Am frühen Morgen noch klangen die Verantwortlichen vorsichtig optimistisch: "Wir werden die Kugel heute bergen", sagte Matthias Puchta vor Beginn der Arbeiten. Er ist Abteilungsleiter für Energiespeicher beim Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik. "Allerdings wissen wir auch nicht, was heute noch passiert."

Am Freitag kurz nach Sonnenaufgang startete der zweite Anlauf, eine 20 Tonnen schwere Betonkugel vor Überlingen aus dem Bodensee zu bergen. Mit der Kugel wurde im November für einen Monat lang die Machbarkeit eines Pumpspeicherkraftwerks im Wasser getestet. Im Dezember sollte die Kugel wieder aus dem See geborgen werden, aber der Bergeversuch scheiterte: Die Kugel steckte im Schlick auf dem Seegrund fest. Wetterbedingt wurde ein geplanter zweiter Versuch im Januar abgesagt, und auch der zunächst für Donnerstag angesetzte Bergeversuch musste nochmals um 24 Stunden verschoben werden.

Eine Betonkugel mit drei Metern Durchmesser.
Eine Betonkugel mit drei Metern Durchmesser. | Bild: Stephan Fromknecht/HOCHTIEF Engineering/Archiv

"Das Schiff ist der Hammer, bei dem Auftrieb kann was gezogen werden", sagte Projektleiter Daniel Hau über das größere und leistungsstärkere Schiff, mit dem die Kugel aus dem Schlick gezogen werden sollte. Zusätzlich hatten sie noch weitere Möglichkeiten für zusätzlichen Auftrieb vorbereitet, denn der Schlick war nicht das einzige Problem: Beim letzten Testlauf im November versagte die Steuerung für die Ventile, die halb voll mit Wasser gefüllte Kugel konnte nicht mehr leergepumpt werden und war damit um einige Tonnen schwerer.

Am Freitag lief dann alles nach Plan, zügig rollte sich das am Ufer aufgenommene Stahlseil auf die an Deck des Bergeschiffes angebrachte Trommel, bis das Schiff genau über der in 100 Metern Tiefe liegenden Kugel stand. Das senkrecht nach unten führende Stahlseil spannte sich unter der tonnenschweren Belastung, und auch das Schiff wurde um einen knappen halben Meter ins Wasser gedrückt. Die Stromversorgung für die Seilwinde brach bei der Leistung wiederholt zusammen.
 

An diesem gespannten Stahlseil hängt die tonnenschwere Betonkugel unter dem Bergeschiff.
An diesem gespannten Stahlseil hängt die tonnenschwere Betonkugel unter dem Bergeschiff. | Bild: Dieter Leder

Um 9.01 Uhr schoss das Bergeschiff rückartig aus dem Wasser, Jubel brach bei allen Beteiligten aus: Die Kugel hatte sich aus dem Schlick gelöst. Langsam wurde sie nach oben gezogen und auf den letzten Metern offenbarte sich das Problem der nicht mehr funktionierenden Ventile: Die Versorgungskabel hatten sich beim Absenken der Kugel um das Stahlseil gewickelt und verknotet, ein Steuerungskabel hielt der Belastung nicht mehr stand und riss ab. Die Kugel wurde anschließend quer über den gesamten Bodensee in den österreichischen Hafen von Hardt geschleppt. Wegen des niedrigen Wasserstands besteht dort die einzige Möglichkeit, die Kugel mit einem Kran an Land zu hieven.

Taucher Walter Sonntag und Christian Hau versuchen, die verknoteten Kabel zu lösen.
Taucher Walter Sonntag und Christian Hau versuchen, die verknoteten Kabel zu lösen. | Bild: Dieter Leder

 

Stromspeicher

Die Kugel ist Teil eines Versuchs zur Stromspeicherung. Vor Überlingen wurde mit dem Modell der Drei-Meter-Kugel getestet, was später mit 30-Meter-Kugeln in Ozeanen funktionieren soll: das Speichern von überschüssiger Energie, die im Bedarfsfall wieder in das Stromnetz eingespeist werden kann. In der Kugel befindet sich eine Turbine. Mit überschüssiger Energie aus Offshore-Windkraftanlagen wird die Betonkugel leergepumt, so dass in ihrem Inneren ein Vakuum entsteht. Wenn nun mehr Energie benötigt wird als die Windkraftanlagen liefern können, wird die Betonkugel mit Meerwasser gefüllt. Das in das Vakuum der Kugel einströmende Wasser treibt eine Turbine an, die Strom erzeugt. Dass ein Stromspeicher dieser Art funktioniert, wurde mit dem Versuch im Bodensee nun erfolgreich bestätigt. (dle)