Baustellenlärm dringt durch die Fenster ins Büro des Rektors. Jürgen Ritter sitzt wie die Ruhe selbst am Tisch, obwohl in der Meersburger Sommertalschule sehr viel Bewegung ist. Gerade erst hat der zweite Bauabschnitt begonnen.

Sanierung und Erweiterung bis 2020

Bis 2020 wird die Schule umfangreich saniert und erweitert. Fast sieben Millionen Euro investiert die Stadt Meersburg inklusive Zuschüsse in rund 1000 Quadratmeter mehr Platz für die Schule, die zu den 42 Starter-Gemeinschaftsschulen im Land gehört. „Der Bau wäre schon vor drei Jahren nötig gewesen“, sagt Jürgen Ritter, der froh ist, dass der Rückhalt in der Gemeinde für die Gemeinschaftsschule heute deutlich besser sei.

Kommendes Jahr wahrscheinlich nur einzügig

Trotzdem bleibt die Sommertalschule ganz bewusst eine der kleinsten des neuen Typs überhaupt. Die Zweizügigkeit ist laut Schulgesetz eigentlich vorgeschrieben. Anderthalb Züge sind vom Regierungspräsidium genehmigt. Zwei fünfte Klassen wurden es im Jahrgang 2017/18, voraussichtlich nur eine wird es im kommenden Schuljahr sein.

Mit Blick auf den Einzugsbereich der Schule, die auch viele auswärtige Kinder besuchen, sei das eine realistische Einschätzung der Möglichkeiten vor Ort, sagt Jürgen Ritter. „Wir sagen den Eltern, was geht und was nicht.“ Die Großbaustelle beweist: Zur Disposition steht das Konzept hier nicht. Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) hatte im März zu Protokoll gegeben, dass es an ungefähr zehn Gemeinschaftsschulen im Land Gespräche darüber gebe, die neue Schulart wieder aufzugeben.

Wahl nur zwischen zwei Schulen

In Meersburg gibt es nur zwei weiterführende Schulen: Gemeinschaftsschule und Gymnasium. Beide kooperieren hervorragend miteinander, der Wechsel ist fast jederzeit möglich. Trotzdem melden 80 Prozent der Eltern selbst Kinder mit Hauptschul-Empfehlung auf dem Droste-Hülshoff-Gymnasium an, erzählt der Rektor. „Für viele Eltern ist die Schulwahl keine inhaltliche Entscheidung, sondern eine Statusfrage.“

Die Übersicht zeigt die Gemeinschaftsschulen in der Region.
Die Übersicht zeigt die Gemeinschaftsschulen in der Region. | Bild: SK-Grafik Ute Schönlein

Rektor: Viele verstehen die Grundidee nicht

Dass die Gemeinschaftsschule den Kindern alle Bildungschancen bietet, gerade die Schwachen zum bestmöglichen Abschluss führt, werde als Grundidee des vor fünf Jahren neu eingeführten Schultyps nach wie vor nicht verstanden. „Da würden wir uns mehr Unterstützung vom Kultusministerium erhoffen“, sagt Jürgen Ritter.

Gemeinschaftsschulen seien keine Modellschulen oder gar ein „Spleen“. „Da kommt zu wenig, um sie zu fördern. Wir leisten immer noch Entwicklungsarbeit“, ergänzt Konrektor Wolfgang Fitz, der von einer tiefen pädagogischen Überzeugung spricht, dass so eine Schule ihren Platz haben muss, wenn man es mit der Bildungsgerechtigkeit ernst nehme.

Schüler mit guten Erfahrungen

Dass Willy Rettig mal aufs Gymnasium geht, stand in der fünften Klasse mit einer Grundschul-Empfehlung für die Hauptschule für ihn nicht auf dem Plan. Nicht nur er, sondern auch seine Mitschülerinnen Carmen und Sara streben das Abitur an. Sie gehören zur zehnten Klasse der Sommertalschule Meersburg, insgesamt 15 an der Zahl, die jetzt die Prüfungen für die mittlere Reife ablegen werden. Die andere Hälfte der Klasse hat vor einem Jahr den Hauptschulabschluss gemacht und sich erfolgreich Lehrstellen gesucht.

Konzept geht für Schulleiter auf

Längst nicht alle Zehntklässler der Sommertalschule gehören zu den rund 2100 Kindern in Baden-Württemberg, die 2012 an einer Gemeinschaftsschule in die fünfte Klasse starteten. „Viele sind gekommen, viele gegangen“, sagt Jürgen Ritter, der nicht ohne Stolz auf den ersten Abschlussjahrgang schaut. Den meisten hätte man in der vierten Klasse weder einen Realschulabschluss und schon gar nicht das Abitur zugetraut.

„Ich wünsche mir von der Stadt für 2018 natürlich, dass sie die Erweiterung der Schule weiterhin unterstützt – und auch den Mut aufbringt, diese Unterstützung tatkräftig zu leisten“, sagt Jürgen Ritter, Schulleiter der Meersburger Sommertalschule.
„Ich wünsche mir von der Stadt für 2018 natürlich, dass sie die Erweiterung der Schule weiterhin unterstützt – und auch den Mut aufbringt, diese Unterstützung tatkräftig zu leisten“, sagt Jürgen Ritter, Schulleiter der Meersburger Sommertalschule. | Bild: Katy Cuko

Es geht also auf, das Konzept des individuellen Förderns, des differenzierten Lernens auf allen drei Niveaustufen selbst in einzelnen Fächern. Trotzdem ist die Gemeinschaftsschule seiner Meinung nach noch nicht in der Mitte der Gesellschaft und auch nicht in den Köpfen der Eltern angekommen.

