Workshop statt, bei dem es um soziale Innovationen ging. „80 Forscher von 20 Hochschulen aus vier Ländern waren da und hatten keine Berührungsängste“, erzählt Markus Rhomberg. Es war egal, wer Uni-Professor oder Dozent einer Pädagogischen Hochschule (PH) ist. Kennenlernen, sich austauschen, bestenfalls sympathisch finden: „Es ist unsere Aufgabe als IBH, die Netzwerke zwischen den Hochschulen zu stärken.“ Und zwar nicht nur auf Verwaltungsebene: „Es gibt rund 2500 Forschende, von denen wir möglichst viele zusammenbringen wollen. Da hat das bestens funktioniert. Tags darauf waren schon die ersten Teams zusammengestellt und Ideen entwickelt.“

Projekte sind der Motor dieser Zusammenarbeit, wobei immer mindestens zwei Hochschulen aus zwei Ländern miteinander kooperieren. Diese fördert die IBH vielfältig. 20 Projekte laufen aktuell: Lehrprojekte und Regionalprojekte, Schwerpunkt- und Initialprojekte. Dafür gibt es unterschiedliche Fördertöpfe. IBH-Geldgeber ist nicht nur die Internationale Bodenseekonferenz (IBK), die jährlich eine halbe Million Euro zur Verfügung stellt, sondern auch die Europäische Union (EU) mit Mitteln aus dem Interreg-Programm.

Nach dem Workshop in Vorarlberg beispielsweise reichen Teams von Wissenschaftlern bis Anfang Juni ihre Projektanträge ein. Bei einem Auswahlverfahren im Sommer werden zwei, drei davon in einem Begutachtungsprozess ausgewählt, die als Schwerpunktprojekte mit rund 160 000 Euro für zwei Jahre gefördert werden. Bei Initialprojekten erhalten Teams eine Anschubfinanzierung von 40 000 Euro, um aus ihrer Idee ein Forschungsprojekt zu entwickeln und so bessere Chancen zu haben, mit einem guten Konzept bei großen Förderern Geld einzuwerben.

Projekte, die innovative Angebote in Lehre und Weiterbildung entwickeln, werden mit 25 000 Euro in zwei Jahren gefördert. „Möglich ist beispielsweise eine Anschubfinanzierung, um hochschulübergreifend einen Studiengang zu entwickeln“, erklärt Rhomberg. Oder warum sollten Studierende nicht gemeinsame Seminare der Dualen Hochschule, der Fachhochschule Vorarlberg und der Hochschule für angewandte Wissenschaft FHS St. Gallen besuchen können?

Auch den wissenschaftlichen Nachwuchs will die IBH grenzüberschreitend fördern. Der neue IBH-Leiter geht gerade diesen Gedanken strategisch an. Im Januar saß er mit 18 Hochschulvertretern zusammen, um Angebote zu identifizieren, die die Hochschulen für Nachwuchswissenschaftler anderer Hochschulen öffnen können. Sein Ziel: eine Art Katalog mit solchen Angeboten zu stricken. Für den Wissenschaftsmanager geht es darum, Kompetenzen in der Region zusammenzuführen. Ein erstes Angebot für Studierende und Nachwuchswissenschaftler wird es bereits im Sommer geben: Zeppelin-Universität, die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung HTWG Konstanz und die Fachhochschule Vorarlberg veranstalten eine gemeinsame Summerschool zur Energiewende.

Der Fokus bei allen Forschungsprojekten ist gleich. „Sie müssen der Bodenseeregion etwas bringen“, sagt Markus Rhomberg. Ein Beispiel dafür ist die länderübergreifende Studie, die bei Teenagern rund um den See erhoben hat, wie kompetent sie mit digitalen Medien und Informationen umgehen. Beteiligt sind neben der Uni St. Gallen und der Uni Liechtenstein die Pädagogischen Hochschulen in Vorarlberg und Weingarten. Die Wissenschaftler hätten nicht nur eine Studie gemacht, sondern entwickeln Lehrkonzepte inklusive Materialien, wie man an den Schulen schon bei den Jüngsten Informationskompetenz unterrichten kann. „Hier werden nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse geliefert, sondern mit Praktikern gleich Lösungen entwickelt“, erklärt Rhomberg. Ein letzter Schritt könnte sein, ein politisches Konzept zu formulieren mit dem Ziel, diese Inhalte in die Lehrpläne einzubauen.

Dann sind da noch die drei Leuchtturmprojekte, die im Januar 2017 gestartet sind und die je acht bis zwölf Hochschulen der IBH gemeinsam bearbeiten. „Es ist eine riesengroße Aufgabe, die Forschenden hier unter einen Hut zu bringen“, weiß Markus Rhomberg. Es sind die IBH-Labs, quasi Zukunftslabore, die Akteure aus Wissenschaft und Praxis zu regional relevanten Themen vernetzen.

IBH-Labs

Mit rund 6,2 Millionen Euro unterstützt das europäische Interreg-Programm die drei Leuchtturmprojekte der IBH-Labs, die bis 2020 laufen. Das sind Forschungs- und Innovationsnetzwerke von 13 IBH-Hochschulen und Praxispartnern, die in drei Themenfeldern 21 Einzelprojekte mit einem Volumen von über 10 Millionen Euro umsetzen. 2016 wurden die Gelder für neun Projekte bewilligt. Nun wurden die restlichen zwölf Projekte mit 3,7 Millionen Euro genehmigt. Die IHB-Labs erarbeiten Lösungen in den Bereichen Wirtschaft, Gesundheit und Bildung für die Region.

  • Im IBH-Lab „KMUdigital“ werden in Zusammenarbeit von neun Hochschulen mit 25 kleinen und mittelständischen Betrieben digitale Lösungen in der Produktion oder in der Aus- und Weiterbildung von Fachkräften entwickelt. So haben Forschende des Labs eine internationale Musterfabrik 4.0 erstellt.
  • Das IBH-Lab „Active & Assisted Living“ will mit Technologieanbietern und Sozialdienstleistern Senioren und Menschen mit Handicap ein selbstständiges Leben ermöglichen. Dafür werden Wohneinheiten in Vorarlberg, der Ostschweiz und dem Bodenseekreis mit innovativen technischen Lösungen ausgestattet.
  • Das IBH-Lab „Seamless Learning“ will den Bildungs- und Wissensraum Bodensee stärken. Hier geht es darum, wie man komplexen Lernstoff wie in der Ingenieursausbildung oder in der Physik besser und mit digitalen Lösungen an die Studierenden oder Schüler heranbekommt. (kck)