Blasmusik! Allein dieses Wort hatte früher das Zeug dazu, dem einen das Blut in den Adern gefrieren zu lassen, während der andere im metrischen Gleichschritt dahingeschmolzen ist. "Aber klar, wir spielen auch Märsche", sagt Martin Schmid, Leiter der Gemeinschaftsjugendkapelle (GJK) Markdorf, und schmunzelt. Und klar sei Loriots "Opa Hoppenstedt" mit dem legendären "Helenenmarsch" der Klassiker, was dieses Klischee anbelange. "Unsere Jugend lässt sich auch mal für eine Polka begeistern", sagt er lachend. Denn immer wieder töne der Ruf nach dem Altbewährten. Auch wenn das Neue buchstäblich auf dem "Vor-Marsch" sei.

Das zeigt sich deutlich an den steigenden Mitgliederzahlen der Musikvereine im Jugendbereich. Walter Stegmaier, Präsident des Blasmusikverbands Bodenseekreis, sprach bei der Hauptversammlung des Verbands in Markdorf von einem deutlichen Trend gegen den demografischen Wandel. "Wir haben immer mehr Jugend, das ist ungewöhnlich für einen Verein und für die Blasmusik eine ganz große Leistung!" Woran das liegen mag, erklärt sich Martin Schmid so: "Durch kleine Brass-Gruppen erlebte vor rund zehn Jahren die Blasmusik tatsächlich eine Neubelebung." Es sei bekannten Brass-Bands, aber auch regionalen Gruppen wie etwa der "Jack Russel's Halsbänd" zu verdanken, welche die jungen Musiker anziehen, ja regelrecht mitziehen. "Wir nutzen diesen Trend, sind auf diesen Zug aufgesprungen", sagt Schmid.

Sie haben Spaß an der Sache und sind mit Begeisterung Teil der Gemeinschaftsjugendkapelle Markdorf (von links): Sarah, Leon, Kai, Marlene, Luca, Viktoria – und im Hintergrund der Schlagzeuger Nils.
Sie haben Spaß an der Sache und sind mit Begeisterung Teil der Gemeinschaftsjugendkapelle Markdorf (von links): Sarah, Leon, Kai, Marlene, Luca, Viktoria – und im Hintergrund der Schlagzeuger Nils. | Bild: Helga Stützenberger

Um allerdings Schritt halten zu können mit dieser Entwicklung, bedürfe es einerseits eines großen Verständnisses für die Jugendlichen, andererseits dürfe man sich den Neuen Medien nicht verschließen. Blasmusik ist weder verstaubt, noch Inbegriff alpenländischer Jodl-Romantik. "Man erinnere sich nur an die Vorarlberger Band HMBC", führt Martin Schmid ein Beispiel an. "Blasmusik neuer Zeit" nennt er dieses Phänomen. Mit ihrem Erfolgstitel "Vo Mello bis ge Schopperno" haben die Burschen vor einigen Jahren für Furore gesorgt und indirekt auch die Register der hiesigen Musikvereine aufgestockt.

"Solche Bands sind auch mein Vorbild", bekennt sich Martin Schmids Sohn zur Blasmusik, vor allem zu seiner satt tönenden Tuba, die er in der GJK aber auch bei der Lumpenkapelle spielt. Und heute bekennt der 15-jährigen Leon Schmid in einer blechernen Liebeserklärung: "Einer meiner Lieblings Blech-Titel ist ,I kenn di von mein Handy'". Denn heute lässt die Band "Blechreiz-Pop", die dank YouTube bekannt geworden ist, nicht nur aufgrund optischer sowie musikalischer Schmankerl, sondern auch durch sprachliche Arabesken die Herzen sämtlicher Jugendlichen höherschlagen; und die Tuba wird – man fühlt's – zum "Sexiest Brass Instrument alive".

Wie dem auch sei, man scheint's mit der Sprache noch nie allzu ernst genommen zu haben. Wo früher ein "Hollera-du-dödel-di" erklungen ist, muss heute beim begleitenden Songtext zur fesch performten Tuba schon ganz genau hingehört werden. "Noch ein cooler Titel auf YouTube ist ,Can you english please' – geiles Blech, geiler Song", sagt Leon, scheinbar ohne sich einen Kopf zu machen über dieses verquere Sprachgemisch. Aber wen kümmert's schon? Das bringen nicht nur die Neuen Medien so mit sich, das war auch bei der Blasmusik von gestern so. Insofern stellt sich für Leon nur eine Frage: "Can you Tuba please?"

 

Blasmusikverband

Der BlasmusikverbandBodenseekreis besteht aus insgesamt 60 Mitgliedsvereinen. Jüngstes Mitglied ist der Spielmanns- und Fanfarenzug der Freiwilligen Feuerwehr Markdorf. Mit einer Mitgliederzahl von 4954 Mitgliedern und einem Zuwachs von 64 Unter-18-Jährigen liegt der Zuwachs im Jugendbereich bei 3,8 Prozent.

Auszeichnungen: Für 50 Jahre aktive Mitgliedschaft im Verband wurden bei der Hauptversammlung am Sonntag in Markdorf geehrt: Wilhelm Bosch, Herbert Szameitat, Reinhard Löffler, Friedbert Dierberger, Hans Lohr, Gottfried Graf, Walter Neuschel, Klaus Holzmüller, Albert Joos, Peter Karpf, Eugen Heine, Franz Baumann, Franz Huber, Dietmar Danier, Erwin Gäng, Thomas Günthör. Ebenfalls geehrt wurden die Bezirksvorsitzenden Berthold Pfluger (Ittendorf) und Adrian Steiger (Sipplingen) für 15 Jahre sowie Antonius Bittner für 30 Jahre Mitgliedschaft.

 

"Einen Generationenkonflikt gibt es nicht"

Walter Stegmaier, Präsident des Blasmusikverbands:

Weshalb scheint Blasmusik bei Jugendlichen hoch im Kurs zu stehen?

Blasmusik ist jung, modern und interessant. Alle möglichen kulturellen Einflüsse werden in der Literatur eingearbeitet und für die spezifischen Charakteristika von Blasinstrumenten umgesetzt. Show-Einlagen sind da ein weiterer Aspekt. Gerade junge Musiker testen oft die Grenzen des Machbaren aus und entwickeln geradezu unglaubliche Ideen für Showelemente.

Gibt es ein Erfolgsrezept?

Um Jugendliche muss man sich kümmern. Nachwuchs muss erst mal gewonnen und dann möglichst gut ausbildet werden.Unsere Musikschulen und die Ausbilder in den Vereinen leisten ein unglaubliches Pensum.

Wie ist das Verhältnis der Jugendlichen zu den älteren Musikern?

Einen Generationenkonflikt wie in den 1960er Jahre gibt es definitiv nicht. In der musikalischen Arbeit spielt es keine Rolle, ob jung oder alt. Jeder hat sein Instrument zu beherrschen und seinen Part zu spielen, ohne Ansehen der Person. Wie überall prallen im Mikrokosmos "Verein" die Ansichten und Interessen auch mal aufeinander.