"Mehr Zeit zum Lernen"

Für Willy Rettig und seine Mitschüler war die neue Schulform zumindest am Anfang gewöhnungsbedürftig. „Da hat das nicht so gut geklappt mit der Selbstständigkeit“, erinnert er sich. Doch das Lerntagebuch, in dem sich jeder Schüler seine Wochenaufgaben vornimmt und vor sich selbst Rechenschaft zieht, braucht’s für ihn seit zwei Jahren nicht mehr.

„Wir haben einfach mehr Zeit zum Lernen“, sagt Carmen Kuhn, die in der siebten Klasse vom Gymnasium auf die Gemeinschaftsschule gewechselt ist, weil sie „ein bisschen länger gebraucht“ habe. Jetzt will auch sie das Abitur machen.

Von Klasse 5 bis 8 keine Noten

Was den Schülern am neuen Schultypus, an der Sommertalschule am besten gefällt, verrät die Wandtafel im Foyer kurz und knackig. „Weil es von der Klasse 5 bis 8 keine Noten gibt“, steht da, oder „Vorurteile werden hier kleingeschrieben“. Ein anderer Schüler schreibt, dass „hier nicht so viel Druck auf einem lastet“, und noch ein anderer freut sich augenzwinkernd, dass „man das Essen in der Kantine nicht mehr kauen muss“.

Frühe Praktika helfen bei Berufswahl

Nicht nur für Jan-Michel Böcke war die frühzeitige Berufsorientierung ein Segen. „Die meisten in der Klasse hatten schon in der Achten einen Plan, wie es nach der Schule weiter geht“, sagt der Zehnklässler. Schon in der Siebten fangen die Sommertal-Schüler mit einem ersten dreitägigen Praktikum an, sich über ihren Weg nach der Schule Gedanken zu machen. Ab der Achten ist die Berufsberatung im Haus, weitere drei Praktik-Phasen schließen sich an. So schnuppert jeder Schüler in jedes Berufsfeld hinein – egal ob kaufmännisch, sozial oder gewerblich.

„Ein großer Teil der Betriebe macht hervorragend mit. Hier zeigt mancher Schüler Stärken oder Fähigkeiten, die er im Klassenzimmer noch nicht gezeigt hat“, berichtet Alexander Heller, Klassenlehrer der Zehnten. Und einige gehen aus dem Praktikum mit einem Lehrvertrag nach Hause. „Bei mit ist der Stempel auf dem Ausbildungsvertrag schon drauf“, sagt Jan-Michel Böcke, der mit dem Realschulabschluss bei einem Schreiner in die Lehre gehen wird.

 

"In den Gemeinschaftsschulen wird wichtige Pionierarbeit geleistet"

Bernd Dieng arbeitet am Lehrerseminar Meckenbeuren und ist Vorsitzender des Vereins "Länger gemeinsam lernen".

Herr Dieng, wo steht die Gemeinschaftsschule nach fünf Jahren heute?

In vielen Gemeinschaftsschulen (GMS) wird hochengagierte, aktive und innovative Arbeit geleistet, meist bis an die Grenzen der Belastung. Dabei fehlte bei der Entwicklungen neuer Konzepte oft die nötige Unterstützung durch die Kultusverwaltung. In den Gemeinschaftsschulen wird wichtige Pionierarbeit geleistet, sie bringen frischen Wind in das System. Dies kommt zunehmend auch den anderen Schularten, so der "Realschule neu" zugute. Die GMS lösen den weltweit üblichen verbindlichen Ganztag konsequent ein, beschulen viele Kinder mit Förderbedarf und tragen im Sekundarbereich den größten Teil der Reformlast und der gesellschaftlichen Herausforderungen. Hier leistet keine andere Schulart Ähnliches.

Was sind ihre größten Probleme?

Vor über zehn Jahren forderten wir in einem offenen Brief zusammen mit über 100 Schulleitungen aus dem Bodenseekreis und dem Kreis Ravensburg das international übliche "längere gemeinsame Lernen", keine zusätzliche Schulart. Die GMS als Schule für ein "längeres gemeinsames Lernen" konnte sich von Anfang an nicht im gewünschten Maße etablieren, weil sie nur als eine weitere Schulart unter bereits viel zu vielen eingerichtet wurde. Dadurch streben die Eltern leistungsstärkerer Schüler ganz natürlich Richtung Realschule oder Gymnasium. Die leistungsfähigen Kinder werden abgeschöpft, und das integrierte System einer GMS erreicht nicht die notwendige Durchmischung eines Jahrgangs. Eine gut funktionierende GMS braucht ein gut durchmischtes Lernmilieu. Ein zusätzliches Problem der jungen Schulart besteht darin, dass sie ständig in die Mühlen der Parteiideologie gerät und von verschiedenen Seiten angezweifelt wird.

Fragen: Katy Cuko