In diesem Sommer ist die Föhn-Welle kein Thema mehr im Überlinger Ruderclub. Das liegt weniger an aktuellen Frisurentrends als an der Tatsache, dass das Ausflugsboot "Föhn" einen neuen Besitzer hat. Als Clemens Mauch im Winter erfuhr, dass die hohen Wellen der Föhn Ruderboote in Schwierigkeiten bringen und schmale Einer sogar umwerfen können, reagierte er prompt. "Die Wellen sind Bauart bedingt. Ich setzte das Boot jetzt im Kursbetrieb auf Strecken ein, auf denen man nicht so schnell fahren muss", erläutert der Inhaber der CMS Schifffahrt.

So vorbildlich läuft das nicht immer. Ruderboote sind sehr wellenanfällig, weil sie tief im Wasser liegen. Dazu sitzt die Mannschaft mit dem Rücken zur Fahrtrichtung, was Schwimmer und Segler teilweise nicht einkalkulieren. Die meisten Probleme bereiten den Ruderern aber die Motorbootfahrer. "Es kommt immer wieder vor, dass ein Motorboot an uns vorbei fährt, uns den Weg abschneidet und Gas gibt", beschreibt Markus Siller, Vorstandsmitglied des Überlinger Ruderclubs. "Dann können wir nicht mehr ausweichen und bekommen die Wellen ab." Meist sei das kein böser Wille, sondern schlicht Unwissenheit.

Das sieht Fritz Eckl, Vizepräsident des Bodensee-Yacht-Clubs Überlingen, ähnlich: "Bei der Schulung zum Bodenseeschifffahrtspatent müsste ein Schwerpunkt auf das Thema Seemannschaft gelegt und das Ver-halten auf dem See und im Hafen besser vermittelt werden." Auch den Seglern kommen PS-starke Boote bisweilen in die Quere. "Am meisten stören die Motorboote, vor allem bei wenig Wind. Die machen viele Wellen und bringen das Boot zum Schaukeln." Grundsätzlich laufe es aber gut mit den anderen Nutzern auf dem See, solange alle Rücksicht nehmen. Absolut daneben ist es, im Hafen als Gast die Leinen des Platzeigners zu nutzen oder sogar zu verändern. Und es gibt neue Moden, die Fritz Eckel überhaupt nicht mag: Männer, die ohne T-Shirt rumlaufen.

Auch bei den Fischern sind die Motorbootfahrer nicht sonderlich beliebt. Peter Kühn ist seit 1958 Hobby-Fischer und Vertreter der Seefischer im Sport-Angler-Verein Überlingen: "Für uns ist es ideal, wenn es ruhig ist auf dem See, also morgens sehr früh und abends. Wenn durch die Motorboote Unruhe und ein hoher Lärmpegel herrschen, sind auch die Fische unruhig." Zu schnell und zu groß für den See findet er viele Modelle, außerdem sei es in der Vergangenheit schon zu Unfällen gekommen. "Wenn um halb zehn vor Wallhausen die Wasserskifahrer loslegen, fahre ich zurück in den Gondelehafen." Dort machen ihm einige Jugendliche Sorgen, die viel zu dicht vor oder hinter den Booten von der Brücke springen und sich und andere gefährden.

Die Interessen aller Nutzer muss die Wasserschutzpolizei im Blick haben. Werner Engeser absolviert seit 20 Jahren Streifendienst in Überlingen. Er findet nicht, dass es voller geworden ist auf dem See und auch neue Sportarten, wie das Stehpaddeln, seien relativ unproblematisch. In Sachen Motorboote sind er und seine Kollegen für die Verkehrsüberwachung zuständig und überprüfen mit dem Lasergerät die Geschwindigkeit. "Das ist wie auf der Straße, wenn wir messen, sind auch immer Treffer dabei." Besonders problematisch sei die Gruppe aber nicht: 2016 wurden auf dem Bodensee 150 Schiffsunfälle gemeldet, in 46 Prozent waren Motor- und in 38 Prozent Segelboote beteiligt. "Es sind 60 000 Boote auf dem Bodensee zugelassen, da geht es nur mit gegenseitiger Rücksichtnahme und vorausschauendem Verhalten." Zu den Aufgaben der Beamten gehört es auch, bei Verstößen gegen den Umweltschutz auf Europas größtem Trinkwasserspeicher aktiv zu werden. Als jemand mit Motoröl verunreinigtes Kühlwasser illegal in den See pumpte, wiesen sie anhand von Proben nach, aus welchem Motor es stammte.

