Die Recherche beginnt in Unterrehna. Nicht etwa, weil der kleine Ortsteil von Heiligenberg besonders berühmt für seine Sportvereine ist, sondern weil hier Jochen Egger wohnt. Egger ist Vorsitzender der Faustballabteilung beim TSV Mühlhofen und wohl der einzige, dem es zu verdanken ist, dass diese Abteilung überhaupt noch existiert. Seit er sechs Jahre alt ist, spielt er Faustball in Mühlhofen, seit er 18 Jahre alt ist, leitet er die Abteilung. Seitdem engagiert sich der heute 48-Jährige mit viel Herzblut für die Sportart, organisiert das alljährliche Dreikönigsturnier und ist selbst auch noch auf dem Feld und in der Halle aktiv. Und dennoch findet das Gespräch nicht in der Mühlhofer Turnhalle statt, sondern in Eggers umgebauten Bauernhof in Unterrehna. Der Grund: Seit einiger Zeit trainieren die Faustballer des TSV Mühlhofen nicht mehr.

"Es lohnt sich einfach nicht mehr", sagt Jochen Egger. Viele Male sei er von Heiligenberg nach Mühlhofen gefahren, um dann alleine in der Halle zu stehen. Gerade einmal sieben Faustballer sind derzeit noch für den Verein aktiv – bei fünf benötigten Feldspielern "eine sehr dünne Personaldecke", bilanziert Egger ernüchtert. Das Problem ist offensichtlich: Es fehlt der Nachwuchs. Der jüngste Spieler ist 35 Jahre alt, der älteste 53. "Wir könnten eigentlich auch bei den Männern 45 spielen", sagt Egger und meint die Seniorenteams. Mit diesem Problem steht der TSV Mühlhofen nicht allein da. Das jährlich ausgetragene Dreikönigsturnier wurde in diesem Jahr wegen Mannschaftsmangel von zwei auf einen Tag gekürzt. In der Region hat nur noch der VfB Friedrichshafen eine eigene Jugendabteilung – zumindest auf dem Papier. "Wir haben derzeit drei Jugendliche", sagt Abteilungsleiter Reiner Müller. Das reicht nicht aus, um eine Mannschaft zu stellen. Noch 2013 hat die Damenjugend des VfB um die deutsche Meisterschaft gespielt. "Dann kam das große Loch", erzählt Müller. Immerhin kann der VfB Friedrichshafen noch zwei Aktiven-Mannschaften stellen – aber auch hier werde es immer schwieriger Spieler zu finden.

Halb soviele Mannschaften wie 1986

Auch die Zahlen der Deutschen Faustball-Liga, die das Magazin "Der Spiegel" im verganenen Jahr recherchierte, zeigen einen erschreckenden Trend: Vor 30 Jahren gab es bundesweit noch 4000 Mannschaften, heute ist es weniger als die Hälfte. Auch die Mitgliederzahl ist von 41 000 aktiven Faustballern im Jahr 1995 auf aktuell unter 28 000 gesunken.

Doch warum wollen Kinder und Jugendliche nicht mehr Faustball spielen? An fehlenden Vorbildern kann es nicht liegen. Deutschland ist eine Faustballnation. Sowohl bei den Männern, als auch bei den Frauen ist Deutschland amtierender Weltmeister. Nur: In Deutschland weiß das kaum jemand. Und genau hier liegt aus Sicht der Randsportarten wie Faustball ein Hauptproblem: In den Medien spielt Faustball kaum noch eine Rolle, selbst große internationale Turniere werden im Fernsehen nicht übertragen.

Doch nicht nur der Faustball ist von dieser Entwicklung betroffen. Auch in anderen Sportarten wie Kunstrad, Kegeln oder Tischtennis klagen viele Vereine über fehlende Aufmerksamkeit und ausbleibenden Nachwuchs. Beim TSV Mimmenhausen etwa besteht Ringtennis nur noch auf dem Papier. Dabei hat die Sportart im Salemer Ortsteil eine lange und glorreiche Vergangenheit: Der Verein spielte schon in der Bundesliga, hat sogar Nationaltrainer gestellt. Heute muss Abteilungsleiter Jürgen Öttel, selbst schon für die Nationalmannschaft aktiv, ernüchtert feststellen: "Wegen des Nachwuchsproblems findet bei uns gar kein Trainingsbetrieb mehr statt." Auf eine größere Berichterstattung wolle er daher verzichten. "Wir suchen zwar, doch scheinen andere Sportarten interessanter für die Kinder zu sein", sagte dafür seine Stellvertreterin Brigitte Waller bei der Hauptversammlung im Vorjahr.

