Mehr als 4000 pflegebedürftige Menschen werden im gesamten Bodenseekreis von ihren Angehörigen betreut und rund um die Uhr versorgt. Nach Berechnungen des Landratsamts wird die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in den kommenden Jahren ständig ansteigen.

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„Ich pflege meinen 71-jährigen Mann Günther seit 1997“, erklärte beispielsweise eine 67-jährige Frau aus Friedrichshafen, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. Ihr Mann leidet an einer Autoimmunkrankheit und ist fast vollständig blind und hat ständig enorme Schmerzen. „Ich muss jede halbe Stunde nach ihm sehen und auch in der Nacht häufiger raus“, erklärt sie.

Annette Hermann (links) ist in Langenargen für die Seniorenarbeit zuständig und im Netzwerk „Älter werden im Bodenseekreis“ aktiv.
Annette Hermann (links) ist in Langenargen für die Seniorenarbeit zuständig und im Netzwerk „Älter werden im Bodenseekreis“ aktiv. | Bild: Andy Heinrich

Darum ist die Häflerin gemeinsam mit weiteren 13 Männern und Frauen, die ebenfalls Angehörige pflegen, zum Verwöhntag auf Einladung der Frauen- und Familienbeauftragten und dem Netzwerk „Älter werden in Bodenseekreis„ ins Don-Bosco-Haus nach Eriskirch gekommen. „Für die pflegenden Angehörigen ist es meistens ein enormer Aufwand, einen ganzen Tag lang mit gutem Gewissen nicht daheim zu sein“, weiß Annette Hermann, die bei der Gemeinde Langenargen für die Seniorenarbeit zuständig ist und den Verwöhntag mit Vorträgen und gemeinsamem Essen mitorganisiert hat.

„Der größte Pflegdienst der Nation“

Wiltrud Bolien vom Pflegestützpunkt des Landratsamts in Friedrichshafen führt gemeinsam mit ihren Kollegen eine Pflegestatistik. So gibt es derzeit knapp 6000 pflegebedürftige Menschen im Bodenseekreis, von denen 4286 zu Hause versorgt werden. Mehr als 3000 von ihnen werden sogar ausschließlich von ihren Angehörigen gepflegt, das heißt, ohne Unterstützung von einem ambulanten Pflegedienst. „Die Familie ist der größte Pflegdienst der Nation“, weiß Wiltrud Bolien. Laut Berechnungen soll es alleine im Bodenseekreis bis ins Jahr 2030 einen Anstieg an pflegebedürftigen Menschen um 35 Prozent geben.

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Wer Angehörige zu Hause pflegt, der hat Anspruch auf gesetzliche und kommunale Leistungen. Die Mitarbeiter des Landratsamts und der Gemeinden sind neben den Krankenkassen deshalb auch oft die ersten Anlaufstellen, wenn es um Informationen geht. „Ich verbringe viele Stunden am Telefon und am Schreibtisch mit Gesprächen und Formularen,“ weiß die 67-jährige Häflerin, die ihren Mann mit Pflegestufe drei seit mehr als 20 Jahren pflegt.

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Sie fügt hinzu: „Bei den Behörden und Kommunen kommt man oft rasch weiter, bei den Krankenkassen wird erst einmal geblockt, wenn jemand merkt, dass es um Zusatzleistungen geht.“ Ihr Mann muss wegen seiner Autoimmunkrankheit alle sechs Wochen in eine Klinik nach München und dabei müssen seine Augen mit einer Schlafmaske ganz verdeckt sein. „Wir sind bis vor Kurzem immer mit dem Bus gefahren, aber das ist ein großer Aufwand und mit Umsteigen in München verbunden.“

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Erst auf hartnäckiges Nachfragen habe man ihr erklärt, „dass uns für diese Fahrten ein Krankentransport zur Verfügung steht oder wir ein Taxi nehmen dürfen“. Seit Jahren kämpfe sie außerdem vergeblich darum, einen Behindertenausweis für ihren Mann zu erhalten, um Behindertenparkplätze nutzen zu können. Aber ohne Erfolg. Denn: Ihr Mann ist auf einem Auge vollständig blind, auf dem anderen beträgt die Sehleistung noch fünf Prozent.

Weg durch die Behörden oft aufwendig

Für einen Ausweis dürften es jedoch nur zwei Prozent sein. „Mein Mann darf sich draußen aber nur mit komplett abgedunkelten Augen bewegen, der Ausweis wäre schon eine große Hilfe für uns“, erklärt sie. Auch die Mitarbeiterinnen des Landratsamts wissen, dass der Weg durch die Behörden oft aufwendig sein kann. Jeder Betroffene könne sich aber telefonisch beraten lassen und Hilfen einfordern.

Enormer Kraftakt für Angehörige

Ihren Vater und ihre Mutter, beide ehemalige Landwirte, betreut eine Frau aus Bad Wurzach. „Meine Eltern sind beide rund um die Uhr pflegebedürftig und ich muss arbeiten gehen, das ist oft nicht leicht zu organisieren“, sagt sie bei der Veranstaltung in Eriskirch. Doch für die meisten Angehörigen hier ist klar – sie wollen ihre Eltern oder Ehepartner so lange wie möglich zu Hause pflegen. „Wer bei uns anruft, der kann sich nach allen Möglichkeiten, auch nach einer Kurzzeitpflege oder ambulanten Diensten, erkundigen. Wir wissen sehr wohl, was für ein enormer Kraftakt es ist, rund um die Uhr verfügbar sein zu müssen“, sagt Melanie Haugg vom Pflegestützpunkt des Landratsamts. „Wir raten den pflegenden Angehörigen immer wieder, sich bei uns zu melden oder sich untereinander schnell und unbürokratisch auszutauschen“, so Haugg.

Hilfe beim Pflegestützpunkt

Wer zu Vorträgen oder einem kostenlosen Verwöhntag kommen möchte, der kann sich auch in Sachen Betreuung an das Landratsamt wenden. „Häufig scheitert die Teilnahme an den Veranstaltungen, weil der pflegende Angehörige für sich keinen Ersatz in der Betreuungssituation zu Hause findet. Wir bieten deshalb an, dass sich betroffene Personen an den Pflegestützpunkt wenden können. Die Kolleginnen sind dann behilflich, für diese Zeit eine Lösung zu finden“, so Wiltrud Bolien.

„Das bin ich ihm einfach schuldig“

„Für mich ist ganz klar, so lange es mir möglich ist, pflege ich meinen Mann daheim“, sagt die 67-jährige Häflerin. Wichtig ist ihr: „Wir hatten so viele schöne gemeinsame Jahre, das bin ich ihm einfach schuldig, das ist gar keine Frage.“