Für die Taucher ist der Überlinger See mit seinen Steilwänden eines der interessantesten Reviere Europas. Sie sind meistens in Ufernähe unterwegs und kennzeichnen das mit einer blau-weißen Flagge an Land. "Es gibt kaum Konflikte mit anderen Seenutzern", berichtet Dirk Diestel, Vorsitzender der Tauchgruppe Überlingen. "Die Motorboote müssen einen Abstand von 300 Metern zum Ufer haben. Wenn sich alle daran halten, ist das kein Problem."

Tauchen gehört auch zu den Attraktionen im Seepark Linzgau in Pfullendorf. Der Baggersee ist unterteilt in einen Bereich für die Wasserskifahrer sowie Wakeboarder, der andere Teil ist Badegästen und Tauchern vorbehalten. Walter Sonntag, Bademeister und Leiter des Tauchzentrums, achtet darauf, dass alles in geordneten Bahnen verläuft: "Ich gehe zu den Leuten hin und sage dann ganz genau, was mir nicht gefällt. Meistens reicht das aus!" So einfach und übersichtlich ist das auf dem Bodensee nicht. Clemens Mauch muss aus der Kabine seines Fahrgastschiffes unglaublichen Leichtsinn beobachten. "Heute fuhr mir ein Mann mit motorisiertem Schlauchboot in die Quere. Der zog ein Surfbrett hinter sich her, auf dem ein Mädchen stand. Die sind so dicht vor mir her gefahren, dass es für das Mädchen bei einem Sturz ins Wasser lebensgefährlich hätte werden können!"

Wer jetzt glaubt, schlechtes Benehmen sei eine Erscheinung unserer Zeit, sollte einen Blick zurück werfen. Noch vor 50 Jahren machten die Überlinger Männer von dem "Seebrunsrecht" Gebrauch oder reklamierten es zumindest gegenüber Zugereisten. Das "Recht" erlaubt den in Überlingen geborenen Männern, von der Promenade aus in den See zu pinkeln.

Was sich auf dem See gehört

Besonders im Sommer ist es voll auf dem See. Und mit steigenden Touristenzahlen wird es alles andere als leerer. Droht es also bald auf dem Wasser ähnlich hitzig und stressig zu werden wie auf Stadtstraßen und Autobahnen? Nicht, wenn man sich an ein paar Regeln hält – an Verkehrsregeln ebenso wie an solche, die zum guten Ton gehören.

  • Wer muss wem ausweichen? Auf dem Bodensee haben die Fahrgastschiffe Vorrang: Den Fähren, Kursschiffen und Katamaranen muss man ausweichen, als Zeichen dafür haben sie einen grünen Ballon gesetzt (der Katamaran nur im Hafenbereich). Danach folgen in der Hierarchie erst die Berufsfischer, dann die Segler, dann Ruderboote, dann Motorboote, erklärt Verena Wieser von der Wasserschutzpolizei.
  • Die Schwimmer: Auf Schwimmer müssen alle Bootsführer Rücksicht nehmen. Das bedeutet aber nicht, dass Schwimmer einen Freifahrtschein haben. „Schwimmende sind nur 20 Zentimeter groß“, betont die Kantonspolizei Thurgau in einer Aufmerksamkeits-Kampagne für Bootsführer. Damit ist gemeint, dass von Schwimmern eben allenfalls Kopf und Hals aus dem Wasser ragen, und das ist bei kabbeligem Wasser und ungünstig stehender Sonne mächtig wenig. Schwimmer sollten also auf Sicherheitsabstand achten.
  • Seefahrer grüßen sich: Auf der Straße tun es Motorrad- und Bus- und augenzwinkernd auch die Enten-Fahrer: Man grüßt sich. Bei Seeleuten gibt es diese Tradition ebenfalls, doch scheint sie auf dem Rückzug begriffen zu sein. Dabei hat das Grüßen erstens einen praktischen Sinn, denn man signalisiert sich damit auch, dass alles in Ordnung ist, wie Verena Wieser erläutert. Und zweitens zeigt es Solidarität – ziemlich gut für das Klima auf dem Wasser.
  • Augenkontakt: Seeleute suchen den Augenkontakt, wenn sich ihre Gefährte einander nähern, sagt Frank Weber von den BSB. Denn so können sie sich gegebenenfalls schnell verständigen.
  • Früh die Richtung klarmachen: Mit kurzen und plötzlichen Wende- und Bremsmanövern ist das auf dem Wasser so eine Sache. Entspannender für alle Beteiligten ist es, abrupte Manöver zu vermeiden, indem Fahrer und Wassersportler früh klar machen, welche Richtung sie einschlagen, empfiehlt Frank Weber.
  • Das Tempolimit: Bodensee und See­rhein sind keine Autobahnen. Auf dem Rhein darf man nicht schneller als zehn Stundenkilometer fahren, auf dem See gilt Tempo 40. (ebr)