Mehr Auswahl als früher

Sie spricht damit ein weiteres Problem der Randsportarten an: die zunehmende Konkurrenz. Die Zeit der Kinder und Jugendlichen ist durch die vielen schulischen Verpflichtungen knapper als früher, gleichzeitig gibt es immer mehr Freizeitangebote. Neben Musikausbildungen, gibt es Theater- oder Tanzworkshops. Für Sportinteressierte bietet der See viele Wassersportarten. Und dann ist da natürlich noch der Volkssport Nummer Eins: Fußball. "Jeder Jugendliche, der die Daumen vom Handy nimmt, um sich auch mal zu bewegen, geht zum Fußball", sagt Reiner Müller. Früher war klar, dass die Kindern in den Verein ihrer Eltern eintreten. So sind historisch bedingt regionale Hochburgen entstanden, die teilweise heute noch bestehen. So etwa im Owinger Ortsteil Taisersdorf, der noch immer bekannt ist für seine erfolgreichen Ringer. Im Faustball liegen die Hochburgen eher in Nordbaden und in Norddeutschland.

Am Bodensee verschwindet die Sportart hingegen mehr und mehr in der Bedeutungslosigkeit. Die Hauptursache, das sagen sowohl Egger als auch Müller, sei an einer bestimmten Stelle zu finden: "Faustball findet an Schulen kaum noch statt", kritisiert Jochen Egger. Dabei wäre gerade der Sportunterricht wichtig, um Kinder und Jugendliche auch in Kontakt mit anderen Sportarten als Fußball, Handball und Volleyball zu bringen. Hilfreich wäre ein Sportlehrer als Schnittstelle, der Faustball oder andere Sportarten in seinen Unterricht aufnimmt und interessierte Schüler bei Interesse an einen Verein vermittelt, sagt Egger. Der ist aber nicht in Sicht, das Problem bleibt.

Sollten die Faustballvereine auf absehbare Zeit weiter keinen Nachwuchs finden, sieht die Zukunft der Sportart zumindest am Bodensee düster aus. "Ich denke, ein Jahrzehnt kriegen wir noch hin. Aber dann wird es eng", sagt Reiner Müller vom VfB Friedrichshafen. Auch Jochen Egger blickt wenig optimistisch nach vorne: "Ob es irgendwann keinen Faustball mehr in Mühlhofen gibt? Das kann schon passieren."

Lust auf Faustball?

  • Faustball ist eine der ältesten Sportarten der Welt. Das Spielfeld ist durch ein zwei Meter hohes Band in zwei Spielhälften geteilt. Anders als beim Volleyball muss der Ball einarmig, mit der Faust oder dem Unterarm, in das gegnerische Feld gespielt werden. Mit maximal drei Ballkontakten muss der Ball über das Band zurückgespielt werden, vor jeder Ballberührung ist ein einmaliger Bodenkontakt erlaubt.
  • In der Region gibt es nur wenige Vereine, die Faustball anbieten. Wer die Sportart ausprobieren möchte, kann sich beim TSV Mühlhofen, VfB Friedrichshafen oder Faustball-Club Herdwangen-Schönach melden.

"Die glorreichen Zeiten sind vorbei"

Gerhard Mengesdorf ist Präsident des Badischen Turnerbunds, unter dessen Dach auch Randsportarten wie Faustball, Ringtennis oder Prellball organisiert sind.

Was können Verband und Verein für die Nachwuchswerbung machen?

Wir als Verband können Bildungsmaßnahmen anbieten, ein Wettkampfsystem erstellen, oder aber Veranstaltungen organisieren, an denen es die Möglichkeit gibt, unsere Sportarten auszuprobieren. Aber es reduziert sich im Moment spürbar auf die Vereine, die das traditionell betreiben und bei denen es auch einzelne Leute gibt, die sich darum kümmern. Allerdings muss man sich heute viel mehr ins Zeug legen, um für das Vereinsangebot zu werben – die glorreichen Zeiten, als uns die Mitglieder nur so zugelaufen sind, sind vorbei.

Gibt es Überlegungen, die Regeln zu modernisieren, um die Sportarten attraktiver zu machen?

Es ist ja so, beim Faustball gibt es Weltmeisterschaften. Das heißt, da werden die Regeln vom internationalen Verband vorgegeben. Da kann man höchstens Regeln erfinden, die den Einstieg in die Sportart erleichtern – aber letztlich ist man eben doch an die internationalen Regeln gebunden.

Wie kann es gelingen, diese Sportarten für die Berichterstattung interessanter zu machen?

Eigentlich müssten sich die Spitzenfachverbände auf Bundesebene von olympische Sommersportarten zusammentun und ein Wettkampfkonzept erstellen, das sie in die Lage versetzt, eine attraktive Berichterstattung über einen ganzen Tag hinweg zustande zu bringen. Dem Wintersport ist das gelungen. Aber ich erkenne da im Moment ehrlich gesagt keine Bemühungen.

Wie wichtig ist es, dass Randsportarten auch im Sportunterricht vorkommen?

Wir versuchen schon vonseiten des Turnerbundes, Lehrerfortbildungen anzubieten und den Lehrern diese Sportarten näherzubringen. Letztlich ist es aber immer die Entscheidung der Sportlehrer. Auch hier könnte man mit Sicherheit mehr machen.

Fragen: Martin Deck