263,3 Tonnen Fisch haben die Berufsfischer im vergangenen Jahr im Bodensee gefangen. „Das ist das zweitschlechteste Ergebnis seit 1936 und liegt um 50,6 Prozent unter dem Mittelwert der vergangenen zehn Jahre“, stellte Wolfgang Sigg, Vorsitzender des Internationalen Bodensee-Fischereiverbands, bei der Mitgliederversammlung in Friedrichshafen fest.

Felchenertrag der niedrigste seit 1910

Insbesondere der Felchenertrag bereitet den Berufsfischern Sorge, ist er doch mit 127 Tonnen der niedrigste seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1910. „Das ist ein Rückgang gegenüber 2017 um mehr als 30 Prozent“, berichtete Sigg. Aufgrund des sehr geringen Felchenbestands habe es erstmals seit 40 Jahren keine Laichfischerei dieses Fisches gegeben. „Ich glaube nicht, dass sich die Felchensituation in den kommenden Jahren stark verbessern wird“, sagte der stellvertretende Vorsitzende Gallus Baumgartner.

Das könnte Sie auch interessieren

Dem Barsch bekommt der heiße Sommer 2018 gut

Positiv sei dagegen die Entwicklung des Barschs gewesen: Hier habe man 70 Tonnen gefangen, ein Plus von 166 Prozent. „Hauptgrund war sicher der heiße Sommer 2018“, sagte Baumgartner. Dieser habe optimale Bedingungen für Laich und Jungfische geboten. Gleichzeitig seien die jungen Eglis Nahrung für die größeren Raubfische gewesen.

Auch Saibling profitierte

Profitiert habe auch der Saibling. „Wenn es ein Nahrungsangebot für die Fische gibt, kann es eine Kettenreaktion geben und der Bestand diverser Sorten kann sich in kürzester Zeit erholen.“ Die schlechten Zahlen bei den Felchen zeigten jedoch, dass es auch genau umgekehrt sein könne.

Kormorane verbreiten sich weiterhin gut

Die Kormorane vermehrten sich munter weiter, beklagte Baumgartner. „Sie fressen inzwischen mehr Fisch, als die Berufsfischer aus dem See ziehen. Das kann doch nicht sein!“ Eine Delegation baden-württembergischer Berufsfischer habe sich mit Vertretern der Stuttgarter Landesregierung getroffen. Ein Vertreter der Grünen habe mit dem Grünen-Landtagsabgeordneten Reinhold Pix gesprochen, Mitglied des Ausschusses für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz. „Mich freut, dass der Bodensee ökologisch in einem so guten Zustand ist.“ Politisch gebe es keine Möglichkeit, auf die Nährstoffsituation im See einzuwirken. Mit Blick auf das „Problemtier“ Kormoran – Pix nannte es in einer Reihe mit Biber und Wolf – sei es gut, dass Politiker und Fischer jetzt miteinander sprechen. „So viel Zeit haben wir nicht mehr“, meinte er.

Das könnte Sie auch interessieren

Landtagsabgeordnete sagen Unterstützung bei „Kormoranmanagement“ zu

Aufgrund der deutlichen Zunahme von Kormoranen auf der baden-württembergischen Seeseite sei man auch den Anrainerländern etwas schuldig. „Wird es bis zum Frühjahr 2020 kein Ergebnis in Sachen Kormoranmanagement geben, werde ich mein ganzes politisches Gewicht in die Waagschale werfen“, versprach Pix. FDP-Landtagsabgeordneter Klaus Hoher fügte hinzu, dass er Pix dabei unterstützen wolle, sich in seiner Fraktion durchzusetzen. Wolfgang Sigg unterstrich, dass die Reduzierung des Kormorans die einzige Stellschraube sei, um etwas an der desolaten Situation der Berufsfischer zu ändern.

Der Vorstand des Internationalen Bodensee-Fischereiverbands: (von links) Helmut Maier, Jürgen Jänicke, Albert Bösch, Vorsitzender Wolfgang Sigg, Gallus Baumgartner, Reto Leuch, Anita Koops, Matthias Stenzel und Alfredo Sanfilippo.
Der Vorstand des Internationalen Bodensee-Fischereiverbands: (von links) Helmut Maier, Jürgen Jänicke, Albert Bösch, Vorsitzender Wolfgang Sigg, Gallus Baumgartner, Reto Leuch, Anita Koops, Matthias Stenzel und Alfredo Sanfilippo. | Bild: Claudia Wörner

Arbeitsgemeinschaft der Ministerien nimmt sich des Themas an

Jasminca Behrmann-Godel, neue Fischereireferentin im Ministerium für ländlichen Raum und Verbraucherschutz, berichtete, dass zusammen mit dem Umweltministerium eine Arbeitsgemeinschaft zum Thema Kormoran gegründet worden sei: „Es werden Taten folgen.“

Zahl der Hochseepatente sinkt weiter auf nunmehr 69

Sie empfahl den Berufsfischern, neben den Felchen auch andere Fischarten besser zu vermarkten. Über einen weiteren Rückgang der Hochseepatente auf nunmehr 69 sprach Wolfgang Sigg. „Mehr als 60 sind in den vergangenen Jahren verschwunden.“ Es sei nicht damit zu rechnen, dass sich die Fangzahlen erholen und ein wirtschaftliches Überleben der Betriebe sei kaum möglich.

Tiefenform des Saiblings ist zurück

Jan Baer, Agraringenieur bei der Fischereiforschungsstelle in Langenargen, berichtete bei der Mitgliederversammlung des Internationalen Bodensee-Fischereiverbands von einer Art Lazarus-Effekt im See. Denn die Tiefenform des Saiblings galt als ausgestorben.

  • 2014 wurden wieder Exemplare der Tiefenform gefangen, jedoch nur beim Teufelstisch im Überlinger See. Von 2015 bis 2017 ging der Tiefseesaibling den Forschern außerdem am Fließhorn bei Konstanz und vor Arbon in bis zu 250 Metern Tiefe ins Netz. Im Rahmen des internationalen „Projet Lac“ sei die Tiefenform in diesem Jahr rund um den See gefunden worden, berichtete Jan Baer. Eindeutig zu unterscheiden seien die Normal- und die Tiefenform des Saiblings nur an der Maulstellung des Fisches. Aktuell seien die Forscher mit der Genetik der Tiefenform befasst. „Es muss sich um unterschiedliche Arten handeln“, ist sich Baer sicher. Die Frage sei, ob der Tiefseesaibling noch das sei, was er früher war.
  • Aktuell gehen die Fachleute in der Langenargener Fischereiforschungsstelle von einer Zunahme des Tiefseesaiblings aus. „Wir haben beide Formen im Bodensee und die Tiefenform ist definitiv nicht ausgestorben“, unterstrich Jan Baer.