Fast jeden Morgen ist Franz Grupp im Winter mit seinem Allradantrieb im Revier Tannau des Tettnanger Waldes unterwegs. Der Wagen quält sich streckenweise über den verharschten Schnee. Der Jäger schaut aus dem Fenster heraus nach frischen Fährten, hält an, setzt zurück, steigt aus und begutachtet intensiv die Spuren im Schnee. „Kreisen“ nennt das der Waidmann, der wissen will, ob er „Sauen festmachen“ kann. „Bei der Sau stehen die Afterklauen über den Schalen“, erklärt er fachmännisch und zeigt auf ein paar Fußabdrücke von einem Wildschwein. Aufgrund der Größe der Tritte klassifiziert der Jäger das Tier als Überläufer, also als mindestens einjähriges, noch recht junges Wildschwein. Die Spur aber ist nicht frisch. Die hatte er schon vor Tagen mit pinkfarbenem Spray markiert. Der Wagen rumpelt weiter über die Waldwege.

Franz Grupp beim "Kreisen": Der Jäger inspiziert eine Trittspur im Schnee, die eine Sau hinterlassen hat.
Franz Grupp beim "Kreisen": Der Jäger inspiziert eine Trittspur im Schnee, die eine Sau hinterlassen hat. | Bild: Cuko, Katy

Eine halbe Stunde später wird er dann doch fündig. Unter einer Eiche direkt am Weg hat die Sau den Waldboden auf der Suche nach Eicheln „aufgebrochen“. „Die hat heute Nacht hier gewühlt“, stellt Franz Grupp fest. Er schaut sich die Fährten an, läuft sie in die eine, dann in die andere Richtung ab. Ist der Schwarzkittel ins Revier eingewechselt? Oder auf dem Weg ins Nachbarrevier? Das sei eine starke Sau, vielleicht ein alter Keiler, sagt er. Der gehe immer allein. „Der sucht nur dann die Rotte auf, wenn die Sauen rauschig sind, um sie zu beschlagen“, erklärt er in fachmännischer Jägersprache, die mit dem berühmten Jägerlatein übrigens nichts zu tun hat.

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Franz Grupp ist ein erfahrener Jäger, der vor 42 Jahren auf der Alb begonnen hat, auf die Pirsch zu gehen. Die „Mördergrube“ im Tettnanger Wald, für die er heute eine Jagderlaubnis besitzt, gehört zum Jagdrevier des Bodenseekreises. „Da laufen einige starke Sauen herum. Vielleicht sitzen wir heute Abend an. Die Spuren am 19er sind frisch“, sagt er, und zeigt auf eine Karte, in der nicht nur die Umrisse der einzelnen Jagdpachten eingezeichnet, sondern auch viele Zahlen vermerkt sind. Jede Nummer steht für einen Hochsitz oder Drückjagd-Stand.

Eine Jägerin steht mit ihrem Gewehr in einem Waldstück. Wildschweine dürfen das ganze Jahr über bejagt werden – außer Bachen, die Frischlinge führen.
Eine Jägerin steht mit ihrem Gewehr in einem Waldstück. Wildschweine dürfen das ganze Jahr über bejagt werden – außer Bachen, die Frischlinge führen. | Bild: Philipp Schulze

Auch wenn im Winter auf Schildern am Waldrand oft „Vorsicht – Treibjagd“ steht, ist doch meistens eine Drückjagd damit gemeint. Dabei wird mit Kugelpatronen – nicht mit Schrot – auf Wildschweine geschossen, die Treiber und ihre Hunde in Bewegung gebracht haben. Die Drückjagd setzt der Jagdleiter nur an, wenn sich mehrere Sauen im Revier festgesetzt haben. Erst eine Woche vor unserem "Spaziergang" waren neun Jäger an einer im Tettnanger Wald beteiligt. Doch nur einer bekam Wildschweine vor den Lauf – und dann gleich sechs Sauen auf einmal. „Die kommen angeflogen, nicht spaziert, wenn sie aufgeschreckt sind“, erzählt Franz Grupp. Fünf seien dem Kollegen durchgegangen. Die Tiere flüchteten ins Unterholz, wo kein verantwortungsbewusster Jäger auf Verdacht hinein schießt. Eine Sau konnte erlegt werden. „Wenn der Schuss gut sitzt, ist das Tier tot, bevor es den Knall gehört hat“, erklärt Franz Grupp. Damit das möglichst oft gelingt, muss jeder Jäger vor der Teilnahme an einer Drückjagd nachweisen, dass er auf dem Schießstand zum Beispiel am „laufenden Keiler“ geübt hat. Für den Waidmann ist das Recht, Tiere zu töten, auch erste Pflicht, es möglichst Tierschutzgerecht zu tun.

2018 wurden 78 600 Wildschweine im Land geschossen

Für Schwarzwild gibt es in Baden-Württemberg seit 2017 keine Schonzeit oder Jagdruhe mehr. Sauen dürfen als einzige Wildtierart in Wald und Feld ganzjährig bejagt werden – außer Bachen, die Frischlinge führen. Franz Grupp nennt das den „Mutterschutz-Paragrafen“. Im Land wurden nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums letztes Jahr rund 78 600 Wildschweine geschossen, eine Rekordzahl. An Sonn- und Feiertagen ist die Drückjagd allerdings gesetzlich verboten. Im Bodenseekreis wurde aber auch dieses Verbot von Ende Dezember bis Ende März ausgesetzt – zur Prävention der Afrikanischen Schweinepest (ASP). Es sei notwendig, „alle jagdlichen Möglichkeiten zur Reduzierung von Schwarzwild auszuschöpfen“, begründete die Behörde die Verfügung. „Diese Seuche ist wie ein Damoklesschwert“, sagt Franz Grupp. In Deutschland ist sie noch nicht ausgebrochen, doch in Tschechien oder Belgien gab es bereits erkrankte Tiere. Um die Ansteckungsgefahr zu mindern, müsse die Population in den Wäldern so gering wie möglich gehalten werden.

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Auch wenn seit Ende Januar keine Drückjagd im Tettnanger Wald mehr stattfand, wurden in den Wochen danach noch einige Sauen, vor allem auf den Wiesen rundherum, vom Ansitz aus erlegt. Die inzwischen schneefreien Flächen bieten einfacher Nahrung für Schwarzwild als im Wald. Jetzt werden die frisch bestellten Äcker zum gedeckten Tisch. Mais und andere Feldfrüchte gibt’s bald wieder im Überfluss. Das ist ein Grund, warum sich Wildschweine stark vermehren und so nicht nur zum Seuchenrisiko, sondern auch zur Plage für Landwirte werden können.

Jäger sorgt für Wildkontrolle

Frischlinge gibt es praktisch das ganze Jahr über, und durch die milden Winter überleben die meisten und werden schnell groß. „Der Jäger hat die gesetzliche Verpflichtung, für einen ausgewogenen Wildbestand zu sorgen, der die Belange der Forst- und Landwirtschaft nachhaltig berücksichtigt“, sagt Franz Grupp nüchtern. Nur mit Jagdlust hat dieser Job für ihn schon lange nichts mehr zu tun. Richtet eine Rotte auf Feldern oder Wiesen Schaden an, muss der ersetzt werden. Deshalb sei manches Jagdrevier, das viel Feld und wenig Wald hat, kaum noch zu verpachten.