Der lange Rekordsommer hat im vergangenen Jahr für Ebbe am Bodensee gesorgt. Ein freigelegter Schlosssteg in Friedrichshafen, Picknicks auf Sandbänken vor der Reichenau und Spaziergänger dort, wo sich sonst nur Schwimmer tummeln – der durchgehend zu niedrige Pegelstand führte zu skurrilen Szenen und ganz neuen Perspektiven. Das ist nun vorbei, denn „Axel“ und „Claudius“ haben den drittgrößten See Mitteleuropas wieder kräftig aufgefüllt. Die beiden Tiefdruckgebiete zogen im Mai über die Region hinweg und hatten jede Menge Regen im Gepäck.

Das könnte Sie auch interessieren

Pegel steigt um über 80 Zentimeter

Allein vom 19. bis zum 21. Mai fielen in Friedrichshafen nach Angaben des Internetportals Wetterkontor rund 78 Liter Regen pro Quadratmeter – mehr als im gesamten Mai 2018 (62 Liter). Insgesamt kommt der diesjährige Wonnemonat auf rund 140 Liter Niederschlag pro Quadratmeter. In vielen anderen Gemeinden in der Region sehen die Werte ähnlich aus.

Mit dem Schmelzwasser kommt das Treibholz. Hier im Lindauer Hafen – und in Bregenz sieht es ähnlich aus und soll noch mehr Holz kommen.
Mit dem Schmelzwasser kommt das Treibholz. Hier im Lindauer Hafen – und in Bregenz sieht es ähnlich aus und soll noch mehr Holz kommen. | Bild: Susanne Hogl

Gemeinsam mit der Schneeschmelze in den Alpen ließ das den Bodenseepegel in kürzester Zeit in die Höhe schießen – „innerhalb von 24 Stunden um 38 Zentimeter“, wie Werner Schulz von der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg mitteilt. Ein solch rascher Anstieg sei ungewöhnlich und in den vergangenen 50 Jahren nur fünf Mal (siehe unten) vorgekommen, erklärt er weiter.

Das könnte Sie auch interessieren

„Meist im Mai oder Juni, da hier zu dem Regen noch die Schneeschmelze hinzukommt, welche zusätzlich mit Wasser, das den Winter über als Schnee gespeichert war, zu dem Ereignis beiträgt“, so Schulz. Insgesamt ist der Pegel im vergangenen Monat um mehr als 80 Zentimeter auf aktuell 4,11 Meter (Stand Freitag, 15 Uhr) gestiegen.

Noch kein Hochwasseralarm

Trotz des Dauerregens in den vergangenen Wochen ist der Pegel des Bodensees noch weit vom Hochwasser entfernt. Der Schwellenwert, bei dessen Erreichen Kommunen und Behörden benachrichtigt werden, liegt bei 4,80 Metern. Dies sei in der Hochwasser-Meldeordnung des Landes Baden-Württemberg festgelegt, sagt Werner Schulz. Derzeit besteht also kein Grund zur Sorge. Ganz im Gegenteil: „Dieser hohe ‚Sommerwasserstand‘ ist sozusagen die Reserve für die Zeit, in der weniger Wasser über die Zuflüsse in den See eingetragen wird“, erklärt Josef Siebler, Sprecher der Bodenseeschiffsbetriebe (BSB).

Darauf, dass der Wasserstand im Laufe des Sommers wieder sinkt, habe sich die Schifffahrt eingestellt, sagt Siebler. „Unsere Häfen und Landestellen sind so ausgebaut, dass Pegelschwankungen von bis zu zwei Metern ausgeglichen werden können.“ Bei einem Pegelstand zwischen drei und 4,80 Metern sei der Schiffsverkehr problemlos möglich, so der BSB-Sprecher. Erst bei Pegelständen deutlich unter drei Metern komme es dazu, dass einzelne Landestellen nicht mehr angefahren werden können. Der Regen der vergangenen Wochen sei also nicht zwingend nötig gewesen, um den Schiffsverkehr auf dem Bodensee aufrechtzuerhalten, sagt Josef Siebler. Mit Blick auf die kommende Sommersaison sei der Anstieg des Pegels aber sehr willkommen.

Im August 2018 herrschte hingegen Niedrigwasser.
Im August 2018 herrschte hingegen Niedrigwasser. | Bild: Fabiane Wieland

Prognosen sind schwierig

Könnte im Sommer also wieder Ebbe am Bodensee herrschen? „Wie sich der Wasserstand in diesem Jahr entwickelt, kann man noch nicht prognostizieren“, sagt Karl-Otto Rothhaupt vom Limnologischen Institut der Uni Konstanz.

Das könnte Sie auch interessieren

Was die Bodenseefische angeht, kann der Experte jedoch Entwarnung geben – selbst ein niedriger Pegel bringe sie nicht in akute Gefahr: „Sie können immer noch in die Tiefe ausweichen“, so Rothhaupt. Die Fische im Seerhein zwischen Ober- und Untersee sowie die Fische im Anlauf des Untersees am Übergang zum Rhein seien vom Niedrigwasser schon eher betroffen. „Letztes Jahr gab es dort Probleme für die Äschen“, erklärt Karl-Otto Rothhaupt.

Niedrigwasser am 21. August 2018, Bregenzer Ach.
Niedrigwasser am 21. August 2018, Bregenzer Ach. | Bild: Gerhard Plessing

Nach den jüngsten Regenfällen ist der See von einem erneuten Niedrigwasser derzeit weit entfernt. Der rasante Anstieg des Pegels ist nun jedoch erst einmal vorbei. In den kommenden Tagen ist die Tendenz laut Hochwasservorhersagezentrale Baden-Württemberg eher fallend.